Schuld und Sühne

Zwangscharakter Der Held in Sibylle Lewitschroffs erstem Roman "Montgomery"krankt am Deutschen

Pong, jener liebenswürdig verschrobene Held, mit dessen Auftritt Sibylle Lewitscharoff 1999 den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und wohl auch die Herzen der Leser gewann: Dieser Pong schien aus einer fernen Welt zu uns sprechen - und war doch in seinem Wahnsinn scharf ausgerichtet an der Realität. Unserer Realität, in der das Geld zur Ikone und die Ratio zum Fetisch erhoben worden sind; pervertierte Restbestände des Heiligen.

Betrachtet man nun Montgomery, den Titelhelden von Lewitscharoffs neuem gleichnamigen Buch, mit dem sie das Genre des Romans zum ersten Mal mit Bravour für sich erobert hat, scheint dieser in all seiner beleibten Sinnesfülle so ganz anders als jener Pong. Und doch entpuppt Montgomery sich als Pongs ferner Verwandter, ist das Universum seiner inneren wie äußeren Welt von jener gleichen Brüchigkeit, die auch Pong den Garaus zu machen drohte.

Sicher: Er ist aus Fleisch und Blut, dieser Montgomery Cassini-Stahl. Geboren 1949, "da war Feldmarschall Rommel fünf Jahre tot"; ein Schwabe, den die Schulkameraden spöttisch "Blechle" nannten, demnach ein einsamer Mensch schon als Kind - dem es jedoch gelungen ist, ein erfolgreicher Filmproduzent zu werden. Ein Macher nunmehr, ein fast demiurgischer Mensch - dessen innere Verlorenheit Lewitscharoff uns in einer Schöpfungsgeschichte ex negativo erzählt, indem sie die sieben letzten Tage im Leben des Montgomery rekapituliert, und das vor den Kulissen der Heiligen Stadt Rom. Dort nämlich ist Cassini im Jahre 1999 damit beschäftigt, sein Lebenswerk zu verwirklichen: das Leben des "Jud Süß" Joseph Oppenheimer neu zu verfilmen.

Jud Süß aber, das kann nur zurück führen ins kalte Herz der Deutschen - und in die blutige Verstrickung mit der schmutzigen Macht. Dieser Verstrickung hat sich, was die Frage der Juden anbelangt, auch die Kirche schuldig gemacht, und das schon vor den Auswüchsen des Faschismus. Denn Lewitscharoff blendet nicht nur in die Verlogenheit der NS-Epoche - in der Cassinis Großvater als Industrieller mittels Rüstungsgeschäfte sehr wohl sein Auskommen mit der Macht zu finden wusste - zurück, sondern liefert auch die historischen Ereignisse um die Verurteilung des Juden Süß in Stuttgart 1738, den man immerhin im "predigtversessenen" Musterländle des Pietismus (und Lewitscharoffs eigener Heimat) zu erhängen nicht zögerte.

Dass der Glaube, wo er verloren geht an die säkulare Macht seines Widergängers, des Geldes, in Wahnsinn zu kippen droht - davon erzählte Lewitscharoff uns schon in Pong. Die Ordnung des Geldes, der Ausverkauf der einstigen Sinnstiftung an den Talmi des Scheins, erklingt als Subtext auch in Montgomery. Cassini etwa gilt das Geld als Währung, mit der er Ordnung bezahlt, ist doch Geld für ihn geknüpft an "Reinlichkeit". Reinheit, die Befreiung vom Leiblichen überhaupt, ist ihm, der noch beim Essen methodisch vorgeht und das seit Kindertagen verhasste Ritual des Mittagessens um zwölf Uhr nicht ablegen kann, dabei eine zweite Haut: Ein Pong´scher Zwangscharakter ist nämlich auch er, der noch im verschwenderischen Maß seiner Freigiebigkeit letztlich die Liebe, die ihm seit Kindertagen fehlt, mit aller Macht zu erstehen sucht.

Denn wie Jud Süß ist er ein Vertriebener: Da ist nicht nur die Schande der (doppelt) falschen Herkunft, da der Nazimakel gesteigert wird durch einen italienischen Vater, der in der Familie als Halodri galt und den Jungen zum Fremden in der eigenen Heimat macht. Ein Fremder scheint Montgomery auch in der eigenen Familie, die den erstgeborenen Sohn, seinem älteren kränklichen Bruder Robert, der "nach den Gesundheitsideen des Führers als ein beschädigter Trieb ... hätte ausgemerzt werden müssen", deutlich bevorzugt hat. Robert aber, dessen "Hüter" Cassini als Junge war, ist tot - und viele (bis zuletzt bewusst nicht auflösbare) Zeichen deuten darauf hin, dass Robert vom Bruder getötet worden ist - eine moderne Version des Kain-und-Abel-Motivs.

Schuld und Sühne - und mithin die Hoffnung auf Erlösung durch die Macht der Wiedergutmachung, als die im privaten wie im historisch-gesellschaftlichen Sinne Cassinis Neuverfilmung des Jud Süß demnach verstanden werden darf: Diese Trias erzdeutscher Befindlichkeit bildet den eigentlichen gordischen Knoten im Herzen auch von Montgomery, diesem jenseits der einstigen lewitscharoffschen Arabeske dennoch opulent erzählten Roman, der Krimi, Recherche, Chronik - und die Erfindung eines ergreifenden Antihelden in der Tradition der christlichen Schmerzensmänner vereint. Und wie im wahren Leben gibt es auch für den Romanhelden kein Entrinnen aus "dem römischen Zauberkreis", sondern allein Verdammnis. Noch einmal triumphiert hier Lewitscharoffs ganze Kunst, wenn sie den Totengang "hinab, hinab", Cassinis letzten Weg durch die Stadt der sieben Hügel, in fast alttestamentarischer Schrecklichkeit inszeniert. Denn schrecklicher noch als Montgomerys Höllenvisionen sind die Fratzen der Moderne, in die er in seiner letzten Stunde blicken muss: Pilger mit Baseballkäppchen und Plastikdosen für den Proviant auf ihrem Weg in falsche Glückseligkeit.

Sibylle Lewitscharoff: Montgomery. Roman. Deutsche Verlagsanstalt, München 2003, 346 S., 19,90 EUR

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00:00 26.09.2003

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