Schwächen des starken Mannes

Kommentar Anschlag auf die Moskauer Metro

Waren die Bilder vom Anschlag auf die Moskauer Metro auch deshalb so schockierend, weil die oder der Attentäter buchstäblich unter den Augen der Sicherheitsdienste von Präsident Putin zugeschlagen hatten? Wie weit kann sich der Kaukasus-Krieg noch vortasten ins Zentrum Russlands, ins Herz seiner Hauptstadt?

Wladimir Putin hatte vor vier Jahren eine Lösung des Tschetschenienkonfliktes zur Priorität erhoben, um sich nun - fünf Wochen vor seiner erneuten Wahl - wiederholen zu müssen. Und es ist keineswegs paradox, dass ihm - auch wenn er sein Ziel nicht erreicht hat - die Russen mehrheitlich als einzigem ihre Sicherheit anvertrauen wollen. Dieses Verhalten spiegelt die Folgen einer nach 1991 verspielten politischen Liberalisierung, die dank der Führungskraft des Kremls zur "kontrollierten Demokratie" mutierte.

Jeder Anschlag gibt Putin Gelegenheit, sich gegenüber dem Terrorismus absolut unnachgiebig zu zeigen. "Russland verhandelt nicht mit Terroristen, es vernichtet sie", so auch diesmal sein Kommentar. Der stets wiederkehrende Epilog in einem vom Schicksal geschriebenen Drehbuch der Angst. Es müssen Tschetschenen gewesen sein, steht im Szenarium, an das sich auch die mutmaßlichen Drahtzieher (und Nutznießer) der Attentate halten. Die Russen sollen in ihren eigenen, sich in Sicherheit wähnenden Familien spüren, wie sich Krieg anfühlt, heißt es aus dem Kaukasus - vielleicht werden sie dann dafür sorgen, dass keine tschetschenischen Dörfer mehr "gesäubert" und keine Tschetschenen in Russland mehr diskriminiert werden. Wie das auch einer der Putin-Herausforderer bei den Präsidentschaftswahlen, der liberale Parteichef Iwan Rybkin, jüngst forderte: Verhandlungen mit dem einstigen tschetschenischen Präsidenten Maschadow über ein Ende des Krieges! Ein Paukenschlag um so mehr, als es Rybkin in der Zeitung Kommersant riskierte, den Präsidenten als "Regenten der Angst" und "Staatsverbrecher" zu bezeichnen, dessen Entourage am Kaukasus-Krieg verdiene. Kaum hatte er Putin derart die Stirn geboten, verschwand Rybkin spurlos. Polizei und Geheimdienst fahndeten eher lustlos nach dem missliebigen Dissidenten, bis der Mitte der Woche wieder auftauchte. Solllte der mysteriöse Vorgang alle anderen Präsidentenbewerber das Fürchten lehren? Und soll der Präsident als jemand erscheinen, der gegen alles gefeit ist: Gegen Rybkins verbale Attacken wie ein Attentat mitten in Moskau? Die Terroristen haben ohnehin bewirkt, dass die russische Öffentlichkeit noch lauter nach Sicherheit ruft - und damit nach Putin, denn nur er kann sie ihr geben. Viele Bürger lehnen es ab, trotz ihrer historischen Erfahrungen die entscheidende Schwäche des starken Mannes Putin offen zu legen: Dass er selbst im Drehbuch der Angst gefangen ist, aus dem Russland auch mit noch soviel autoritärer Herrschaft nicht ausbrechen kann.


00:00 13.02.2004

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