Schule der Erbarmungslosigkeit

Brecht als alter Knochen Lars von Triers Film "Dogville" lässt sich an sämtliche aktuellen Diskussionen von Asylrecht bis zu Sozialabbau anschließen

Ganz am Ende von Dogville setzt Lars von Trier noch einmal einen drauf: Begleitet von David Bowies Song Young Americans reiht er sozialdokumentarische Fotos aus verschiedenen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts aneinander. Als Hintergrund für den Abspann dienen Bilder des amerikanischen Elends, der totalen Depravation und eines Ausgestoßenseins, dem nur noch der Straßenboden geblieben ist. Das Publikum des Filmfestivals in Cannes war begeistert und applaudierte einem europäischen Autorenfilmer, der verlässlich großspurige, philosophisch ambitionierte und experimentelle Marken in die Filmlandschaft setzt. Zudem waren die USA gerade in den Irak einmarschiert und so schien sich der transatlantische Riss mitten durch Dogville zu ziehen. Nicole Kidman begriff, was da vor sich ging, und schaute säuerlich aus der Robe.

Der Blick fällt von oben auf eine schwarzweiße Zeichnung. Sie stellt einen Ort namens Dogville dar, mit seinen Straßen und den Grundrissen einiger Häuser. Eines Nachts verschlägt es Grace auf diese anti-illusionistische Bühne. Sie ist auf der Flucht vor einer Macht in schwarzen Autos, vielleicht der Mafia. Ein junger Mann gabelt sie auf und da Grace jung, rotblond und gut aussehend ist, möchte Tom, dass sie bleibt. Zuvor war ihm aus dem Inneren des schwarzen Wagens eine Visitenkarte gereicht worden, für alle Fälle. Auch Grace möchte gerne in der isolierten Gemeinde leben. Das haben aber die Bewohner zu entscheiden. Es sind "gute Menschen", die hier leben. Sie sind arm, aber sauber und ein bisschen skeptisch, und sie entscheiden: Grace darf bleiben, aber unter Vorbehalt. Sie wiederum möchte sich für das Vertrauen erkenntlich zeigen und bietet jedem im Ort ihre Hilfe an. Zunächst ist den Leuten allein die Idee von Arbeitsteilung peinlich, bald finden sich aber Gelegenheiten. Grace erweist sich als anpassungsfähig, auch verbreitet sie eine anmutige Verbindlichkeit, die ihrem Vornamen alle Ehre macht.

Kaum haben wir die 15 Bewohner dieser Mini-Polis und ihre kleinen Macken kennen gelernt, ziehen dunkle Wolken auf. Die Polizei fährt ein und schlägt einen Steckbrief an, der über Graces Verbrechen informiert. Ihre Position verschlechtert sich, aber wieder kommt man zu einer einvernehmlichen Lösung: Grace soll die Gefahr, der sie den Ort aussetzt, durch Mehrarbeit kompensieren - bei geringerer Bezahlung. Die Glocke des Gemeindehauses wird nun zum Taktgeber des neuen Regimes, das zunehmend strenger wird. Bald brechen die letzten Dämme - Gier und Niedertracht werden zur Regel. Vom alten Schwerenöter bis zum sadomasochistischen Kind nutzen alle ihre Lage aus, meistens in sexueller Hinsicht. Grace wird vergewaltigt und danach auch noch als Zerstörerin von anderer Leute Eheglück beschimpft. Als sich die Stadien der Erniedrigung beschleunigen, entschließt sie sich zur Flucht, die jedoch misslingt. Aus wenigen Requisiten - Rad, Kette, Ladenklingel - werden Hilfsmittel zur totalen Versklavung. Da es schlimmer nicht kommen kann, macht Tom, ihr bislang nur platonischer Geliebter, von der Visitenkarte Gebrauch. Als Philosoph und Schriftsteller fällt es ihm leicht, auch diesen schlimmsten Verrat für logisch und letztendlich gut zu befinden.

Keine Frage, Dogville ist ein intensiver, wagemutiger und äußerst souverän auftretender Film. Es gibt keine aktuelle Diskussion, die sich hier nicht anschließen ließe: Sozialabbau, Kapitalismuskritik, europäischer Anti-Amerikanismus, Fragen nach Souveränität und Ausnahmezustand, Ausbeutung, Menschenwürde und Menschenrecht. Aber das hat auch seine unheimlichen und finsteren Seiten. Wieder einmal zeigt sich Lars von Trier höchst fasziniert von gnadenlos engherzigigen Gemeinschaften und einer alttestamentarischen Moral. Aus bäuerlicher Knappheit - "bald werden hier Leute auftauchen, die noch weniger haben als wir" - macht er das Modell für ein soziales Leben, das nur den Gesetzen von Druck und Hierarchie gehorcht und immer bereit ist, sich durch den Ausschluss anderer zu definieren.

Bekanntlich hat auch Bertolt Brecht seine Stücke gern historisch entrückt. Allerdings muss man solche Hinweise hier gar nicht zu sehr bemühen, denn Lars von Trier wirft einem Brecht lediglich wie einen alten Knochen vor. Nicht einmal die Dogville-Bühne hat mit dessen Konzepten viel zu tun. Triers Bühne ist kein Ideenraum freier Signifikanten, vielmehr ist sie ein hermetischer Raum der Kontrolle, der sich eher mit Foucaults Beschreibungen "panoptischer" Gefängnistypen deckt: Überwachung und Steuerung von Menschen durch Blickverhältnisse. Und dann vor allem: Sehen, ohne selbst gesehen zu werden.

Dieser Blick von oben, auf Dogville als Plan und Grundriss, ist für den Film konstitutiv. Der Autor sitzt diktatorisch im Aussichtsturm, zieht die Fäden, ruft den Schauspielern aber zu: "Bitte nicht durch die Wände schauen!" Das Motiv des einseitigen Durch- und Aufblicks wird durch die verschiedenen Ebenen des Films gezogen und taucht in der allwissenden Erzählerstimme ebenso auf wie in der Figur von Tom. Auch er, der Möchtegern-Schriftsteller, glaubt, die Bewohner von Dogville zu durchschauen und jeden ihrer Schritte voraussehen zu können.

Die nackte Grundrissästhetik von Dogville stellt aber noch eine Verbindung her, die zur Idee des "bloßen Lebens", wie sie von Giorgio Agamben behandelt wurde. Vielleicht ist es ein Zufall, dass auch der Einband der US-Ausgabe von Homo sacer einen Blick von oben gibt - auf den Lageplan eines Konzentrationslagers. Wo Agamben versucht, die Wirkung einer antikrömischen Rechtsfigur bis in ihre modernen Ausläufer zu verfolgen - KZ oder Flüchtlingslager -, da spricht Dogville von einer allgemeinen und ewigen menschlichen Niedertracht: Gebt ihnen den kleinen Finger und sie werden die ganze Hand nehmen. Für die Asyl suchende Grace herrscht Ausnahmezustand, sie lebt in einem Sonderstatus und kann geschändet werden, ohne dass dies Konsequenzen hätte.

Das steigert die Wirkung dieser Leidensgeschichte. Doch führt diese Rigidität auch in die Irre. Dogville ist nicht so sehr eine Abhandlung über komplexe Moralvorstellungen als vielmehr ein Suhlen in einer Erbarmungslosigkeit um jeden Preis. Hinter jedem Lächeln, hinter der kleinsten Freude lauert immer schon der Hammer, der bald darauf niedergehen wird.

In dieser Hinsicht widerspricht sich der Filmaber auch selbst, vor allem in der letzten Szene. Am Ende nämlich stellt sich heraus, dass Graces Flucht gar keinen kriminellen Hintergrund hatte; der Mafia-Boss ist vielmehr ihr Vater. Die Tochter floh auf der Suche nach einem einfacheren und besseren Leben. In diesen Anwandlungen von Bescheidenheit will ihr Vater nur eine recht ungebrochene Anmaßung erkennen. Da sich Graces Erwartungen an Dogville ohnehin nicht erfüllt haben, kann sie am Ende ebenso gut in das System des Vaters zurückkehren, so arrogant sein, wie sie ist und auch ihrer Rache freien Lauf lassen.

Der Mensch scheitert nicht an der Hybris, sondern darf die Hybris als Waffe erheben? Hätte Goethes Mephisto Drehbücher geschrieben, hätte es kaum krasser werden können. Die bizarre Wendung strahlt auf das Erzählte zurück und degradiert es zu einem Test, der gar nicht zu bestehen war. (Es scheint, als ließe sich auf Triers "Moral" das von Hitchcock aufgebrachte Problem der "gelogenen Rückblende" anwenden, von der dieser im Übrigen abriet.) Dogville erweist sich als eine gnadenlose Rampe, auf der die Dinge nur in eine Richtung rutschen konnten: nach unten, in den Relativismus einer manischen Machbarkeitsideologie.

Das Drama der Gegensätze, jede Idee von Transformation wird von Lars von Trier durch Zwänge, Verkettungen und Abhängigkeiten ersetzt. So entsteht ein hochintelligentes und ketzerisches Kino, aber auch eines des Ressentiments, das sehr nachtragend sein kann. Jeder Vorwurf wird in Angriff umgemünzt: Dancer in the Dark war anti-amerikanisch? Wartet nur ab, in Dogville werde ich dieses Land zum Hundestaat erklären! Ist in Ihren Filmen nicht immer nur die Frau das Opfer? Dann setze ich sie beim nächsten Mal eben als Täterin ein. (Denn was soll´s, im Grunde sind die Figuren ja ohnehin alle "ich".) So breitet sich ein Triumphalismus aus, der in der glamourösen Darstellerliste ebenso erkennbar ist wie in den Vergewaltigungsszenen mit Nicole Kidman und eben auch in den kleinen eingebauten Feixereien gegen die USA.

So illustrativ und stimmungsvoll die Beispiele von Social Documentary, die Lars von Trier an seinen Film angefügt hat, auch sein mögen - die Fotos am Ende als Tritt gegen das Schienbein der USA zu benutzen, ist inhaltlich nicht stimmig. Dass der Kapitalismus ein unendliches Elend erzeugt, gerade auch im reichsten Land der Erde, ist sicher eine bittere Tatsache. Nur: Trier führt hier einen Beweis, den die US-Regierung während des New Deal selbst erbringen wollte. Als Hunderte Fotografen beauftragt wurden, das Land zu bereisen und das Elend zu dokumentieren, da sollte das Erkennen der Lage auch ein Schritt zu ihrer Verbesserung sein.

Es zeigt sich hier zweierlei: Der Spaß an der Provokation und ein tief sitzender Relativismus, der eigentlich im Widerspruch zur Härte seiner üblichen Setzungen steht. Seit dem Dogma-Statut hat es Trier kaum mehr unterlassen, seine Entschiedenheit als Abwehr von Unentschiedenheit zu erklären. Demonstrative Selbstbeschränkung und Selbstdisziplinierung sind immer auch gegen die libertinären Haltungen von ´68 gerichtet. Religiöse Motive bieten sich als besonders effektvolle Waffe an, um mit Strenge gegen Freiheits- und Partizipationsversprechen zu polemisieren, an die man nicht glaubt. In diesem Szenario der Rigorosität verhält sich Lars von Trier allerdings kaum weniger eklektisch als Steven Soderbergh oder Quentin Tarantino. Urdemokratie oder Einschließungsmilieu, Protestantismus oder Katholizismus, Gnade oder Rache, diese Gegensätze spielen letztlich keine Rolle, wichtig ist nur, dass sie eine Idee von Härte illustrieren.

Es kann also nur ein Missverständnis sein, Triers Filme für experimentell zu halten. Sein Kino ist durch und durch hermetisch, es weist keine Wege, sondern blockiert sie eher, tut das aber auf einem sehr hohen Niveau. Es gibt in Europa niemanden, der Lars von Trier konzeptuell das Wasser reichen kann. Und auch das ist ein bisschen erschreckend.

00:00 24.10.2003

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