Schreiten und erstarren

100. Geburtstag Das Kunsthaus Zürich entdeckt die surreale Seite Alberto Giacomettis

Alberto Giacometti steht für die hohe, schmale, extrem reduzierte Menschenfigur. Irgendwie verhungert sehen diese Skulpturen aus, nicht nur körperlich. Machtlos, resigniert, stoisch. Bezeichnenderweise sind die meisten von ihnen in den fünfziger Jahren entstanden, in der Zeit nach der Befreiung der KZs - da waren den Fotografen Menschen entgegengetaumelt, die tatsächlich nur noch aus Haut und Knochen bestanden. Die Giacometti-Figuren wurden schnell berühmt. Bald standen sie auch für das Lebensgefühl der Existentialisten: Geworfenheit des Menschen, der sich in seiner Einsamkeit frei wählen muß. "Ante-diluvianisch" nannte Sartre Giacomettis Arbeiten, also: aus der Zeit vor dem Anfang der Welt stammend.

Und nun ist alles ganz anders. Im Züricher Kunsthaus zeigen uns die beiden Kuratoren Christian Klemm und Tobia Bezzola neben den traurigen Stelen auch den frühen, den fröhlichen, experimentierfreudigen, verspielten Giacometti der 20iger und 30iger Jahre, der durch Kubismus, archaische Formen afrikanischer Stammeskunst und Surrealismus hindurchspaziert und dann bei der reduzierten, geschuppten Einzelfigur und beim gestrichelten Portrait im leeren Raum endet.

Die Ausstellung will zeigen, wie er an diesen Endpunkt kommt, und es ist sehr die Frage, ob es sich hier um eine stringente Entwicklung handelt. Nach meinem Empfinden ist Giacometti, der in einer ganz einfachen, bäuerlichen Umgebung im Schweizer Bergell aufgewachsen ist und schon als Junge sich an seinen ersten Skulpturen abarbeitete, eine Zeitlang nur ausgebrochen in die Spielereien der Pariser surrealistischen Bewegung, der er mit seiner "Boule suspendue" ein Kult- und Markenzeichen gab - um dann fast mönchisch wieder heimzukehren: zur Versenkung in die menschliche Figur und zur Meditation darüber, was man von einem Menschen sehen und wissen kann.

Die Ausstellungs-Kuratoren Tobia Bezzola und Christian Klemm haben anläßlich des hundertsten Giacometti-Geburtstags (am 10. Oktober) eine ganz andere These: man werde, so lautet sie in leicht verkürzter Form, im neuen Jahrtausend vor allem den surrealistischen Giacometti wahrnehmen, jenen, den man noch nicht so gut kenne. Diese Akzentverschiebung wird in Zürich aufwendig inszeniert. Die Ausstellung hat den Grundriss eines Barockgartens: zentrale Längs-Achse, an die sich zu beiden Seiten quadratische Räume anschließen. Man kann also, an einem Punkt stehend, in vielerlei Richtung sehen - alles hänge mit allem zusammen und spiegele sich ineinander, so behauptet dieses Arrangement. An der Zentralstraße steht hinten die hölzerne, von afrikanischen Religionen inspirierte Löffelfrau von 1927. In der Mitte ein monumentaler dreiteiliger Block, der noch nie ausgestellt wurde, "Figure dans un Jardin" von 1932, der Zeit des Probierens. Dann die schmale, extrem verdünnte, reduzierte Frauenfigur auf einem Wagen, "Le chariot" von 1950. Und hinten, aus der Spätphase, die fast drei Meter hohe, majestätisch-traurige "Große Frau" von 1960.

Das ist die Zeitachse. Zu den Seiten, in luftigen Kabinetten, die Objekte, Bilder und Zeichnungen, die in der Breite belegen, was man so genau noch nicht wusste: dass Giacometti ein großer Spieler, Provokateur und Experimentator war, ein surrealistischer Clown und kubistischer Formverdreher, dass er lange Phase des Suchens hatte, bevor er bei den aufrecht stehenden oder schreitenden Menschen landete, mit denen er ganz altmodisch und dickköpfig das Wesen des Homo sapiens erkunden wollte.

Giacometti entsprach in den sechziger Jahren, der Phase seines größten Ruhms, dem Ideal des existentialistischen Künstlers perfekt - wiewohl er einen verschlungenen Weg hinter sich hatte: zunächst klassische Ausbildung bei Bourdel, einem Rodin-Adepten; bald jedoch Abschied von der Abbildungs-Vorstellung der Kunst. Stattdessen kubistische Torsi, helle schmale Scheiben-Köpfe, geometrisierte Paare. Dann produzierte er nicht mehr, wie üblich, vertikale, sondern horizontale Skulpturen, aufgeschnittene, aufgestülpte Wesen, Mobiles, Käfige, Paar- und Familien-Soziogramme in clownesken Draht-Formen, Spielfiguren, Eisengestelle. Marmorblöcke als weiße Landschaften. Winzige Figuren auf riesigen Sockeln. Dessins automatiques. Spielbretter, Körperteile in der Gewalt kleiner Maschinen, Stilleben, afrikanische Holzleiber. Orange und Banane in abstrakter Perfektion verfremdet zu Kugel und Sichel, Sonne und Mond, eben zur frei im Raum schwebenden "Boule suspendue". In Zürich sieht man auch einen aus kleinen Stangen bestehenden Bühnen-Modellkasten mit Menschen-Elementen: "Le Palais à quatre heures du matin", der Palast um 4 Uhr früh, eine Parodie auf Böcklins Toteninsel.

Dies alles sind Arbeiten, die eine künstlerische Wahrheit jenseits der Abbildungs-Funktion suchen. Giacometti war, das vergisst man immer, fast fünfzig Jahre alt, er hatte schon eine ganze Karriere als Abstrakter und Surrealer hinter sich, als er mit den dünnen Menschen-Skulpturen und gestrichelten, gekritzelten Portraits begann, also wieder zum Figuralen zurückfand. Ich vermute, das hängt mit der Faschismus-Erfahrung zusammen. Aber nicht nur. Giacometti wollte wohl nicht als Macher von provokant-freundlichen Spielbaukästen enden. Er kam aus einer kargen Schweizer Alpengegend und immer wieder kehrte er aus Paris nach Stampa und Borgonovo zurück, die Gegend um den Maloja-Paß. Dort wurde geerntet und Heu gemacht, und das Bäurisch-Einfache, Naturverbundene hat mit der Pariser Avantgarde bei Giacometti eine produktive Verbindung, aber auch Spaltung ergeben: experimentell und erdverbunden, kompliziert und simpel, bohemienhaft und religiös. Diese beiden Elemente tauchen künstlerisch nie gemeinsam auf. So wie der Depressive über lange Phasen auch mal gerne lacht und froh über Abwechslung ist, hat Giacometti sich zwischen 1920 und Kriegsbeginn im Trubel bewegt, um dann wieder mit dem Gestus der Weltabgewandtheit zu zeichnen und zu formen.

Immerhin gibt es einzelne Motive, die sich durch das Gesamtwerk ziehen: die Hand als verirrtes Ding in einer Maschine, als gekratzte Spur auf einem Marmorkopf, als fragmentierte gipserne Einzel-Skulptur und als Teil einer meditierenden Stele, die mit dem Finger zeigt. Oder: Die aufrechte schmale Gestalt steht zunächst in der Ferne auf riesigen Blöcken; Giacometti holt sie dann vom Sockel, legt sie in die Horizontale, bringt sie in Ensembles und Environments ein und lässt sie erst spät schreiten und melancholisch erstarren. Es ist eine ungeheure Vielfalt, die in Zürich zu sehen ist: von den Zitaten der Primitiven über die Lust an der spielerischen Bewegung hin zur Statue, anders gesagt: von der ironischen Exaltation zur Reduktion.

Giacometti ist ganz anders, sagt diese Züricher Ausstellung. Man mag bezweifeln, ob das so stimmt. Aber wer neben dem kontemplativen auch den lustigen Giacometti entdecken will, den Alltags-Verfremder und ein bisschen auch Bürgerschreck, der muss jetzt in die Schweiz pilgern.

Kunsthaus Zürich, bis 2.September. Danach in New York im Museum of Modern Art. Katalog 50 SF

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00:00 15.06.2001

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