Schutzschild

Bekenntnis eines ehemaligen US-Marines Wir, die Bürger sogenannter westlicher Demokratien, sollten uns verantwortlich fühlen für das, was unsere Regierungen anrichten

Tag für Tag erzählen uns die Medien, dass der Krieg gegen den Irak näherrückt. Wir fühlen uns hilflos angesichts der Macht der Propagandamaschinerie. Wie wäre es eigentlich, wenn Tausende aus dem Westen sich im Irak aufhalten würden, um dem irakischen Volk beizustehen? Ich jedenfalls werde freiwillig dorthin reisen, um zusammen mit einigen Hundert Menschen aus westlichen Ländern einen Schutzschild für die irakische Bevölkerung zu bilden. Das Risiko, verstümmelt oder getötet zu werden, nehmen wir auf uns.

Ich will trotz aller Gefahren lieber Gerechtigkeit und Frieden verteidigen als von Massenmord und Krieg zu profitieren. Dabei geht es nicht darum, Saddam Hussein zu unterstützen, wie es unsere Regierungen in der Vergangenheit taten. Es geht vielmehr darum, das Leben von unschuldigen Menschen zu retten und gleichzeitig zu demonstrieren, dass auch im Westen die meisten Menschen diesen verbrecherischen Krieg nicht unterstützen.

Für mich persönlich ist die Reise in den Irak auch ein Akt der Buße. Als ich 19 Jahre alt war, das war 1989, habe ich den größten Fehler meines Lebens begangen. Ich wurde Marinesoldat der Vereinigten Staaten. Zwei Jahre später war ich dann direkt beteiligt am Golfkrieg, in dem, wie man heute weiß, auch Uranmunition gegen das irakische Volk eingesetzt wurde. Aber auch wir US-Soldaten, die Bush senior damals als "amerikanische Helden" bezeichnete, waren Versuchskaninchen für die Strahlung, die von dieser Munition ausging.

Wir kennen immer noch nicht die ganze Geschichte des Golfkriegs-Syndroms, wir wissen nicht, wie viele US-Soldaten in der Folge gestorben sind, wohl aber sehen wir ganz genau, welchen Wert die Führer der Vereinigten Staaten dem Leben ihrer Soldaten zumessen. Wenn nun die verantwortlichen Politiker einer Nation noch nicht einmal dem Leben der eigenen "Söhne und Töchter" Respekt zollen, werden sie dem Leben der "Feinde" erst recht keine Beachtung schenken. Für solche Leute sind Hunderttausende von Opfern kein Problem.

Aber wir, die Bürger sogenannter westlicher Demokratien, sollten uns verantwortlich fühlen für das, was unsere Regierungen anrichten. Wir haben eine Art Kollektivschuld für alles, was in unseren Namen getan wird, sei es gegenüber der Zivilbevölkerung im Irak oder gegenüber anderen Menschen in der Welt. Ignoranz ist keine Entschuldigung. Voller Scham und Abscheu habe ich 1999 meine US-Staatsbürgerschaft aufgegeben, weil ich zu der logischen, wenngleich leider sehr späten Schlussfolgerung gekommen bin, dass meine Regierung nicht einen Cent Steuern von mir bekommen soll. Für Straßen und Schulen zu zahlen ist in Ordnung, aber an wahnwitzigen Massenvernichtungswaffen und globaler Unterdrückung will und kann ich mich nicht beteiligen. Für Krieg, Tod und Mord gibt es keine Moral.


Ken Nichols O´Keefe koordiniert den Einsatz von Friedensaktivisten im Irak. Näheres unter: www.uksociety.org

00:00 10.01.2003

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