Schüsse auf einen Vogelfreien

Ermordung von Hrant Dink in Istanbul In einem Klima aus Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Hass auf Andersdenkende ist der armenische Journalist zur Zielscheibe geworden

Hrant Dink, Chefredakteur der armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos beschrieb seinen Seelenzustand in einem Artikel vom 10. Januar wie den einer Großstadttaube: "Die Selbstquälerei nimmt wie ein Reflex ihren Lauf. Die eine Seite der Qual besteht aus Neugier, die andere aus Unruhe. Ich bin wie eine Taube. Habe mir Augen angeeignet, rechts, links, vorne, hinten. Der Kopf ist sehr wendig und schnell."

Das zweieinhalb Jahre dauernde Gerichtsverfahren gegen Hrant Dink war begleitet von rassistischen Beschimpfungen und Drohungen, die ihn per E-Mail oder Post erreichten und sich auch gegen seine Familie richteten. Die zuständigen Behörden wollten von einer Bedrohung nichts wissen, Dink war zutiefst beunruhigt. Neun Tage nach Erscheinen dieses verzweifelten Textes wurde er in Istanbul vor dem Redaktionsgebäude der von ihm 1996 gegründeten Zeitung sitzt, ermordet. Der 32 Stunden nach der Tat gestellte und weitgehend geständige 17-jährige Schütze wird gegenwärtig verhört. Seine besten Freunde sind aus dem Dunstkreis der ultranationalistischen Partei MHP.

Anhänger dieser Partei postierten sich bereits im Februar 2004 vor dem Redaktionssitz des Agos. Der Anführer der versammelten Gruppe bezog sich auf eine Äußerung des armenischen Journalisten als er sagte: "Ab jetzt ist Hrant Dink das Ziel unserer Wut und unseres Hasses, er ist unser Ziel." Anlass war eine vollkommen aus dem Zusammenhang gerissene Zeile einer Artikelserie, mit der später das Gericht die Verurteilung von Dink begründete. In dem Text kritisierte der Journalist unmissverständlich die Gleichgültigkeit und das gegenseitige Desinteresse von Diaspora-Armeniern in der Türkei und dem übrigen Ausland und den politisch Verantwortlichen in Armenien. Dink glaubte an die Kraft der Annäherung, die sich beispielsweise in Form von Reisen junger Diaspora-Armenier nach Armenien zeigen sollte. Dies sei für ihn fruchtbarer auf dem Weg zur Identitätsfindung als der ewige Hass auf Türken.

Die Zeile, die dem Journalisten so angelastet wurde, lautete: "Das saubere Blut, das das giftige der Türken ersetzt, ist in der Ader vorhanden, das Armenier mit Armenien verbinden soll." Trotz unabhängiger Gutachten, die an dem Satz rechtlich nichts auszusetzen hatten, wurde Dink zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Mit diesem absurden Verfahren wurde er das erste Opfer des damals neu modifizierten berüchtigten Paragrafen 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die "Beleidigung des Türkentums" unter Strafe stellt. Das Gerichtsverfahren wurde zum Spießrutenlauf.

Der Richter der letzten Instanz bestätigte die Haftstrafe, obwohl der Staatsanwalt die Anklage fallen lassen wollte. Dink übergab seinen Fall kurz vor dem tödlichen Attentat dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. In den letzten Tagen gab er in Interviews bekannt, dass er zum ersten Mal ernsthaft erwogen habe, mit seiner Familie das Land zu verlassen. Dies war zuvor für ihn niemals in Frage gekommen, denn wie fast alle verbliebenen Armenier in der Türkei fühlte er sich mit dem Land, in dem er geboren und aufgewachsen war, sehr verbunden. Doch in der hitzigen Diskussion um den Paragraphen 301 und seine Person wurde die Atmosphäre immer bedrohlicher. Vermeintlich freundliche Warnungen von höheren Stellen und anonyme Morddrohungen häuften sich.

Zu dem seit einiger Zeit im Lande unerträglich gewordenen Klima, das von Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Hass auf Andersdenkende und Andersaussehende bestimmt wird, passen die unzähligen Kommentare, die seit dem Anschlag sowohl Internetforen und Zeitungsartikel füllen als auch von Politikern geäußert werden: Unzählige Verschwörungstheorien werden da verbreitet, vom Komplott der CIA oder Mossad bis hin zur geplanten Aktion von Diaspora-Armeniern. Während die Leiche noch auf der Straße lag, stellten die offiziellen Stellen Zusammenhänge zwischen dem Zeitpunkt des Anschlags und dem "gegenwärtigen Prozess in Europa und den USA" her, der "die ungerechte These des Völkermords an Armeniern fördert". Weil man diese Debatte mit Missfallen beobachtet, heißt es von offizieller Seite jetzt häufig: "Der Anschlag gilt der Türkei".

Die Ermordung von Hrant Dink scheint aber auch bei den Demokraten eine Schleuse zu öffnen, die fataler Weise zu lange geschlossen war. Vielleicht überdenken sie nun die Haltung, mit der sie beispielsweise Orhan Pamuk alleine ließen, als dieser nach seiner Verhandlung wegen des Paragraphen 301 das Gerichtsgebäude verließ und vom aufgebrachten Mob beschimpft wurde.


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00:00 26.01.2007

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