Schützenswerte Schwarze Raucher

Konferenznachlese ii Die Vertragsstaaten beschlossen konkrete Richtlinien zum Hochseeschutz

Kaltwasserkorallenriffe, die sich innerhalb von Tausenden von Jahren in einer Tiefe bis zu 3.400 Metern Tiefe gebildet haben und Seesterne, Krabben oder Schwämme beheimaten; Tiefseequellen, auch Schwarze Raucher genannt, aus denen dunkel gefärbtes, bis zu 400 Grad heißes Wasser in das eiskalte Meereswasser sprudelt: Dies und mehr gehört zu den faszinierendsten Ökosystemen der Hochsee.

Den Korallenriffen kommt schon deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil sie als Laichplätze und Kinderstube vieler unserer Speisefische dienen. Das Wasser ist hier so nährstoffreich, dass Leben fast gänzlich ohne Sonnenlicht möglich ist. So gehen die Kaltwasserkorallen, anders als ihre tropischen Verwandten, keine Symbiose mit Algen ein, sondern beziehen ihre Energie einzig aus Plankton, Larven und anderen Kleinstlebewesen, die ihnen die starke Strömung zuträgt.

Bei den Schwarzen Rauchern handelt es sich um bizarre Gebilde, steinerne, mehrere Meter hohe Schlote. Sie entstehen meist da, wo die ozeanische Erdkruste am dünnsten ist, wie an den Rändern der Kontinentalsockel, wo sie regelrechte Felder bilden. Wasser sickert dort Hunderte von Metern in das Erdinnere, vermischt sich mit Schwefel, Metallen und Mineralien und wird wieder herausgeschleudert. Trotz der scheinbar lebensfeindlichen Bedingungen existiert auf ihnen und um sie herum ein erstaunlicher Artenreichtum von Muscheln, Krebstieren und Fischen. Doch basiert auch dieser nicht auf der Photosynthese der Algen, sondern auf der biochemischen Tätigkeit von Bakterien, die die Schwefelwasserstoffe in Lebensenergie verwandeln.

Ein einheitliches Regelwerk zum Schutz derartiger Ökosysteme gab es bislang noch nicht, dabei liegen 64 Prozent der Weltmeere außerhalb territorialer Ansprüche. Nur ein Prozent ist bislang durch regionale Abkommen geschützt: So besteht in der Ligurischen See im Mittelmeer, wo die Hochsee schon nach zwölf statt wie sonst nach 210 Seemeilen beginnt, ein Schutzarreal für Meeressäuger. Auch gibt es sektoriale Vereinbarungen auf UN-Ebene, wie das Verbot von Bodenschleppnetzen in besonders empfindlichen Hochseegebieten, das bis Ende 2008 umgesetzt werden soll.

Jahrelang blockierten die Staaten mit den größten Fischereiflotten wie Norwegen, Island oder Japan ein globales Abkommen und stritt man sich um konkrete Kriterien. Auf der jüngsten UN-Artenvielfaltkonferenz in Bonn gelang den Vertragsstaaten nun endlich ein Durchbruch: Als schützenswert erachteten sie Meeresökosysteme, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit auffallen, wegen ihrer besonderen Rolle für das Überleben bestimmter Arten oder ihrer hohen biologischen Produktivität. Dies ist doppelt wichtig, da gerade die Tiefsee bis heute noch weitgehend unerforscht ist. "In der Hochsee besteht zwar keine hohe Artendichte aber dafür gibt es dort einzigartige Tierarten", versichert der Meeresbiologe Thilo Maack, der für Greenpeace arbeitet. "Überall, wo der Tiefsee Proben entnommen werden, werden neue Arten entdeckt."

Zum ersten Marinen Schutzgebiet (MPA), abgesehen von der Schutzzone im Mittelmeer, will der World Wildlife Found (WWF) nun einen Teil des Mittelatlantischen Rückens erklären lassen, worüber die Konferenz zum Schutz des Nordostatlantiks (OSPAR) kommende Woche im französischen Brest entscheiden soll. Dieses Unterwassergebirge mit Spitzen von bis zu 3.500 Meter Höhe durchtrennt den Atlantik von der Höhe von Island bis zu den Azoren. Hier finden sich ebenso Kaltwasserkorallen wie ausgedehnte Schwammbänke. Haie und andere Räuber ernähren sich von den kleineren Meeresbewohnern oder verstecken sich in seinen Tälern und Felsspalten. Auch Wale zieht das große Nahrungsangebot an.

Einmal als Schutzgebiet nominiert, liegt es bei den einzelnen Institutionen wie der Internationalen Schifffahrtsbehörde (IMO), der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) sowie den Fischereibehörden zu verhindern, dass dort gefischt, CO2 im Meeresboden gespeichert, Bodenschätze abgebaut, Kabel und Pipelines verlegt, Müll verklappt oder diese Lebensräume biologisch ausgebeutet werden. "Die Konvention für Artenvielfalt (CBD) kann diese wie auch die Staaten dazu ermutigen, derartige Maßnahmen zu unterstützen", so die Hochsee-Beraterin der Weltnaturschutzunion (IUCN), Kristina Gjerde. Die umstrittene Methode einer Ozeandüngung zum Klimaschutz lehnten die Vertragsstaaten der CBD auf ihrer jüngsten Konferenz ab.

Gerade die Fischerei lässt sich auf Hoher See schwer regulieren: "Trotz wissenschaftlicher Empfehlungen, etwa über die Fangmengen, setzen sich immer wieder ökonomische Einzelinteressen durch", erklärt Stephan Lutter, Meeresexperte des WWF. Konkrete Maßnahmen dagegen sind, nach Aussage von Gjerde, von der Welternährungsorganisation und durch die Seekonvention geplant.

Für die Schwarzen Raucher besteht die größte Bedrohung in den reichen Erzvorkommen, die sich im Laufe der Jahre hier abgelagert haben. Auch Biotechnologen interessieren sich für die besonderen Eiweiße der dortigen Organismen.

Pharmakonzerne richten ihrerseits ihr Augenmerk auf das medizinische Wirkungspotenzial der Schwämme. Antibiotika und Krebsbekämpfungsmittel konnten jüngst aus diesen seltsamen Lebewesen gewonnen werden. "Problematisch wird es jedoch dann, wenn etwa Schwammbänke in großem Maßstab abgebeutet werden", so Lutter. Die Bestimmungen der CBD könnten zumindest ein erster Schritt zum Schutz derartiger Ökosysteme sein.

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