Schüttel dein Barthaar, Marx

Digitalisierung Rauben Roboter uns die Jobs? Bedroht uns die Technik? Zwölf Anmerkungen zu einer schrägen Debatte
Schüttel dein Barthaar, Marx
Digitalisierung verändert unsere Leben. So ist man in Ausstellungen früher viel weniger angestrahlt worden

Foto: Peter Macdiarmid/Getty Images

Die Digitalisierung bietet große Chancen für unser Land“, wirbt der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD. Zugleich warnen Ökonomen vor Risiken: Intelligente Automaten könnten die Arbeitsplätze einnehmen und den Menschen Jobs und Einkommen nehmen. Droht uns die menschenleere Fabrik? Zwölf Anmerkungen zu einer schrägen Debatte.

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Digitalisierung: Im Kern bedeutet sie lediglich, dass Daten digital gesammelt, gespeichert und verarbeitet werden – immer mehr und immer schneller. Was folgt aus dieser Technik? Laut BMW „hilft sie, die Produktion zu optimieren, den Mitarbeitern neue Möglichkeiten zu eröffnen und die Qualität unserer Produkte weiter zu steigern“. Digitalisierung ist damit eine Verheißung. Laut Arbeitgeberverband BDA „ist die Digitalisierung eine Herausforderung und verändert unser Leben“. Damit ist sie gleichzeitig ein Schicksal, das nicht mehr hinterfragt werden kann, das dafür aber „Chancen und Risiken“ bietet. Für Angela Merkel wiederum geht es bei der Digitalisierung „um die Sicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich entscheiden, ob Deutschland vorne mit dabei ist oder abgehängt wird.“ Damit ist die digitale Technik – ähnlich wie vor Jahren die „Globalisierung“ – zu einer Bedrohung mutiert. Wie das?

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Bedrohung: Die Digitalisierung führt zur menschenleeren Fabrik oder zum menschenleeren Büro, prophezeien einige Ökonomen. Denn die Automaten sind zunehmend in der Lage, menschliche Arbeit zu übernehmen. Andere Experten winken ab: Schon seit Ewigkeiten werde vor technologisch bedingter Massenarbeitslosigkeit gewarnt, doch dies sei nie eingetreten. Denn Jobs verschwanden nicht, sie veränderten sich nur. Denn Menschen fanden andere Jobs, etwa im Dienstleistungssektor. Die neue Technik schuf neue Jobs, machte die alten produktiver und sicherte sie dadurch. Diesen Argumenten wird wiederum entgegengehalten, heute sei alles anders. Die lernfähigen Maschinen übernähmen künftig nicht nur mechanische Tätigkeiten, sondern auch kognitive – für die Menschen bleibe auf Dauer nichts mehr übrig. Diese Debatte läuft und kann vorerst nicht entschieden werden. Denn beide Seiten können nicht mehr als vergangene Trends in die Zukunft fortschreiben. „Only time will tell“, so das Fazit des Bloggers Noah Smith.

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Freiheit: Die Warnung vor der menschenleeren Fabrik lenkt ab von dem Fakt, dass es sich hier nicht um ein technologisches Problem handelt, sondern um ein ökonomisches. Wäre der Zweck der herrschenden Ökonomie, das Leben und die Arbeit möglichst angenehm zu gestalten, bliebe rätselhaft, warum die Automatisierung eine Bedrohung sein soll. Denn eigentlich macht sie die Produktion der gewünschten Güter einfacher – die Menschen könnten mehr freie Zeit genießen anstatt um ihre Arbeitszeit zu bangen. Doch so scheint die viel gerühmte Effizienz der herrschenden Wirtschaftsweise nicht definiert zu sein. Dieser Punkt wird nur anerkannt, um ihn anschließend wieder unter den Tisch fallen zu lassen. Dabei ist genau hier das zentrale Problem angesiedelt.

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Arbeit: Die Warnung vor der „menschenleeren Fabrik“ beinhaltet ein unbedingtes Lob der Lohnarbeit: Hauptsache ein Job! „Früher wurden die Arbeiter ausgebeutet“, sagt der Historiker Yuval Noah Harari. „Jetzt fürchten die Menschen, dass es noch schlimmer kommt. Wenn ich völlig irrelevant bin, dann ist das viel bedrohlicher.“ Das Bundesarbeitsministerium verspricht, in der Digitalisierung „Teilhabe an Arbeit zu sichern“. Damit steht alles auf dem Kopf: Arbeit ist nicht mehr die Leistung der Beschäftigten für das Unternehmen. Sondern sie ist ein knappes Gut, das die Unternehmen bereitstellen und an dem die Politik den Menschen Teilhabe verspricht. Die wesentlichen Fragen treten damit zurück: Wie verändert Digitalisierung die Arbeit, wie sehen die Jobs aus, die übrig bleiben? Wer bekommt was?

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Kontrolle: „Maschinen nehmen uns die Arbeit weg“ ist so zutreffend wie „Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“. Die Handelnden in diesen Sätzen sind die Maschinen und die Ausländer. Dabei sind die wahren Subjekte des Geschehens allen bekannt: die Unternehmen, denen die Arbeitsplätze gehören und die Inländer, Ausländer und Roboter nach ihren betriebswirtschaftlichen Kalkulationen ein- und in Konkurrenz zueinander setzen. Die Bedrohung hat also eine eindeutige Quelle. Bedroht werden die Beschäftigten nicht durch die Fähigkeiten der Maschinen, sondern durch das betriebswirtschaftliche Kalkül, das sich die Maschinen zu Nutze machen. „Digitalisierung“ ist daher schon von Anfang an ein ideologischer Begriff, da er bloß die technischen Möglichkeiten benennt, nicht ihre ökonomische Funktion.

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Rationalisierung: Ziel der Unternehmen bei der Rationalisierung ist nicht die menschenleere Fabrik. Ihr Ideal ist die lohnlose Fabrik: Arbeitskosten werden vermindert, nicht unbedingt Menschen entlassen – von billigen Arbeitskräften können die Unternehmen gar nicht genug bekommen. Der Vormarsch der Roboter ist ebenso ihren stets betonten technischen Möglichkeiten geschuldet – sie können immer mehr – wie ihrem Preis: sie werden immer billiger in Anschaffung und Unterhalt. Das setzt die Belegschaft in verschärfte Kostenkonkurrenz. Da die Unternehmen die handelnden Subjekte der Digitalisierung sind und da sie diese Technik nur für ihren Zweck anschaffen, wären massenhafte Arbeitslosigkeit oder Arbeitseinkommens-Verluste kein dummer Nebeneffekt eines technologischen Wandels, sondern bloß konsequent. Sie sind daher immer möglich, allen Beschwichtigungen zum Trotz.

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Lohnstückkosten: Die digitale Technik liefert den Unternehmen viele Varianten, die Lohnstückkosten zu senken. Die einfachste ist die Ersetzung menschlicher Arbeit durch einen Automaten, der weder Urlaub noch Krankheit kennt, der nie streikt und 24 Stunden täglich läuft. Unternehmen können aber auch Arbeitsleistungen über Internet-Plattformen ausschreiben, wo dann freie Auftragnehmer um die Erledigung der Jobs konkurrieren. Auf diese Weise wird das Arbeitskräfte-Reservoir ausgedehnt, Selbstständige ohne sozialen Schutz oder Mindestlohn werden in die Betriebsabläufe integriert, die Betriebsgrenzen fallen und setzen die Kernbelegschaft unter Druck. Die digitale Technik verbessert auch die Leistungskontrolle der Beschäftigten und sorgt so dafür, dass pro bezahlter Minute mehr gearbeitet wird. Zudem schafft sie Möglichkeiten, dass auch in der nicht-bezahlten Zeit – am Wochenende oder nach Feierabend – gearbeitet wird.

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Anpassung I – Flexibilisierung: Damit die Arbeitnehmer die Jobs behalten dürfen, so Unternehmerverbände und Politik unisono, müssen sie etwas bieten: Flexibilität, also ihre bessere Anpassung an den betriebswirtschaftlichen Zweck. Aus den Verheißungen der digitalen Technik ist damit die Forderung geworden, sich dem unabwendbaren technologischen Wandel zu beugen. Das Arbeitsministerium zielt daher auf ein „neues Normalarbeitsverhältnis“. Flexibilität soll es nicht mehr an den „Rändern des Arbeitsmarktes“ geben, sondern in seinem Zentrum. Konsequenterweise schreibt das Ministerium in seinen Digitalisierungs-Broschüren den Begriff „atypische Beschäftigung“ nur noch in Anführungszeichen. Was bisher zwar verbreitet war, aber als „atypisch“ bewertet wurde, soll typisch werden. Das Unnormale wird Normal. Flexibilität könnte theoretisch zwar auch den Beschäftigten nutzen. In der Realität aber dient sie schon heute den Unternehmen: „An keiner Stelle bestimmten die Beschäftigten selbst hauptsächlich über ihre Arbeitszeit“, so das Fazit einer Untersuchung des Instituts IAB.

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Anpassung II – Lernen: Als Rüstzeug für die neue Zeit verspricht die Politik den Beschäftigten vor allem eines: Qualifikation, lebenslanges Lernen. Damit sollen sie instand gesetzt werden, den gewandelten Anforderungen der Unternehmen in Sachen Fähig- und Fertigkeiten zu genügen. Gestärkt werden soll so ihre „Beschäftigungsfähigkeit“ – ein eigenartiger Terminus, der die Tatsache, dass ein Unternehmen einen Menschen einstellt, als Eigenschaft dieses Menschen bezeichnet. Neben Fachwissen brauchen die Menschen auch „emotionale und mentale Widerstandskraft, um mit all dem Stress und Wandel klarzukommen“, sagt der Historiker Harari. „Doch diese Fähigkeit wird bisher leider an keiner Universität gelehrt.“

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Verteilung: Ob die Digitalisierung die Fabriken und Büros entvölkert, ist offen. Klar ist jedoch bereits: Auf dem Tisch liegt eine Verteilungsfrage. Denn die digitale Technik bringt Gewinner und Verlierer hervor. Qualifizierte Personen verdienen mehr als unqualifizierte, die Unternehmen ziehen gesellschaftliches Einkommen von den Beschäftigten an sich, der Reichtum sammelt sich in technologisch hochgerüsteten Zentren, denen abgehängte Regionen gegenüberstehen. Statt „Droht die Apokalypse?“ lautet die zentrale Frage: „Wer erntet die Früchte der Entwicklung der Produktivkräfte?“ Hier werden die abhängig Beschäftigten nichts geschenkt bekommen.

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Heimat: Nicht nur die Beschäftigten sind laut Politikern durch die Digitalisierung bedroht. Auch der Standort. Denn die Technik hat die falsche Heimat. Sigmar Gabriel (SPD) sagt: „Unser Problem besteht darin, dass die Internet-Giganten aus den USA uns immer mehr in die Abhängigkeit zwingen.“ Alexander Dobrindt (CSU) sagt: „Gewinnt Europa keine digitale Souveränität, so sind wir eher in Lebensgefahr, als dass das Ganze eine Chance ist.“ Und Angela Merkel (CDU) warnt vor der „Gefahr, dass die deutsche Industrie der hintere Teil der verlängerten Werkbank der IT-Konzerne wird.“ Der eigentliche Gegner steht also auf der anderen Seite des Atlantiks – und in Fernost, wo die Chinesen „nach den Sahnestücken des deutschen Mittelstands greifen“ (Zeit). Damit Deutschland nicht „abgehängt wird“ (Merkel), müssen wir uns also wehren, das heißt: die anderen abhängen. „Der Gewinner des digitalen Wettrüstens dürfte die nächsten Jahrzehnte die ökonomische Dominanz erringen“, prophezeit der US-Think-Tank Eurasia Group. „Aus der technologischen Vorherrschaft entstehen Abhängigkeiten, die politisch genutzt werden können.“ Was neue Technik heute so alles mit sich bringt.

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Science Fiction: Die Kinos sind voll von Geschichten aus einer Zukunft, in der Maschinen die Menschen bedrohen. Terminator, Avengers, Matrix, Odyssee im Weltraum – überall wenden sich die Automaten gegen ihre Schöpfer. Das soll einem Gegensatz von menschlicher Wärme und Moral versus kalter Technik geschuldet sein. Dabei resultiert die Bedrohung der Menschen in der realen Welt nicht aus kalter Maschinenlogik, sondern aus nicht minder kaltem Profitkalkül. Science Fiction lässt die als selbstverständlich akzeptierte Brutalität des Wirtschaftssystems als Eigenschaft der Technik, die die Menschen unterjocht, erscheinen. Karl Marx schüttelt sein bärtiges Haupt, während an der Börse „Technologie-Aktien“ immer neue Rekorde erklimmen.

06:00 11.05.2018

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