Schulfernsehen

Im Kino Mit seinem Monumentalfilm "Alexander" will Oliver Stone es allen recht machen

Der größte Feldherr aller Zeiten! Streitwagen, Kampfelefanten, Statistenheere! Endlose Wüsten, himmelhohe Berge, tropischer Dschungel! Orientalische Paläste! Ein Budget von 160 Millionen Dollar! Und natürlich Stars! Das ist der Stoff, aus dem Monumentalfilme gemacht werden. Und Alexander der Große (356-323 v.Chr.) gehört mit Sicherheit zu den monumentalsten Figuren der Weltgeschichte: In gerade zehn Jahren eroberte der junge König von Makedonien praktisch die gesamte bekannte Welt. Er verbreitete die griechische Kultur im Orient und leitete damit die Epoche des Hellenismus ein. Als er mit nicht einmal 33 Jahren starb, zerfiel sein Weltreich von Griechenland bis zum Punjab, von Ägypten bis Usbekistan. Für viele Völker blieb er der jugendliche Held, der märchenhafte Weltenherrscher.

Was für ein Mensch war dieser Alexander? War er ein visionärer Welterlöser? Ein größenwahnsinniger Abenteurer? Ein Jahrhundertgenie? Oder ein drogenabhängiger Psychopath? Und was hätte er erreicht, wenn er länger gelebt hätte?

Bislang war Robert Rossens Alexander der Große (1956) der einzige Versuch, den sperrigen Stoff ins Kino zu bringen. Rossen erzählt einen Bildungsroman: Alexander (Richard Burton) ist ein zorniger junger Mann, der sich sein Leben lang müht, aus dem Schatten seines früh verstorbenen Vaters Philipp, eines erfolgreichen Kriegsherrn, zu treten. Immer ehrgeiziger werden seine Feldzüge, die ihn bis ans Ende der Welt führen. Sinnfällig flankiert wird diese verzweifelte Adoleszenz von einer Liebesgeschichte: In Athen verliebt sich der junge Prinz in die Perserin Barsine. Bei der Eroberung Persiens tötet er ihren Ehemann und nimmt sich die Frau mit Gewalt. Schließlich aber sieht er ein, dass es nicht darum geht, "Länder zu erobern, sondern Herzen", und setzt nun eine eigene Idee von Liebe und Völkerverständigung um: Aus einem zweiten Philipp wird endlich ein wahrer Alexander. Durch die Massenhochzeit von Susa zwischen Makedonen und Perserinnen kommt er mit sich und Barsine ins Reine und erliegt noch während der Zeremonie einer Art Gehirnschlag. So einfach ist das, um nicht zu sagen: so schlicht. Auch filmisch ist das Ganze ein erbärmliches Spektakel. Der kunstblonde Burton trägt die wahrscheinlich entwürdigendste Frisur der Filmgeschichte, gedreht wurde zwischen Pappmaché-Säulen und in spanischen Bergdörfern, auf Komparsen wurde nahezu verzichtet.

Für eine Neuverfilmung hängt die Latte also nicht allzu hoch. Kein Wunder, dass sich Hollywood nach den Erfolgen von Gladiator (2000) und Troja (2003) auch dieses antiken Themas annahm. Wie aktuell, wie provokant würde Oliver Stone die vielschichtige Figur Alexander auslegen?

Stone nimmt sich fast drei Stunden, um Alexander und seine Welt zum Leben zu erwecken. Viel Zeit, um eine Geschichte zu erzählen. Und Stone erzählt nicht nur eine. Natürlich erzählt er von Alexanders scheinbar undogmatischem Umgang mit den Völkern Asiens, davon, wie er die lokalen Sitten und Bräuche respektiert oder gar übernimmt, und wie er schließlich versucht, Makedonen und Perser zu einer neuen "Reichselite" zu verschmelzen. In der Wissenschaft ist es heute üblich, diese Maßnahmen Alexanders für nüchternen, machterhaltenden Pragmatismus zu halten. Arno Schmidt sah darin einen Vorläufer der NS-Rassenpolitik, einen antiken "Lebensborn". Stone dagegen, in der Tradition von Johann Gustav Droysen und W.W. Tarn, findet in Alexander einen multikulturellen Idealisten, eine Art historischen Messias, der den Traum der "Weltverbrüderung" träumt.

In dem Film scheitert Alexander (farblos: Colin Farrell) letztlich nur an den nationalen Ressentiments seiner Zeitgenossen. Stones eigener Blick auf die Kulturen des alten Asien - bei aller Pracht der hängenden Gärten Babylons - bleibt holzschnittartig und erinnert allenfalls an den romantischen Orientalismus des 19. Jahrhunderts. Nicht selten bewegt er sich arg an der Grenze zur postkolonialistischen Männerphantasie: Unter der Burka der Afghanin Roxane (Rosario Dawson) warten exotische Tattoos, große Brüste und animalischer Sex auf Alexander. Doch ist das wirklich das Thema des Films?

Alexander beginnt jedenfalls mit einer ganz anderen Geschichte: Babylon, Königspalast, 323 v.Chr. Alexander stirbt. Aus seiner leblosen Hand fällt ein Ring mit einem gelben Stein. Schnitt. Nach diesem Citizen Kane-Zitat ist klar: Die Geschichte des Ringes muss der Schlüssel zum Geheimnis Alexander sein. Nach ungefähr zwei Stunden erfahren wir dann, dass der Ring ein Geschenk seines Gefährten Hephaistion (Jared Leto) ist, mit dem ihn eine ziemlich kitschige und anscheinend nicht voll ausgelebte erotische Beziehung verbindet. Alexanders Homo- oder Bisexualität hat die Menschen schon immer beschäftigt, zuletzt etliche aufgebrachte Griechen, die gerichtlich alle Passagen des Films verbieten lassen wollten, in denen Alexander nicht als strikt heterosexuell erscheint. Stones Alexander gesteht seinem Jugendfreund zwar: "Du hast mich vor mir selbst gerettet" - aber wann, wo oder wie das gewesen sein soll, bleibt sein Rätsel. In den drei Filmstunden wird es nicht gelöst.

Deutlich opulenter fällt die Geschichte aus, die Stone über Alexanders Eltern erzählt. Seine Mutter Olympias (Angelina Jolie), eine etwas verruchte Schönheit, trägt gerne lebende Schlangen als Körperschmuck und wacht gluckenhaft über die Karriere ihres Sohnes. Bisweilen entwickelt ihre Fürsorge erotische Züge. Der Vater Philipp (Val Kilmer) dagegen ist ein stets betrunkener Satyr, ein melancholischer Familientyrann, und der kleine Alexander wird unfreiwillig Zeuge einer ehelichen Beinahe-Vergewaltigung. Viele Jahre später und Tausende Kilometer entfernt schließt sich bei Stone der ödipale Kreis, wenn Alexander seine Mutter in der Gestalt der beziehungsreich schlangentätowierten Roxane beschläft und im Zorn den altgedienten General Kleitos umbringt, der sterbend die Züge seines Vaters annimmt. Doch auch diese vulgärpsychologische Revue trägt den Film nicht.

Aber welche andere Geschichte könnte den Film dann tragen? Stone erzählt einfach alle: Alexanders Wunsch, ein zweiter Achill zu sein, seinen wachsenden Glauben an die eigene Göttlichkeit, seinen Kampf gegen die Furcht, seine Jagd nach Liebe, seine Suche nach der Heimat, seine Todessehnsucht, seine ganze wirre Selbstfindung, die in den psychedelischen Visionen gipfelt, die der lebensgefährlich verletzte Alexander in Indien hat. Stone lässt nichts aus.

Um das richtigzustellen: Stone hält sich sehr genau an die in den antiken Quellen überlieferten Details; vieles, was man beim ersten Hinsehen für einen originellen Regieeinfall halten könnte, erweist sich als eine wortgetreue Umsetzung irgendeiner Stelle aus Plutarch oder Arrian. Auf originale Kleidung und Kampftechnik, selbst auf die verschiedenen griechischen Dialekte der Zeit wurde penibel geachtet. Der britische Alexander-Spezialist Robin Lane Fox übernahm hierfür die fachliche Beratung (und eine kleine Nebenrolle). Dieser Film, so Fox, sei so sorgfältig und authentisch gemacht, dass man ihn an Schulen und Universitäten zeigen sollte.

Gerade in dieser enzyklopädischen Beflissenheit offenbart sich das Scheitern von Stones Film. Großes Kino soll es sein, und es soll keine Fragen zu Alexander offenlassen. Die manchmal quälenden Dialoge bringen ständig alles zur Sprache. Zu allem Überfluss gibt es noch einen Erzähler (Anthony Hopkins als Ptolemaios), der vor der billigen Kulisse des antiken Alexandria oberlehrerhafte Kommentare spricht. Damit vernichtet Stone die letzten Reste filmischer Dramaturgie: Anstelle von großem Kino hat er 170 Minuten Schulfernsehen gedreht. Eine echte Geschichte dagegen, eine filmische Idee fehlt dem geschwätzigen Werk.

Alexander musste mit seinem Lebenstraum, den niemand mit ihm teilen konnte, scheitern, heißt es am Ende des Films: "Aber sein Fehlschlag steht weit über den Erfolgen anderer." Ein Fehlschlag ist auch Stones Alexander. Aber nicht jedes Scheitern besitzt Größe.


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00:00 24.12.2004

Ausgabe 38/2020

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