Schwan auf vier Beinen

Neues vom Virus Die Vogelgrippe offenbart weiterhin konzertierte Ratlosigkeit

Wie in Grimms Märchen vom Wettlauf zwischen Hase und Igel hetzen weltweit Wissenschaft und Politik dem Vogelgrippevirus H5N1 hinterher, und in immer mehr Ländern - unlängst auch in Israel und Ägypten - zeigt sich: Es ist tatsächlich angekommen.

Oder war es vielleicht schon lange da und keiner hat richtig hingesehen? H5N1 ist im Rahmen von Stichproben als Einzelfall tatsächlich schon im Jahr 2004 in Europa festgestellt worden, allerdings war es nicht die derzeit umgehende Variante. Das heutige Virus hat einige Abschnitte in seinem Genom, die es zu einem besonders aggressiven Vertreter machen. Doch "kein seriöser Wissenschaftler kann sagen, ob H5N1 das nächste Pandemievirus ist", meint Professor Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Löffler-Instiuts auf der Insel Riems.

Da sich das Virus - wie der Igel im Märchen - nicht aus eigener Kraft fortbewegt, bleibt nach wie vor die Frage, wie es dahin gekommen ist, wo es auftaucht. Mettenleiter betonte in der vergangenen Woche auf einem Workshop der Tierärztlichen Hochschule Hannover zum Thema Tierseuchen, Verbraucherängste und Lebensmittelsicherheit, dass es "praktisch keinen anderen Einschleppungsweg als Zugvögel" gäbe, auch wenn die Kollegen aus der Vogelforschung in diesem Punkt skeptisch seien. "Wir kennen die Inkubationszeit nicht", räumt Mettenleiter ein und schwächt damit die These, denn es ist unklar, wie infizierte Vögel überhaupt noch so weit reisen können. Naturschutzbund (NABU) und Birdlife International beklagen die mangelnde Aufmerksamkeit, die anderen Verbreitungswegen geschenkt wird, zum Beispiel dem Handel und Schmuggel von lebenden Vögeln und dem Transport von Tierprodukten.

Eines dieser Produkte ist Kot. Dieser dient in der Landwirtschaft und in Fischfarmen als Dünger. Da infizierte Tiere über den Kot den Virus ausscheiden und sich gerade bei niedrigen Temperaturen der Krankheitserreger bis zu drei Monate in diesem Substrat hält, fordert die Welternährungsorganisation (FAO), dass die Verfütterung von Geflügelabfällen und -kot in Ländern verboten werden sollte, in denen Aviäre Influenza ausbrechen könnte.

Neben den Streitigkeiten um die Verbreitungswege drängt sich immer mehr die Frage in den Vordergrund, welche Tierarten betroffen sein können und ob Infektionen bei Katze und Marder ein Hinweis auf Mutationen sind, die es dem Virus erleichtern, auch Menschen zu infizieren. "Wir können nicht die gesamte Fauna darauf durchtesten, ob sie H5N1 infiziert ist", stellt Thomas Mettenleiter fest. Zwar war der Anfang März auf Rügen verendete Steinmarder der erste bekannte Fall bei dieser Tierart, doch hatte sich im Labor schon früher gezeigt, dass Frettchen die Krankheit bekommen können. Auch bei Katzen sind früher schon Fälle beschrieben worden. In Thailand sind seit 2003 mehrfach Tiger und Leoparden in Zoos verendet, die mit infiziertem Geflügel gefüttert worden waren.

Das aber gibt keinen Aufschluss über die Übertragbarkeit von Vogelgrippe auf den Menschen. Weder sind Infektionen von Katze zu Mensch bekannt, noch lässt sich von den wenigen bekannten Fällen, in denen sich Menschen mit H5N1 infiziert haben, einer auf Nahrungsmittel zurückführen. Im Unterschied zu Leoparden verzehren Menschen ein Huhn aber auch nicht mit Federn, Kopf und Füßen und in der Regel nicht roh.

Trotzdem meiden verängstigte europäische Verbraucher plötzlich Geflügelfleisch. "Auf 70 Grad Celsius erhitzt, kann Geflügelfleisch gefahrlos gegessen werden, dann nämlich sind die Salmonellen tot." Thomas Mettenleiter hat diesen Satz in den vergangenen Wochen oft wiederholt. Das ist sachlich richtig; doch der Verbraucher versteht den ironischen Verweis auf das höhere Risiko von Salmonellenvergiftungen nicht. Er hat die Bilder von vermummten Bundeswehrsoldaten im Kopf, die die Strände von Rügen abgesucht haben. Kann er da noch glauben, dass normale Küchenhygiene, Händewaschen und der ohnehin zu empfehlende Verzicht darauf, den Hund oder die Katze abzuküssen, ausreichen sollen, um einer Tierseuche zu entkommen?

Weiterhin ist die Bevölkerung aufgerufen, den Behörden tote Vögel zu melden. Sie tut das. Ende Februar wurden Feuerwehr und Veterinäramt des Landkreises Diepholz in Niedersachsen zu einem verendeten "Schwan" gerufen. Der Kadaver hatte vier Beine und lange Ohren. Ob das Tier sich wie der Hase in Grimms Märchen zu Tode gelaufen hat? Das ist eine andere Geschichte.


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00:00 24.03.2006

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