Schussfahrt eines Showmans

USA Donald Trump wird von den eigenen Leuten zum Sicherheitsrisiko erklärt. Er führt einen Wahlkampf ohne Hausmacht
Konrad Ege | Ausgabe 32/2016 12
Schussfahrt eines Showmans
Ausnahmen bestätigen die Regel: Künstler und Trump-Fan Scott LoBaido in New York

Foto: Kena Betancur/AFP/Getty Images

Der Aspirant lässt wissen, es sei bestens bestellt um seinen Wahlkampf. US-Medien dagegen sprechen von einer drohenden Kernschmelze, 50 teils hochrangige ehemalige Sicherheitsberater der Republikaner – manche saßen am Tisch von Präsident George W. Bush – erklären Anfang der Woche den Kandidaten in einem gemeinsamen Brief zum nationalen Sicherheitsrisiko. Ihm fehlten Charakter, Werte und Erfahrung für das höchste Staatsamt der USA.

Zugleich beißen sich „Experten“ an der Bewertung des Celebrity-Showmans die Zähne aus, denn es geht wirklich nicht normal zu. Der Mann legt sich mit den Eltern eines gefallenen US-Soldaten an, mit der Führung seiner Partei und mit großen Geldgebern. Und er stellt Ignoranz zur Schau. Immer mehr republikanische Politiker gehen auf Distanz, was zu demokratischer Schadenfreude und zu Medienkommentaren über Panik in der Partei führt. Viele von Trumps Anhängern aber sind begeistert von einem Bewerber, der wenig Rücksicht nimmt auf die üblichen Gepflogenheiten. Sie hätten nicht viel gebracht in der Vergangenheit. Am Wochenende jubelten Fans in New Hampshire, als Trump versicherte, er werde die Mauer an der Grenze zu Mexiko höher als geplant bauen.

Dennoch fallen die Umfragewerte ziemlich drastisch, was drei Monate vor der Wahl Besorgnis erregt. Zahlen anderer Art sind ermutigender, die zu den Spendeneinnahmen vom Juli etwa. Trump und die Republikanische Partei erhielten in diesem Monat gut 80 Millionen Dollar, das meiste als kleine Gabe. Trump habe möglicherweise das Potenzial, „als erster republikanischer Präsidentschaftskandidat seinen Wahlkampf hauptsächlich mit Kleinspenden zu finanzieren“, vermerkte die New York Times. Hillary Clintons Wahlmanager Robby Mook warnte, dieser Ertrag müsse ein Wachruf sein für die Demokraten, auch wenn Clinton im Juli 90 Millionen Dollar einnahm.

Trump kämpft gegen die „verlogene Hillary“ wie den „inkompetenten Obama“ und fühlt sich offenbar bestätigt von seinen Geldgebern. Das mit den Kleinspenden passe normalerweise nicht zu den Republikanern, so habe er bei den Vorwahlen 60 Millionen Dollar seines eigenen Geldes ausgegeben, nun liefen Spendenappelle.

Hunger nach Bestätigung

Trump hat es zur Nominierung gebracht ohne eine Hausmacht. Für die rechtschristlichen Stammwähler der Republikaner ist er eine Notlösung. Die Wall Street bleibt skeptisch, die Handelskammer ebenso, selbst die schwerreichen Gebrüder Charles und David Koch, Energieunternehmer und großzügige Paten vieler rechter Projekte und Politiker, spenden angeblich nicht für Trump. Sie konzentrierten sich stattdessen auf republikanische Bewerber für den Senat und das Repräsentantenhaus.

Gelegentlich versucht sich Trump als Staatsmann, wie bei seiner Teleprompter-Wirtschaftsrede vor Tagen in Detroit, als er ankündigte, Steuern für Unternehmen zu senken, die Wirtschaft zu deregulieren und den Pariser Klimavertrag zu zerreißen. Als seit Jahrzehnten medienerprobte Celebrity packt Trump den Wahlkampf jedoch anders an: Donald Trump spielt Donald Trump, er ist ein Entertainer, der bejubelt werden will und meisterlich auf seine Zuhörer eingeht, sagen die vielen Amateurpsychologen. Er habe einen „infantilen Hunger“ nach Bestätigung. Und zwischendurch spuckt er immer wieder Schockierendes und Hasserfülltes aus, über das dann berichtet wird. Trump macht sich unentbehrlich auf dem Bildschirm mit diesen Ausfällen, nicht nur beim rechten Sender Fox. So freute sich Les Moonves, Chef des Fernsehsenders CBS, zu Beginn der Primaries: Der Wahlkampf sei „wohl nicht gut für Amerika, doch verdammt gut für CBS“. Und: „Weiter so, Donald!“

Umfragen zeigen bekanntermaßen, Trumps größte Fans sind weiße Männer ohne höhere Bildung, Leute aus der Arbeiterschicht, aus dem bedrohten Sektor der Mittelklasse. Weiße, die sich offenbar nicht gewöhnen wollen an ein vielfältiges Amerika. Sie haben genug von den klugen Experten und verstehen sehr wohl, dass sie nicht viel zu melden haben in Politik und Gesellschaft, auch nicht bei den Demokraten. Demografisch geraten diese Schichten zunehmend ins Hintertreffen. Ihnen fehlt eine nationale Perspektive. Und dann kommt ein Heiland namens Donald Trump, der sich beim Parteitag in Szene setzte als „die Stimme der Männer und Frauen, die unser Land vergessen hat“. Er spricht aus der Seele; er sagt, was viele seiner Fans ohnehin denken. Einwanderer sind schuld, die Political Correctness ebenfalls, die Weiße mit „traditionellen Werten“ diskriminiere, selbstredend der erste schwarze Präsident und die erste Frau, die gute Chancen hat, Anfang 2017 ins Weiße Haus einzuziehen.

Hillary Clinton bietet als Alternative, mehr oder weniger überzeugend, das Prinzip Gemeinwohl an. Seit ihrer Nominierung orientiert sie sich an der politischen Mitte und hofft, besonders republikanische Frauen würden eher sie wählen als Trump. Der bereitet seine Gefolgschaft indes auf eine mögliche Niederlage vor. Seit Tagen warnt Trump vor Wahlbetrug. Das fühle er. So stimmt das Weltbild. Der Kampf geht weiter. Donald gewinnt, auch wenn er verliert. Die jüngsten Umfragen müssen wohl auch gefälscht sein.

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