Martin Faßbender
24.11.2009 | 20:45 27

Schwarz vor Augen

Risikoforschung ­Einige Forscher hoffen, am Genfer Teilchen­beschleuniger winzige Schwarze ­Löcher zu erzeugen. Andere befürchten hierdurch die Zerstörung der Erde

In diesen Tagen geht – nach mehreren reparaturbedingten Verzögerungen – am Europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf der Large Hadron Collider (LHC) in Betrieb, der größte Teilchenbeschleuniger der Welt. Protonen kollidieren mit einer Energiedichte, wie Sie noch nie zuvor auf der Erde erzeugt wurde. Die Physiker des CERN wissen nach eigenen Aussagen nicht, was sie entdecken werden. Einige hoffen, das Higgs-Teilchen zu finden, das letzte noch fehlende Teilchen des „Standardmodells“ der Elementarteilchenphysik. Andere hoffen auf völlig unerwartete Entdeckungen, die uns einen Hinweis auf eine neue Physik hinter dem Standardmodell liefern. Noch nie waren die Physiker so gespannt darauf, welche Überraschungen sie erwarten dürfen.

Viele Wissenschaftler hoffen, dass am LHC mikroskopische Schwarze Löcher erzeugt werden können, wie sie zum Beispiel im Rahmen der String-Theorie vorhergesagt werden und zur Vermessung von verborgenen Raumdimensionen dienen können. Einige Wissenschaftler glauben jedoch, es sei nicht auszuschließen, dass solche kleinen Schwarzen Löcher ganz einfach durch zufällige Begegnung mit Materie wachsen könnten und schließlich zur Zerstörung der Erde führen. Das CERN dementiert diese Befürchtungen.

Die theoretische Möglichkeit einer vollständigen Zerstörung der Erde noch in unserer Generation wird zwar im CERN-Sicherheitsreport rein rechnerisch bestätigt, aber aufgrund theoretischer Überlegungen aus der Astronomie ausgeschlossen. Niemand möchte das über 6 Milliarden Euro teure Experiment aufgrund einer nur „hypothetischen“ Gefahr absagen.

MBH

Ein Schwarzes Loch ist eine Singularität der Raumzeit, wie sie von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie vorhergesagt wurde und immer dann entsteht, wenn Materie über eine bestimmte Grenze – den „Schwarzschildradius“ – hinaus zusammengepresst wird. Die Folge ist, dass nicht einmal Licht dem Inneren eines Schwarzen Lochs entkommen kann und alle zusätzliche Materie, die in das Schwarze Loch fällt, vollständig in Energie zerstrahlt wird. Schwarze Löcher sind als astronomische Objekte mittlerweile recht gut erforscht. Sie entstehen, wenn hinreichend große Sterne nach dem Aufbrauchen ihres Brennstoffs nicht mehr genügend Strahlungsdruck besitzen, um der Schwerkraft ihrer eigenen Masse entgegenzuwirken.

Bei der Entstehung eines Schwarzen Lochs kommt es nur auf die Dichte an, nicht auf die Gesamtmasse. Schwarze Löcher kann es in allen Größen geben – ist die Energiedichte groß genug, reichen zwei Protonen aus, um eine kleine Singularität zu erzeugen. Während die astronomischen Schwarzen Löcher allein durch ihre große Masse alle Materie in ihrer Umgebung ­anzieht und verschlingt, ist ein in einem Teilchenbeschleuniger erzeugtes, mikroskopisches Schwarzes Loch („Mini Black Hole“ – MBH) zu klein, um aktiv Materie aufzusaugen. Jedoch wird es, wenn es nicht zerfällt, durch zufällige Begegnung mit Materie wachsen. Die Berechnungen variieren zwischen 27 und mehreren Milliarden Jahren, bis ein solches MBH die gesamte Materie der Erde vernichtet hat – je nach dem, welche Parameter man in die Schätzung einfließen lässt. Die Parameter zu schätzen ist reine Spekulation.

Lange galt es unter Wissenschaftlern als unwahrscheinlich, dass die Energie in von Menschen geschaffenen Teilchenbeschleunigern groß genug wäre, um MBHs zu erzeugen. Inzwischen ist die Physikerwelt in zwei Hälften gespalten, wobei die Anhänger der String-Theorie zumeist auch überzeugt sind, dass sich am LHC Schwarze Löcher produzieren lassen.

Unbewiesene Hypothesen

Die Sicherheitsstudie des CERN aus dem Jahre 2003 enthält nur ein einziges Argument gegen die Gefährdung durch MBHs: Nach einer 30 Jahre alten Theorie von Stephen Hawking sollten kleine Schwarze Löcher direkt nach ihrem Entstehen wieder zerstrahlen. Wenn dieser Prozess schnell genug abläuft, hätten die Schwarzen Löcher keine Chance, durch zufälligen Kontakt mit Materie zu wachsen.

Unabhängig davon, ob die „Hawkingstrahlung“ überhaupt existiert, musste die Zeit bis zum Zerstrahlen eines MBHs inzwischen mehrfach von den Physikern korrigiert werden. Angefangen hat es mit 10E-85 Sekunden, spätere Berechnungen kamen zum Ergebnis 10E-26 Sekunden. Erst im Januar 2009 wurde die maximale Lebensdauer auf bis zu 100 Sekunden nach oben korrigiert.

In den folgenden Jahren gab es weitere Untersuchungen von Wissenschaftlern, die eine potentielle Gefahr ausschließen sollten. Die umfangreichste Studie ist die von Giddings und Mangano aus dem Jahr 2008. Zwar ist diese Studie weitaus differenzierter als die von 2003, jedoch werden auch hier einige zwar recht wahrscheinliche aber nichtsdestotrotz unbewiesene Hypothesen herangezogen, um eine Gefahr auszuschließen. Der neue offizielle Sicherheitsreport des CERN von 2008 beruft sich im wesentlichen auf diese Arbeiten von Giddings und Mangano.

Die Studie ist wie folgt aufgebaut: Zunächst wird die Dauer berechnet, bis ein potentiell stabiles MBH, welches also nicht durch Hawkingstrahlung zerfällt, die gesamte Erde assimiliert (verschlungen) hat. Mittels einiger hierfür geschätzter Parameter kommen Sie zu einem Ergebnis von irgendwo zwischen 6 bis 80 Milliarden Jahren. Mit anderen Parametern kommen dieselben Physiker auf 600.000 Jahre, lineares Wachstum vorausgesetzt.

Ein Schönheitsfehler

Auf den dramatischeren Schätzwert von minimal 27 Jahre kommt der Physikprofessor Horst Stöcker von der Universität Frankfurt am Main – aber auch er hält die Gefahr, dass es dazu kommt, für gering. Stöcker hat übrigens sogar ein Patent angemeldet für eine Erfindung, wie sich durch kontrolliertes „Füttern“ eines Schwarzen Lochs mit Materie die Energieprobleme der Menschheit lösen lassen.

Das populärste Argument, um die Gefahr von künstlich erzeugten Schwarzen Löchern kleinzureden, funktioniert durch den Vergleich mit der kosmischen Höhenstrahlung: Die Kollisionsenergie am LHC entspricht der gleichen Energie, als würde ein Teilchen der sogenannten kosmischen Höhenstrahlung mit einer Energie von 10E17 Elektronenvolt auf ein Teilchen der Atmosphäre treffen. Da wir davon ausgehen, dass die kosmische Höhenstrahlung aus Protonen besteht, die zum Teil eine Energie von sogar über 10E19 Elektronenvolt besitzen, müssten also ohnehin ständig kleine schwarze Löcher in der Atmosphäre entstehen. Das LHC wiederholt also angeblich nur das, was die Natur ohnehin ständig tut.

Dieses sehr einfache und einleuchtende Argument hat jedoch einen Schönheitsfehler. Durch kosmische Höhenstrahlung erzeugte Schwarze Löcher sind alle sehr schnell und würden die Erde im Sekundenbruchteil einfach durchtunneln und im All verschwinden, je nachdem wie groß ihre Ladung ist, was man nicht weiß. Am LHC hingegen kollidieren zwei entgegengesetzte Teilchenstrahlen gleicher Energie. Hieraus resultierende Schwarze Löcher hätten, weil sich die Impulse gegenseitig aufheben, nur eine sehr geringe Geschwindigkeit und würden von der Schwerkraft der Erde eingefangen. Auf ihrem Weg zum Erdmittelpunkt würden sie, zunächst durch zufällige Begegnung, später durch aktives Anziehen von Materie, wachsen. Schlimmstenfalls 27 Jahre lang bis zur Vernichtung der gesamten Erde.

Laut Aussage des CERN gilt der Vergleich mit der kosmischen Höhenstrahlung aber doch als Beweis für die Ungefährlichkeit der Experimente. Es gibt es im Weltall zahlreiche Objekte mit erheblich viel größerer Dichte als die Erde, darunter zum Beispiel sogenannte Neutronensterne und Weiße Zwerge. Die Dichte eines Neutronensterns ist sogar so hoch, dass Materie in ihm ihren gewohnten Aufbau verliert. Falls sich nun durch kosmische Strahlung (oder einen Teilchenbeschleuniger) tatsächlich MBHs erzeugen lassen, dann würden sie sicherlich öfters von diesen massiven Himmelsobjekten eingefangen. Und innerhalb kürzester Zeit würden die Neutronensterne und Weißen Zwergsterne von den MBHs von Innen verschlungen. Da wir jedoch seit vielen Jahren sehr viele solcher Objekte beo­bachten, schließen die Wissenschaftler, dass diese Gefahr nicht existiert. Und wenn nicht für Neutronensterne und Weiße Zwerge, dann noch viel weniger für die wesentlich leichtere Erde.

Innerlich aufgeheizt

Tatsächlich ist dies der zentrale, stärkste Beweis, dem die CERN-Physiker vertrauen, dass sie nicht die Erde zerstören werden. Aufgrund dieses Beweises fühlt sich das CERN legitimiert, kleine Schwarze Löcher zu erzeugen, um sie zu untersuchen und eventuell sogar zur Energiegewinnung zu nutzen. Man kann sich leicht vorstellen, dass dieser Beweis auf falschen Annahmen beruhen könnte. Vor allem wenn man berücksichtigt, unter welchem Erfolgsdruck das CERN steht. Es gab schon mehr als eine Studie zur Gefahrlosigkeit von Atomkraftwerken oder Endlagern, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt hat.

Es gibt auch mehrere andere Szenarien, für die das CERN-Sicherheitsargument überhaupt nicht greift und bei denen auch die Erde durch die Experimente zerstört werden könnte. Eines hat Rainer Plaga in dem Aufsatz „On the potential catastrophic risk from metastable quantum-black holes produced at particle colliders“ beschrieben. Vereinfacht dargestellt wird hier berechnet, dass das patentierte Schwarze-Loch-Kraftwerk, mit dem Professor Stöcker unsere Energieprobleme lösen möchte, höhere Energien abwirft als erwartet und die Erde quasi innerlich aufheizt, bis kein Leben mehr möglich ist.

Zusammengefasst kann man sagen, dass die Physiker des CERN einige Argumente gefunden haben, die gegen eine Gefahr sprechen. Andere Wissenschaftler haben Argumente gefunden, die für eine Gefahr sprechen. Die Geschichte ist voll von Beispielen, bei denen die Fachwelt sich geirrt hat. Ein sehr markantes Beispiel ist die Zündung der ersten Wasserstoffbombe mit Lithium-6 als Brennstoff, das sogenannte „Castle Bravo Experiment“ vom 28. Februar 1954. Die Wissenschaftler waren sich damals einig, dass Lithium-6 zur Kernfusion beitragen wird, das auch enthaltene Lithium-7 jedoch nicht.

Die Sprengkraft wurde daher mit „4 bis maximal 6 Megatonnen TNT“ vorhergesagt. Leider hielt sich die Physik jedoch nicht an die theoretischen Überlegungen. Lithium-7 trug zur Reaktion bei, und die Sprengkraft betrug mit 15 Megatonnen TNT das Dreifache des Vorhergesagten. Weil für diese Testexplosion nicht weit genug um das Bikini-Atoll herum evakuiert wurde, erlitten einige hundert Menschen tödliche Strahlendosen.

Die Wissenschaftler des CERN erwecken nicht den Eindruck, als hätten sie aus diesem und vielen anderen Fehlern gelernt.

Mehr Informationen bietet die Webseite concerned-international.com. Hier wird auch die kürzlich eingereichte Beschwerde gegen CERN beim UN Ausschuss für Menschenrechte dokumentiert

Kommentare (27)

misterl 26.11.2009 | 14:35

Die 27 Jahre sind natürlich eine Jux-Aussage. Solange mag es dauern, aber das Leben auf der Erde würde deutlich früher aufhören eine Grundlage zu haben.

"Jedoch wird es, wenn es nicht zerfällt, durch zufällige Begegnung mit Materie wachsen."

Was für ein Zufall, das überall Materie zum Futtern rumliegt.

Was mir - an sich wenig Forschungskritisch - an diesem Teil aus dem Experimentierkasten nicht gefällt ist die Sinnlosigkeit des Versuches. Am Ende springt dabei nicht einmal eine Neuauflage der Teflonpfanne heraus.

misterl 26.11.2009 | 17:02

Allgemein nein, speziell, ja.

Würden die Grundlagen zB dazu führen, dass Teleportieren grundsätzlich möglich würde - immer noch wäre meine Antwort ja. Denn der Energieaufwand dafür stünde in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Das durch gefundene Grundlagen Antriebe entwickelbar würden mit denen Reisen durch Raum und Zeit möglichen würden halte ich auch für eher unwahscheinlich.

Zudem glaube ich nicht, dass die technologisch Menschheit so alt wird auf diesem, unserem Planeten, dass sie mit den möglich zu erlangenden Grundlagen und Fertigkeiten etwas Nutzen bringendes anfangen kann, außer vielleicht neue Modelle zu entwickeln, die dem Rest im realen Leben wiederum auch keinen Nutzen bringen.

gweberbv 26.11.2009 | 17:19

Ahso. Mit dem Hinweis, Wissen sei ein Wert an sich, kann ich dir wohl nicht kommen.

Allerdings bewahrheitet sich in der Grundlagenforschung die alte Weisheit, dass man nie wisse, wozu etwas letztlich noch gut sein kann, immer wieder.

Und es wäre auch eine Versündigung wieder den Geist, wenn begabte Forscher ihre Fähigkeiten nur noch dafür einzusetzen hätten, Bremsbeläge und Flachbildfernseher zu verbessern.

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steinmain 26.11.2009 | 17:28

Hört sich nicht schlecht an, irgendein Papst, so Ingridienz der 18. hat auch irgendwann mal gesagt, das wir alle sterben müssen, wobei er sicher keine kleinen schwarzen Löcher meinte.

Spass beiseite, ich möchte auch grosstechnische gigantomane Forschung nicht ins Lächerliche ziehen, Tatsache ist aber, das der alte Prof. Einstein nur mit Bleistift (nicht mal nen Tuscheschreiber !) und Papier arbeitete, niemals ein Experiment ausführte, und trotzdem die menschliche Sicht des Universums um eine direkte Beziehung zwischen Raum, Zeit und Materie bereicherte.

Was ich damit sagen möchte, ist, das geniale Ideen durch Musse und Überlegung entstehen, nicht durch den Einsatz hektischer Aktivität, Leistungshuberei und den Abgriff von Förderungsmitteln.

Und wenn jetzt ein schwarzes Loch die ganzen schweizer Banken mitsamt den geheimen Billiarden-Einlagen von blutrünstigen Diktatoren dieses Planeten verschlingen würde, da in Genf, wäre das ja eigentlich auch nichts schlechtes, oder ?

ambivalach 26.11.2009 | 17:33

"Die Wissenschaftler des CERN erwecken nicht den Eindruck, als hätten sie aus diesem und vielen anderen Fehlern gelernt."

Der Vergleich des "Castle Bravo Experiment" von 1954 mit dem aktuellen CERN-Projekt ist wohl ebenso sinnvoll wie der von Rechenanlagen (Röhrengeräten!) der frühen Fünfziger mit heutigen Super-Computern-Netzen.

Moin, Moin

gweberbv 26.11.2009 | 18:01

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Spass beiseite, ich möchte auch grosstechnische gigantomane Forschung nicht ins Lächerliche ziehen, Tatsache ist aber, das der alte Prof. Einstein nur mit Bleistift (nicht mal nen Tuscheschreiber !) und Papier arbeitete, niemals ein Experiment ausführte, und trotzdem die menschliche Sicht des Universums um eine direkte Beziehung zwischen Raum, Zeit und Materie bereicherte.
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Einstein war Theoretiker. Ohne experimentelle Forschung im weiteren Sinne hätte er nichtmal Bleistift und Papier zur Verfügung gehabt. Ganz zu Schweigen vom Gegenstand seiner Überlegungen.

Und die Vorstellung, dass mit Einstein, Newton Co hin und wieder Geistesriesen die Weltbeühne betreten, die Kraft ihres Genies im Alleingang die Forschung revolutionieren, ist ein Klischee. Stattdessen bauten sie wie alle anderen auch auf den Foschungsleistungen zahlloser mehr oder weniger begabter und größtenteils längst vergessener Vorgänger auf.

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steinmain 26.11.2009 | 18:36

@gweberbv !

Keine Frage, das die "Geistesriesen" immer auf der Forschung von kleineren Menschen aufsetzen, es gibt auch Schachspieler, sag mer mal, die sich nur durch Koordinatenangaben verständigen, ohne Brett und physische Figuren, zum Thema, ohne Bleistift, nur im Kopf. Was ich sagen wollte, ist das die Interpretation teilweise einfach unspektakulär erscheint, so wie etwa bei Prof. E. einige Jahre, und das sich Erkenntnis einfach nicht erzwingen lässt.

misterl 26.11.2009 | 22:40

Doch schon. Mit dem Hinweis kannst Du kommen. Aber es hat amS Grenzen. Für ein Bruchteil einer Millionsten Sekunde durch ein umgewandeltes Signal zu "sehen", dass es ein Teilchen gibt, dass es ohen diesen irren Energieaufwand nicht von alleine isoliert gäbe ist für meinen Geschmack über die Grenzen hinaus geschossen - auch wenn man damit Eindruck erzeugen kann.

Was wäre wenn die Forscher ihre Zeit damit verbrächten das Ganze mit einer 1.5 Volt Batterie hin zu bekommen? Siehste das wäre intelligente Forschung. ;-)

misterl 27.11.2009 | 08:15

War Dein Thema nicht: Grundlagenforschung?

Wenn ein paar wilde Forscher meinen, sie könnten ihre schwarzen Minilöcher im "Reagenzglas" in Reichweite ihre Wohnung einsperren. Bitte, aber man könnte ihre Wohnung samt Experimentierkasten doch etwas weiter in unserem Sonnensystem verlegen. Europa (Jupitermond) zum Beispiel. Geht nicht? Dafür fehlen uns die technischen Grundlagen? Aha.

ambivalach 27.11.2009 | 11:06

....sinnlosigkeit des versuches...
...teflonpfanne...

was sollen diese sprüche aus der "maschinenstürmer-ecke" ?
eine etwas umfangreichere projektbezogene recherche wird ihnen vornehmlich als intensiver web-nutzer helfen, z.b. die cern-spezifische weiterentwicklung des internet in richtung "grid" in absehbarer zeit schätzen zu lernen, quasi als ersatz für teflon 2.0.
schmunzel, moin, moin.

Rudolf Uebbing 27.11.2009 | 22:16

"Unfälle und Unerwartetes erwarten" oder warum
Grenzüberschreitungen ab kritischen Schwellen
bedenklich sind - man kann nicht beliebig
lange und hoch quantifizieren und zugleich
Untersuchungsmöglichkeiten bei Risikoanalysen einfach unberücksichtigt lassen. Die vorhandenen Risikoanalysen können
als unvollständig angesehen werden.

In der Zeitung "Handelsblatt", Nr. 225, v. 20.11.2009,
Seite 8 u. 9 steht folgende Abhandlung,
die zum Thema ganz grundsätzlich passt -
Titel der Abhandlung:

"Unfälle und Unerwartetes erwarten
...

Die Ungewissheit wächst mit den technischen
Fähigkeiten
..."

"Was jemand ... nicht berücksichtigt hatte,
war, dass Komplexität und Ungewissheit mitwachsen,
wenn die technischen Fähigkeiten wachsen.

Je mehr wir berechnen, desto unberechenbarer
wird die Zukunft.

Das bedeutet auch, dass
die Politik das Unerwartete erwarten und
Handlungsroutinen für den Umgang mit
nicht vorhersehbaren Ereignissen
entwickeln muss.

Kernkraftwerke werden längst so betrieben.

Um die Art von Ungewissheit zu bewältigen,
die in komplexen Systemen vorherrscht, ist
eine neue Art von Politik unentbehrlich.

Adaptives Prozessmanagement anstelle von
"Vorhersagen und Handeln" ermöglicht die
notwendige Flexibilität.

Wo man nicht vorhersagen und nicht einmal
Wahrscheinlichkeiten berechnen kann, ist
es wichtig, nicht so zu tun, als wisse man,
was die Zukunft bringen wird.

Unsere Einschätzung dessen, was als Nächstes
passieren wird, muss ständig aktualisiert
werden. Was man erwarten muss, sind
ironischerweise Überraschungen. ..."

Autoren:
Wolfgang STREECK, Direktor am
Max-Planck-Institut für
Gesellschaftsforschung, Köln

Sandra MITCHELL,
Dekanin für Geschichte und
Philosophie der Wissenschaft, Pittsburgh
(schrieb: "Komplexitäten: Warum wir erst anfangen,
die Welt zu verstehen".)

donda 28.11.2009 | 21:12

Will ja nicht nörgeln... obwohl, vielleicht will ich das doch, bin ja diesbezüglich schonmal unangenehm aufgefallen ;-), aber: Die im Artikel genannten Zahlen sind in einem wirren Format. Mit 10E17 z.B. ist ziemlich sicher die siebzehnte Potenz von 10 gemeint, also eine 1 mit 17 Nullen. Eine korrekte Schreibweise dafür wäre 10^17, eine andere wäre 1E17. Nur 10E17 ist leider keine korrekte Notation. MfG Affidavit

gogpetorg 30.11.2009 | 13:49

Auf tiefgestapelte Weise auf die ungereimten Sicherheitserklärungen der Schwarz-Loch-Fabrik LHC-CERN aufmerksam zu machen! – das ist absolut genial. Auf diese Weise könnte man auch einige Fachleute aus der Reserve locken, die sonst auf eine aggressive Verdeutlichung der Gefahren (Schwarze Löcher Erzeugung am LHC) eher zurückhaltend reagieren!

ambivalach 01.12.2009 | 12:41

welches "absolut geniale" wunder könnte nun bewirken, daß nach lhc-restart mit außerordentlichem zwischenergebnis von 1,8 tera-elektronenvolt energie durch protonenbeschleunigung der von den kritikern befürchtete eintritt in die "tödlich fahrlässige" eigentliche physik innerhalb weniger wochen noch verhindert werden kann?
meine überzeugung, daß dieses wunder nicht passieren muß, habe ich gewonnen vor dem hintergrund von cern-risikoanalysen auf der basis jahrelanger zahlloser berechnungen und simulationen mittels it-spitzentechnologie, durchgeführt von einem team der global führenden physikerelite (mitarbeitende us-kollegen inklusive).
die argumente der wissenschaftlichen gegenbewegung warnender kritiker reichen offensichtlich nicht eimal zu einer atempause der cern-verantwortlichen oder dem einspruch politischer kräfte.

Bleibtreu 02.12.2009 | 10:27

Mit der “Direktive Engelen“, nennen wir es mal so (nachzulesen auf: www.scienceguardian.com/blog/global-concern-earth-down-tiny-plughole-remains-a-possibility-2.htm ), zieht die Wissenschaft, in der sich Wissenschaftler bislang wie in ihrer Westentasche auskannten, zieht also die Wissenschaft gleich direkt in die Westentasche der am Projekt beschäftigten Wissenschaftler um. Was nach Verschwörung aussieht ist wieder einmal lediglich Besitzstandwahrung.

gogpetorg 02.12.2009 | 15:40

„welches ´absolut geniale wunder´ könnte nun bewirken, daß nach lhc-restart …der von den kritikern befürchtete eintritt in die "tödlich fahrlässige" eigentliche physik innerhalb weniger wochen noch verhindert werden kann?
Antwort: natürlich keine noch so lobende Hervorhebung ähnlicher Artikel wie der von M.F.
Das aufmerksam machen auf eine wissenschaftliche Gegenbewegung ist besser als nichts. Dieser Satz sollte natürlich nicht beruhigen, sondern die kreative Phantasie auch der nichtwissenschaftlichen Gegenbewegung beflügeln.

Rudolf Uebbing 04.12.2009 | 10:04

Verwischungen zwischen Umgangssprache und Wissenschaftlichkeit

In einem online-Leserbrief der Neuen Züricher Zeitung, www.nzz.ch, v. 2. Dez. 2009, 17:01 Uhr wird eine
provisorische Bezeichnung "Direktive Engelen" benutzt.
Sie beruht auf einen Artikel in "THE NEW YORKER" v. 14. Mai 2007 von Elizabeth Kolbert, wo sie Jos Engelen, "CERN's chief scientific officer", zitiert:
"Engelen said that CERN officials are now instructed,
with respect to the L.H.C.’s world-destroying potential,
“not to say that the probability is very small
but that the probability is zero.”" ("zero" hervorgehoben). -

Man darf und muss nachfragen, welche Auswirkungen
diese CERN-interne Anweisung
auf nachfolgende CERN-eigene LHC-Sicherheitsuntersuchungen hatte. -

Leider werden mit dieser "Instrukt"ion
seitens CERN z.B. Grenzen zwischen
Wissenschaftlichkeit und Umgangssprache verwischt. -

Ein Dementi dazu ist von CERN hier nicht bekannt.

Wissenschaftlich gesehen ist "ZERO" falsch.

Rudolf Uebbing 05.12.2009 | 15:06

Wenn Atomphysiker belieben zu scherzen, welcher Wahrheitsanteil wird transportiert?

Viktor Weisskopf aus Österreich, Atombombenmitentwickler
unter Oppenheimer, späterer General-Direktor des CERN, hat
in seiner eigenen Biographie über den Nobelpreisträger
FERMI in den Stunden vor dem ersten A-Bombentest am 16. Juli 1945 berichtet:

Demnach sprach FERMI scherzhaft von einer weltweiten Entzündung der Erdatmosphäre mit
einer Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent und "übertrieb" dabei. - Heute wissen wir,
dass höchstkarätige Physiker die Wahrscheinlichkeit dieses Globalunfalles
damals mit 3 in einer Million errechneten,
akzeptierten und tatsächlich eingingen; somit hatte FERMI
tatsächlich "übertrieben" - um den Faktor ca. 30000. Damals
unterlagen die zugehörigen Berechnungen im Zuge der Atombombenentwicklung einer
strengen Geheimhaltung.

Wenn ein Journalist in 2009 beim CERN im Vorfeld der LHC-Teilchenkollisionen recherchiert und
erfährt, dass CERN-Wissenschaftler scherzhaft den LHC-Kollisionspunkt als "Apokalyptischen
Reiter" bezeichnen - auf welchem CERN-internen Hintergrund ist dann diese beunruhigende, öffentlich in einer Zeitschrift bekannt gemachte Äusserung entstanden?

Rudolf Uebbing 18.12.2009 | 21:35

KORRIGENDA: "Turnier" richtig

Korrigenda: Artikelüberschrift in WiWo (Wirtschaftswoche)
zu einem LHC-Bericht
- dort steht nicht "Reiter", sondern "Turnier".

Ich bedauere, diese CERN-Scherzäusserung in
meinen obigen Beitrag v. 5.12. unkorrekt wiedergegeben zu haben.

Nein, es ist nicht vom "Apokalyptischen Reiter",
sondern vom "Apokalyptischen Turnier" die Rede.

Sinngemäß passt "Turnier" besser, da es mehrere,
vier größere Experimente gibt,
die in den Vordergrund gestellt werden:
ATLAS, ALICE, LHCb und CMS,
weniger ist die Rede von LHCf und TOTEM.

Mit "Turnier" ist oft die Vorstellung verbunden,
dass mittelalterliche Ritter reitend aufeinander
lospreschen, sich treffen,
sich dabei vom Sattel hauen und dies
gleichzeitig an vier Kollisionspunkten
- etwa wie im LHC.

Was liegt dem Leser dabei näher
als der Gedanke an die vier biblischen Reiter
(sh. Offb. 6,1-8), ein Sinnbild für eine
apokalyptische Situation.

Sh. Zeitschrift Wirtschaftswoche v. 20.07.2009, #
Nr. 30, S. 70 - Artikelüberschrift:
"Apokalyptisches Turnier". -
Dort auf S. 71, Zitat:
"Die Hochleistungspumpen stecken auch im Atlas,
nahe der Stelle, an der das 'apokalyptische Turnier'
stattfindet. So nennen Cern-Forscher jenen Punkt,
an dem die Protonen aufeinanderprallen,
die in den Ringen gegeneinanderlaufen."

Am Ende des Artikels, S. 71, werden die denkbaren,
kleinen künstlichen Schwarzen Löcher mit einem
Zitat von Physiker Edgar Mahner wie folgt beurteilt:
(mBH)"'...sind, wenn sie überhaupt entstehen,
so winzig, dass sie keinen Schaden anrichten',
verspricht Physiker Mahner.
Bleibt zu hoffen, dass er recht hat."

Unterschrieben ist der WiWo-Artikel
mit einer email-Adresse: wolfgang.kempkens@wiwo.de

Hier noch ein Rückblick auf eine ältere historische Warnung
- Walther Hermann NERNST (Nobelpreis 1920) -
eine frühe Befürchtung aus dem Jahre 1921.
Der Wissenschaftsautor Robert Jungk gibt in
"Heller als tausend Sonnen" eine Äusserung von NERNST,
dieses Physikers und Chemikers,
aus dem Jahre 1921 wieder,
die der RUTHERFORDschen Befürchtung
aus dem Jahre 1903 in etwa gleich kommt,
nämlich dass aus einem physikalischen Labor
heraus tatsächlich eine globale Gefahr entstehen könne.
(Rutherford: Nobelpreis 1908)

Sh. bei R. JUNGK, "Heller als tausend Sonnen",
Bern, 1956, S. 16:
"'Wir leben sozusagen auf einer Insel aus
Schießbaumwolle' schrieb 1921 der deutsche Physiker
und Nobelpreisträger Walter NERNST, als er versuchte,
die neuesten Ergebnisse der Forschung Rutherfords
einer größeren Öffentlichkeit verständlich zu machen.
Aber zur Beruhigung hing er gleich einen Nebensatz an:
'... für die wir Gott sei Dank das
anzündende Streichholz noch nicht gefunden haben.'"

Wie etlichen aufmerksamen Bürger aufgefallen ist,
entspricht die Qualität und der Umfang der
Voruntersuchungen (Sicherheitsanalysen / LSAG-Report 2008
des CERN) nicht der Bedeutung dessen,
dass ein LHC tatsächlich dieses "anzündende Streichholz"
hergeben könnte.

Leider geht dazu mit einher, dass in dem o.g. deutschen
Wochenmagazin im Sommer 2009 berichtet wurde,
dass von CERN-Forschern scherzhaft der Kollisionspunkt
im LHC als "Apokalyptisches Turnier" bezeichnet wurde.
Eine Rücknahme dieser Scherzäusserung ist hier nicht bekannt.