Schuld war der Fahrer

Versatzstücke In seinem Roman "Vom Geist der Gesetze" vermutet Georg M. Oswald Machenschaften hinter den Kulissen der dritten Gewalt

Das Satire-Magazin Titanic führt seit Jahren eine Statistik, die Unfälle der besonderen Art erfasst, Unfälle unter Beteiligung von CSU-Politikern. Das ist ein gar nicht seltenes Phänomen, und ein Teil des Phänomens ist, dass dem Unfall gelegentlich ein Gerichtsfall folgt, der ohne Folgen bleibt. Otto Wiesheu zum Beispiel rammte als CSU-Generalsekretär 1983 mit 1,7 Promille einen anderen Wagen auf der Autobahn. Ein Mensch kam ums Leben, ein anderer wurde schwer verletzt. Wiesheu überlebte, auch politisch. Zwölf Monate auf Bewährung, Wechsel vom Posten des CSU-Generalsekretärs in den Sessel des Geschäftsführers der Hanns-Seidel-Stiftung. 1993 wurde der Unfallverursacher Verkehrs- und Wirtschaftsminister in Bayern.

Der unfallverursachende CSU-Politiker, ein mildes Gericht, eine scheinbar bruchlose Karriere - das ist Holz, aus dem sich Anschauungsmaterial für die These schnitzen lässt, dass man die Großen laufen lässt und die Kleinen hängt. Diese These freilich ist nicht neu, und das Holz dafür, nun ja, ist eher rustikale Eiche. Es muss ein großer Autor sein, der daraus Neues schafft. Versucht hat es in Vom Geist der Gesetze Georg M. Oswald.

Der Münchener Autor hat 352 Seiten über ein unerhörtes Ereignis geschrieben. Das ist etwas lang für eine Novelle. Das Ereignis: ein Autounfall. Vielleicht das sprödeste Ereignis, das ein Schriftsteller erfinden oder eher: einsetzen kann, um die Leben der Beteiligten kurz auf- und durcheinander zu wirbeln, dabei die Illusion erzeugend, es könnte sich doch etwas Grundlegendes ändern, alles anders werden. Aber alles anders - das trauen sich nur US-Drehbuchautoren, und dies ist ein deutsches Buch, in dem der Politiker Kurt Schellenbaum heißt und sein Unfallopfer ein erfolgloser Drehbuchautor mit dem Namen Ladislav Richter ist. Schellenbaum fährt Richter an, der Politiker schiebt die Schuld auf seinen Fahrer.

Aus dieser Konstellation entfaltet sich ein "Gesellschaftsroman", wie der Klappentext suggeriert, denn das spröde Ereignis zieht Kreise: Anwälte werden eingeschaltet, der beste Strafverteidiger der Republik tritt auf, während seine Ehe kriselt, ein Junganwalt erhält seine Initiation in die skrupellosen Kreise, Menschen aus der Unterschicht und gestrauchelte Bohemiens streifen diese Welt, und im Dunst, irgendwo hinter diesem Politiker Schellenbaum, wabert eine Affäre, die dem Komplex um den Lobbyisten Schreiber und seinen Verbindungen zur CSU nachgebildet ist. Die Wege der Figuren kreuzen sich. In kurzen Momenten erliegen Oswalds Protagonisten der Illusion, jetzt passiere etwas, als wende die Begegnung mit einer anderen Person alles. Doch wäre dies ein realer Fall, so bliebe am Ende nichts außer einer weiteren Nummer in der Titanic-Statistik verunfallter CSU-Politiker.

Das klingt nicht aufregend, aber Oswald treibt den Leser geschickt durch den konventionellen Plot. Als Krimi ist es nicht ganz so spannend wie ein Grisham, die Initiationsgeschichte des Junganwalts und die Liebeskabale der besseren Gesellschaft sind nicht ganz so böse wie in Walsers Ehen in Philippsburg, die Schickeria-Stories sind nicht ganz so radikal wie bei Christian Kracht, der Blick auf das Rechtssystem ist nicht ganz so ironisch wie bei Herbert Rosendorfer. Dennoch ist es ein gutes, ein spannendes Buch, aber nicht gerade ein geniales. Dazu fehlt die literarische Überhöhung der Wirklichkeit. Diese Geschichte, die in den vermeintlich besseren Kreisen Münchens spielt, ist eher ein Sachbuch-Roman.

Und siehe da: Georg Oswald ist auch einer, der etwas sehr sachliches hat, denn an ihm klebt schon das große Etikett, er sei ein "politischer Autor". Er soll also einer von denen sein, die uns mit ihren Werken etwas sagen wollen. Oswalds Thema ist das Recht, das hat er studiert, das hat er in den Vorgänger-Romanen schon durchgespielt, und er holt sich den höchstmöglichen rechtspolitischen Anspruch schon mit dem Titel des neuen Buches zwischen die Zeilen: Vom Geist der Gesetze heißt es, und das ist natürlich Montesquieu, der in seinem Werk dieses Namens die Gewaltenteilung begründete. Etwas große Fußstapfen.

Oswald richtet den Fokus auf die dritte Gewalt, die Rechtsprechung. Wie unter einem Brennglas lässt er leuchten, was bei der Münchner Zeitungslektüre in den vergangen zwei, drei Jahren den Kopf schütteln ließ: Ackermanns Victory-Zeichen, das Verschwinden von Beweismitteln im Prozess gegen den Politikersohn Max Strauß, die plötzliche Beförderung intensiv ermittelnder Staatsanwälte oder den Bückling des Richters, der Holger Pfahls verurteilte. Immer wieder arbeitet Oswald mit solchen Versatzstücken aus der Wirklichkeit, er vermengt sie mit allgemeinen Erkenntnissen darüber, dass sich reiche Übeltäter in der Regel gewieftere und bessere Anwälte leisten können als andere, dass irgendwo immer der Ministerpräsident Strippen zieht, und dass Absprachen in Strafprozessen ein Übel sind. Natürlich wird ein Politiker viel zu milde verurteilt.

Manchmal stimmt das alles. Öfter allerdings stimmt es nicht. Dann ist die Empörung Ausdruck der Unkenntnis, Unkenntnis etwa darüber, dass deutsche Gerichte sehr häufig milde urteilen, eben nicht nur bei Politikern. Solange die angebliche Aufhebung der Gewaltenteilung nur Gerücht, nur Literatur ist, solange gilt sogar für die bayerische Justiz die Unschuldsvermutung. Oswald bringt keine Beweise bei, diese zu erschüttern.

Doch nicht nur das. Wer die Realität in deutschen Gerichtssälen kennt, der weiß, dass das Victory-Zeichen eines Ackermann oder die verschwundene Festplatte im Strauß-Prozess Kuriositäten sind. Solche Merkwürdigkeiten kommen vor, sie sind bedenklich, aber sie haben längst nicht die politische Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wird. Viel bitterer als der laxe Umgang mit den Großen ist nämlich der Umgang mit den Kleinen. Richter hetzen durch Termine, in denen Fälle behandelt werden, die für die Betroffenen existentiell sind. Sprachlos stehen gerade diejenigen vor den Schranken des Gerichts und häufig ganz außerhalb der Justiz, die das Recht am dringendsten bräuchten. Dass das Recht, die Gerichte einmal geschaffen wurden, um auch dem Schwachen eine Chance gegen den Starken zu geben, das klingt in diesem Roman nur an, wird aber überlagert von den Anekdoten aus exklusiveren Clubs der Stadt. Die Zegna-Anzüge der Top-Anwälte haben eben mehr Glamour als die Trainingsanzüge der Menschen aus Neukölln oder dem Hasenbergl.

Ein politischer Autor? Dieser Autor hat keinen Helden, niemanden, der in diesem Sumpf watet, ohne sich darin zu beflecken. Oswalds Helden versagen kläglich oder lassen sich nur antreiben von wenig edlen Motiven. Da entpuppt sich Oswald als desillusionierter Mittvierziger, der viel zu intelligent ist, um romantische Polit-Ideale hegen zu können. Literarisch ist das ein Glück, sonst hätte aus diesem Roman schnell eine Schmonzette werden können. Politisch ist das ein Unglück, aber dafür kann Georg M. Oswald nichts.

Georg M. Oswald: Vom Geist der Gesetze. Roman, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2007, 352 S., 19,90 EUR


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