Schwarz-grüne Volks-Vibrationen

Das Elend des „Echo“ Gäbe es den Preis nicht, man müsste ihn erfinden. Nur Tatort, Bild und Bundesliga liefern so zuverlässig Informationen zur Schräglage der Nation
Schwarz-grüne Volks-Vibrationen
Dieter 'Maschine' Birr auf der Bühne mit seinen Puhdys

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

„Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.“ Nach dieser Devise des ehemaligen britischen Premiers Benjamin Disraeli werden auch in diesem Jahr wieder die Echo-Preise vergeben. Unter uns Popschnöseln sorgt schon die Liste der Nominierten für Heiterkeit. Album des Jahres: Santianos Von Liebe, Tod und Freiheit, Helene Fischers Weihnachten, Xavier Naidoos Sing meinen Song. Das Tauschkonzert Vol. 2 und Sarah Connor, geborene Sarah Marianne Corina Lewe. Für ihr Album Muttersprache hat sie schon einen Preis bekommen, wegen großer Verdienste um ihre Muttersprache.

Die deutsche Unterhaltungsindustrie ehrt die deutsche Unterhaltungsindustrie. Echo ist der passende Name für diesen Exzess des Tautologischen, moderiert von der einzigen TV-Frau, die es auch als Illustrierte zu kaufen gibt. Im Unterschied zu den Papierkameradinnen Brigitte, Petra und Tina ist Barbara ein Weib aus Fleisch und Blut. Jedes ihrer Pfunde trägt Barbara Schöneberger als Pfund sogenannter Authentizität auf die Bühne. So ist sie zum Darling des gesunden Mittelstandsmenschenverstands à la Winfried Kretschmann aufgestiegen. Barbara repräsentiert den leutselig daherkommenden Normalismus, der mit einer Mischung aus Mitleid, Ekel und Verachtung hinabschaut auf das verzweifelte Karrierehungern der Heidi-Klum-Girls. Und auf die Kanakenjungs, die gern Germany’s next Bushido oder Germany’s next Özil wären – auf all die prolligen Versuche, dem absehbaren Lebenselend einen One-in-a-million-Aufstiegs-turnaround entgegenzusetzen. Bushido ist übrigens Özils Nachfolger bei Anna-Maria Lagerblom, der Schwester von Sarah Connor, die dafür aber keinen Integrations-Bambi bekommen hat.

„Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg“: Die B-Seite zu diesem Song heißt: „Eure Armut kotzt mich an“. Ganz unten auf dem Echo-Tableau steht das Prekäre, die Tantiemen-Armut, in Gestalt der Nominierten für den Kritikerpreis. DJ Koze, Isolation Berlin, Tocotronic. „Kritikerliebling“, das lernst du im ersten unbezahlten Praktikum bei der Indieklitsche deiner Wahl, „Kritikerliebling“ ist das Synonym für: gefällt elitären Möchtegernexperten, verkauft aber nix. Mit dem Kritikerpreis holt sich der Echo Kritiker der eigenen Echolalie ins Boot – und nobilitiert den Echo in genau den Kreisen, die den Echo eigentlich doof finden.

Keine Einwände gab es diesmal gegen die neuerliche Nominierung von Frei.Wild. Da hat sich offenbar die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Tiroler Böhse-Onkelz-Wiedergänger mit ihrem Stilmix aus Heimatliebe, Naturverbundenheit und Maskulinismus als Bollwerk gegen Genderwahn, Feminismus und andere ansteckende Zivilisationskrankheiten einen erheblichen Teil derer repräsentieren, die dieser Tage unter „Wir sind das Volk“-Stakkato eine ganz neue Variante von, pardon, Fidschiklatschen spielen.

Den Echo fürs Lebenswerk bekommen die Puhdys. Die Ostrocker hatten auch Fans im alten Bayern. Bei Straußens wurde Ostrock gehört, Karat und Puhdys, erzählte dieser Tage Max Strauß. Vater Franz Josef habe sich den heißen DDR-Scheiß über den Devisendealer Schalck-Golodkowski besorgt. Mein Favorit beim Preis fürs Lebenswerk 2017 wäre Pur, die Fantastischen Fünf des grün-schwarz schillernden, schwäbischen Post-Vokuhila-Kehrwochenrock. Gäbe es den Echo nicht, man müsste ihn erfinden. Nur Tatort, Bild und Bundesliga liefern so zuverlässig Informationen zur Lage der Nation.

06:00 06.04.2016
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