Zuflucht in den schwarzen Bergen

Griechenland Auf der Insel Lesbos stranden immer mehr Flüchtlinge. Sie angemessen aufzunehmen, ist unmöglich
Zuflucht in den schwarzen Bergen
Von Damaskus nach Lesbos – Maisa mit ihrem Sohn in Kasantepes

Alle Fotos: Lennart Laberenz

Die Straße auf der Insel Lesbos windet sich eine steinige Küste entlang, das Meer liegt ruhig. Es ist heiß an diesem Nachmittag, gefühlte 40 Grad. Wenn man die letzte Bucht mit den paar Tavernen passiert, wird klar, dass Richtung Panagiouda der hässliche Teil von Lesbos kommt: Es riecht süßlich von der Raffinerie herüber, kaputte Häuser bedrängen einander, irgendetwas aus Stahlbeton ist nicht zu Ende gebaut worden. Kasantepes nennen sie die Gegend, der Name kommt aus dem Türkischen: Schwarze Berge. Man kann hinüberschauen, die Hügel der türkischen Küste zeichnen sich klar gegen den Horizont ab, es sind nur wenige Kilometer. Man schämt sich und denkt unwillkürlich: Freital. Tröglitz. Dresden.

Um von der griechischen Insel Lesbos in die sächsische Landeshauptstadt zu kommen, schlägt der Google-Kartenservice vor, mit dem Auto die Route durch die Türkei zu nehmen, quer durch Bulgarien, dann über Serbien, Ungarn, Österreich und Tschechien. 2.249 Kilometer sind das. Wenn man gut durchkommt und keine Pausen macht, wären das etwa 26 Stunden Fahrt. Maisa und Amir mit ihren beiden Kindern, Maisas Schwester mit dem vier Monate alten Baby und deren Mann Mohammed, ein 41-jähriger Grafikdesigner kommen aus Damaskus. Sie haben kein Auto. Und sie werden nicht gut durchkommen.

Kasantepes ist ein Flüchtlingslager am porösen Rand Europas. Mehr als dreitausend Menschen hausen hier in Staub und Hitze. Sie ducken sich in den Schatten von Büschen, sie sitzen im Rinnstein. Es riecht nach Schweiß, nach vergorener Milch, nach Fäkalien. Am Abend sammeln sie Holz, um Feuer zu machen. Mehrfach am Tag setzen sie sich auf die Straße, mitten in der Sonne, wütend, erschöpft. Eine Blockade, die Polizei solle endlich kommen, um ihnen zu helfen. Porös ist hier die Moral der Europäer, ihrer Politiker und Institutionen, die solche Zustände zulassen.

Amir blickt matt auf die staubigen Büsche, und seine Frau Maisa schildert den Weg in die Fremde. Zunächst seien sie nach Istanbul geflohen und hätten ein Jahr von Ersparnissen gelebt und von Gelegenheitsjobs. Maisa ging putzen, die Arbeit war hart und die Türken hätten sie wie Dreck behandelt. Also brachen sie auf zur Hafenstadt Izmir an der Westküste, um von dort auf eine griechische Insel zu kommen. Sie zahlten einem Schlepper tausend Euro für die Überfahrt, kleine Kinder durften umsonst mit. Nicht aus Menschlichkeit, sondern weil kleine Kinder auf den Booten den Beschützerinstinkt bei denen wecken, die sie aufgreifen. Eine Notrufnummer gab ihnen der Schlepper noch.

Die Polizei droht mit dem IS

Das Schlauchboot mit Maisa und den anderen war mit 40 Flüchtlingen hoffnungslos überladen. Dann streikte der Motor, und das Boot trieb hilflos auf dem Meer, es war dunkel. Irgendwer reichte ihr das Telefon, da antwortete jemand auf türkisch. In Istanbul hatte Maisa ein paar Brocken türkisch gelernt und so konnte Maisa dem Mann erklären, dass sie hilflos seien, ohne Motor. Kinder seien an Bord. Der Mann antwortete, die Seenotrettung sei nicht dafür da, ihnen zu helfen. Sie sollten sterben. Das würde alles ungemein erleichtern. Nach zwölf Stunden auf dem Wasser half ihnen ein türkischer Fischer, funkte die Küstenwache herbei. Die nächsten drei Wochen saßen sie in einem türkischen Gefängnis. Wenn wir euch noch ein Mal erwischen, habe ihr ein Polizist zum Abschied gesagt, bringen wir euch direkt zum IS.

Auf Lesbos leben rund 80.000 Menschen, Tendenz fallend. Die Insel ist von der Fläche her ungefähr viermal so groß wie München. Mytilini, die Hauptstadt, zählt etwa 30.000 Einwohner. Im vergangenen Jahr kamen rund 100 Flüchtlinge pro Tag an, die Bezirksregierung ließ bei Moria im Südosten ein Auffanglager nach EU-Standards aufbauen: Container mit Schlafplätzen und Duschen für 800 Menschen, ringsherum Zäune mit Stacheldraht und Wachtürme. Die Baukosten lagen bei neun Millionen Euro.

Lesbos liegt nur fünf Kilometer von der türkischen Küste, von Babakale und Behram entfernt. Zwischen 200 und 300 Euro verlangten die Schlepper für einen Platz im Schlauchboot. Ein Ticket mit der Fähre kostet 15 Euro. In diesem Jahr stieg die Zahl derer, die es täglich nach Lesbos schaffen auf 600. Seit April erreichen an Wochenend-Tagen häufig 1200 Flüchtlinge die Insel. Die meisten der Gestrandeten kamen aus Afghanistan, dem Irak und Syrien. Nach München ziehen pro Tag 80 Menschen.

Brennende Zündschnur

Inzwischen sind Teile des Camps von Moria geschlossen, es gibt keinen Strom mehr. „Vielleicht, weil wir kein Geld für die Rechnungen haben“, sagt ein Polizist, der vor dem Lager postiert ist. Längst campieren Menschen im Umfeld des Lagers, sie sitzen im Schatten unter den Bäumen, waschen sich mit Wasser aus einem Schlauch. Es riecht vergoren.

Man selbst schämt sich und denkt: Polen will euch nur aufnehmen, wenn ihr Christen seid. Ungarn baut einen Zaun gegen euch. Großbritannien will gar keine Flüchtlinge aufnehmen, die baltischen Staaten schotten sich ab. In Dresden werden Zeltlager angegriffen. Aber davon weiß hier niemand etwas. Die Gesichter derer, die da hausen, beginnen zu leuchten, wenn man erwähnt, dass man aus Deutschland kommt.

„Ich würde eine Fähre chartern, vom Geld des Bezirks“, sagt Spyros Galinos, der Bürgermeister von Mytilini. Von seinem Büro aus überblickt er den Hafen. Schräg fällt Sonnenlicht in den Raum. Die Idee mit der Fähre ist bemerkenswert, immerhin ist Galinos ein Mann der rechtskonservativen Unabhängigen Griechen (ANEL), die nicht dafür bekannt sind, sich für Einwanderer übermäßig zu engagieren. Auf der Insel heißt es jedoch, dass Galinos tut, was er kann. Viel ist das nicht, er wird allein gelassen, von der Regierung in Athen, der die Mittel fehlen, und mehr noch im Stich gelassen von den Institutionen der EU.

Im April, als eine große Fllüchtlingswelle Lesbos erreichte, richtete Galinos das Lager in Kasantepes ein. Er ließ einen Wasseranschluss installieren, Zelte heranschaffen. Kasantepes liegt abseits, im Hinterland. Die Flüchtlinge am Hafen, das sei kein schöner Anblick gewesen. „Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber ich muss auch an die Tourismusindustrie denken.“ Bereits im Mai platzte das Lager aus allen Nähten. Im Juni registrierte die Hafenbehörde auf Lesbos 15.521 Neuankömmlinge. Galinos hat Briefe geschrieben, um Hilfe gebeten. Aus Athen, aus Brüssel: keine Antwort. Er hat sich ein Bild zurechtgelegt: „Wir sitzen hier auf einer Bombe, die Zündschnur brennt. Alle warten darauf, dass sie explodiert.“

Plötzlich wird es hektisch in Kasantepes. Menschen rennen über den weißen Staub der Piste, die zum Lager hinaufführt. Der Lieferwagen mit Essensrationen ist gekommen. Polizisten mit Mundschutz und Einweghandschuhen versuchen, die hungrigen Menschen in Reihen zu zwängen, damit die Schwächeren nicht beiseite geschoben werden. Immer mehr Menschen kommen aus dem Lager. Angst steht in den Gesichtern, Hunger. Vor einer Woche hat eine aufgebrachte Menge einen Lieferwagen zertrümmert, weil er nicht genügend Lebensmittel mitgebracht hatte. Die Polizei war nicht vorbereitet auf diese Wut. Jetzt kommen die Rationen von einer anderen Firma. Aber man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass sie dieses Mal nicht ausreichen. Als der Transporter abfährt, blickt man in viele enttäuschte Gesichter. Und man schämt sich.

Den Motor aufheulen lassen

Maisa wollte mit ihrem Mann und den Kindern nicht in das umzäunte Lager. Die Familie hat deshalb ihr Zelt vor eine Bauruine gesetzt, direkt auf den Betonboden. Überall liegt Müll herum, der Wind schiebt Schwimmwesten in die Ecken, von dort leuchten sie orange in der flirrenden Hitze. Seit vier Tagen lebt die Familie auf diesem harten Untergrund, ein Laden verkauft Zelte für 30 Euro, für ihr Essen gehen sie in einen Supermarkt.

Wieder kocht der Zorn, der Schweiß, die Fäkalien, der Gestank: Die Menschen strömen erneut zusammen, besetzen die Straße, schon zum dritten Mal an diesem Tag, rufen nach der Polizei, die gerade abgefahren ist. Was bleibt ihnen anderes übrig?

Schnell versammeln sich Hunderte, sie streiten, ob ein Motorrad durch ihre Blockade fahren darf, sie streiten, ob sie auf der Straße sitzen oder stehen sollten. Ein BMW hält vor einer Mülltonne, die von den Flüchtlingen auf die Straße geschoben wurde. Der Fahrer lässt den Motor aufheulen, es soll bedrohlich wirken. Er lässt die Hinterräder durchdrehen, damit es qualmt und stinkt. Die Flüchtlinge grinsen. Als der BMW schließlich umdreht, wird gejubelt. Ein kleiner, nutzloser Sieg.

Schließlich kommen die Polizisten, drängen alle an den Rand, schreien und schwingen halbherzig die Schlagstöcke. Auch sie sehen erschöpft aus. Als sich die Lage beruhigt, steht ein Polizist da, ohne Helm und Schild. Er versucht der Menge zu erklären, dass es auf der Insel vier Beamte gibt, die nur damit beschäftigt sind, Papiere zu bearbeiten. Er schreit, mehr als 500 Anträge seien pro Tag einfach nicht zu schaffen. Gestern seien 800 Flüchtlinge angekommen. Bürgermeister Spyros Galinos, sagt, dass bald hoffentlich acht Beamte für die Papierarbeit verfügbar seien. Aber wie man es dreht und wendet, es kämen einfach zu viele.

Flüchtlinge, die nach Lesbos kommen, trennen sich in zwei Gruppen – Syrer und die anderen. Die anderen: Menschen aus Afghanistan, Kurden aus dem Irak, Afrikaner aus Nigeria, Kamerun und dem Senegal. Aus Syrien kommt die Mittelschicht, Chirurgen und Gynäkologen, Architekten, Ingenieure, Grafikdesigner. Bei der Essensausgabe ruft ein Mann, weit hinten, chancenlos: „Wir sind doch Syrer!“

Von der Insel, erzählt ein Apotheker, der in vierter Generation sein Geschäft betreibt, wandern seit Jahren qualifizierte Griechen ab. Man bräuchte Chirurgen, Gynäkologen, Architekten und Ingenieure. Wenn man Spyros Galinos fragt, meint er, nein, die Flüchtlinge wollten nicht bleiben. Über Möglichkeiten, ihnen das Leben auf der Insel schmackhaft zu machen, hat er noch nicht nachgedacht. Wenn man sich in Kasantepes umhört, ob jemand Lust hätte, auf Lesbos zu arbeiten, schaut man in entgeisterte Gesichter. Ein Programmierer aus Syrien sagt: „Wenn ich noch einen Tag länger hier bleiben muss, versuche ich wieder nach Syrien zu gelangen.“

352 Stunden zu Fuß

Galinos meint: „Das Problem liegt in der Türkei, dort müssen wir es lösen.“ Er will Auffanglager mit Registratur einrichten, den Transport selbst organisieren und so den Schleppern das Geschäft nehmen. Allerdings, das deutet er an, wird das nicht einfach. Bei diesem Thema wird auch die Frau von der Hafenbehörde schmallippig: Die Verbindungen zwischen Schleppern, Küstenwache und Behörden in der Türkei seien offenbar recht gut. Wenn man den Kapitän eines Patrouillenbootes fragt, ob die Küstenwache in den türkischen Gewässern ihre Arbeit tue, lacht er. „Sie arbeiten für die, die sie bezahlen.“

Papa Strathis ist Pfarrer in einer kleinen Gemeinde in den Bergen. Strathis sammelt Geld und Kleiderspenden, versucht Verpflegung zu organisieren und zu verteilen. Er wird unterstützt von der amerikanischen NGO „International Rescue Committee“, die darauf spezialisiert ist, schnell in Krisengebieten einzugreifen. In Kasantepes bringt das IRC an diesem Nachmittag Baumaterial ins Lager, weil mehr sanitäre Anlagen errichtet werden sollen. Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass das ICR in Europa tätig wird. „Dass ist ein Armutszeugnis für die EU-Länder, die außerstande sind, den Flüchtlingen eine Grundversorgung zu garantieren“, sagt David Miliband gesagt, einst Labour-Politiker und heute Vorsitzender des IRC.

Papa Strathis erzählt, dass die Kirche mehr tun könne, aber leider seien seinem Bischof die Flüchtlinge rundheraus egal. Auch in der Bevölkerung kippe etwas. Hotelbetreiber sprechen davon, dass die Flüchtlinge nicht gut für ihr Geschäft seien. Sie haben Angst, dass die Urlauber lieber an Strände fahren, an denen sie nicht vom Flüchtlingselend gestört werden.

Bürgermeister Spyros Galinos spricht davon, dass manche Einwohner der Insel unruhig werden, jetzt wo die Mehrwertsteuer hinaufschießt und das Leben immer teurer wird. Warum Staatsgelder für Fremde ausgeben? Auf der Hügelstraße drückt sich ein grüner Pick-up durch die Menge, er ist verbeult. Eine ältere Griechin sitzt auf dem Beifahrersitz, sie schreit die Menschen an: „Schert euch wieder dorthin, wo ihr herkommt!“

Nachmittags kommen Beamte der Stadt ins Lager Kasantepes und bringen Listen mit, Namen werden vorgelesen, es gibt Tumulte, der Mann am Megafon schreit, der Mann neben dem Megafon auch. Über Stunden werden Papiere an diejenigen ausgegeben, die nun zum Hafen dürfen – von dort geht die Fähre nach Piräus.

Ein junges afghanisches Pärchen sagt, sie wollten nach Deutschland. Zur Not auch zu Fuß. Nur weg von hier, sagen sie, mit ihren zwei Kindern und drei Bekannten haben sie auf Pappkartons vor einer Tankstelle geschlafen. Einer dieser Bekannten heißt Mohammed, er ist 27 Jahre alt, Boxer. Eines Tages klopften ein paar Taliban an seiner Tür. So einen starken Mann wie ihn hätten sie gern in ihren Reihen. Noch in der Nacht machte er sich auf. Eine Flucht kann man nicht planen.

Mohammed ist stark, er trug unterwegs den schwersten Rucksack, oft eines der Kinder. Jetzt hat er ein paar Plastikschalen mit Hühnerfleisch und Reis bekommen, sie teilen das Essen, strecken es bis in den Abend. Tagelang sind sie gelaufen, wollen noch weiterlaufen, dorthin, wo es sicher ist. Von Deutschland haben sie nur Gutes gehört. Googlemaps sagt, bis ins sächsische Dresden, zur Cockerwiese, dem Pegida-Treff, sind es 1.951 Kilometer. 352 Stunden zu Fuß, wenn man gut durchkommt.

Das Lager wird plötzlich lebendig, Menschen haben Zettel in der Hand, Rucksäcke werden aufgeschnallt, es geht los. Wenn man Kinder dabei hat, viel Gepäck und einen leeren Magen, kann es zwei Stunden bis zum Hafen dauern. Die gewundene Straße hinab, an der Küste entlang, vorbei an Ruinen und der Raffinerie – der Weg zieht den Marsch auseinander, schon hinter dem nächsten Hügel, noch bevor sie an den Tavernen vorbeikommen, sehen manche fast wie Touristen aus: Einige rollen Koffer hinter sich her, tragen Urlauber-Hütchen und eingerollte Zelte. Viele jubeln, trotz der Anstrengung, trotz schmerzender Gelenke: Es geht voran. Ein paar Jungs machen Selfies in Richtung der untergehenden Sonne.

Im Hafen von Mytilini liegt das Schiff Ariadne der Hellenic Seaways. Abfahrt um 20.00 Uhr. Morgen früh gegen sieben werden sie in Piräus ankommen. Kurz vor dem Hafen wird aus dem Gehen ein Rennen, nur nicht das Schiff verpassen, unter die Freude mischt sich Panik. Da werden Kinder gesucht und wiedergefunden, jemand jagt zurück, jemand plagt sich mit seinen Koffern, jemand zieht sich rasch noch eine Schwimmweste über.

Lennart Laberenz war für den Freitag zwei Wochen lang auf Recherche in Griechenland

Zum Abschied wird es still, fast verschämt schauen die vom Oberdeck, die es geschafft haben, darunter ein syrischer Chirurg und seine beiden Söhne, der junge Programmierer aus Allepo. Man sieht, wie erleichtert sie sind. Unten an der Mole kommt ein Vater zu spät, er winkt stumm hinauf, irgendwo da oben ist seine Familie, er will ihnen seine Verzweiflung nicht zeigen. Und man selbst steht an der Hafenmole und denkt beschämt: Niemand hat ihnen gesagt, dass sie erst am Rand von Europa sind.

06:00 16.09.2015
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