Schwarze Fahne

Sentenzen Das anarchistische Evangelium des Bert Papenfuß

Als anarchistischer Abrissarbeiter im staatssozialistischen Überbau der DDR hat sich der Dichter Bert Papenfuß dereinst einen Namen gemacht. Lange vor dem Untergang des SED-Staats setzte er gegen die "ferfestigungen / ferfestigter zungen" seine poetische Dekonstruktion der etablierten Sprachordnung. In der Agonie des SED-Staats führte der damals Dreißigjährige einen virtuosen "dreizehntanz" (1988) auf, um mit der "sinnfielteilung" der Poesie alle politisch korrekten Semantiken zum Einsturz zu bringen.

Mit seiner Ästhetik der Dissidenz erregte er damals nicht nur den Argwohn der DDR-Literaturpolitiker, sondern provozierte auch den Widerspruch seines Kollegen Volker Braun, der die "Neutönerei" der lyrischen Rebellen um Papenfuß als Wiederholung der historischen Avantgarde auf "niedriger Verarbeitungsstufe" verspottete. Bert Papenfuß galt dabei lange als die inspirierteste Gestalt unter den Autoren der "Prenzlauer Berg-Connection" (Adolf Endler), bis ihn die Enthüllungen um das konspirative Doppelleben einiger seiner Dichterfreunde um jeden literarischen Kredit brachten. Was vor der Wende eine aufregende literarische Debatte war, schrumpfte nach 1991 zur kriminalistischen Spurensicherung. Der Herold einer Poetik der Dissidenz wurde fortan als "spätdadaistischer Gartenzwerg" (Wolf Biermann) belächelt. Papenfuß ließ sich jedoch nicht einschüchtern und propagierte weiterhin die Parolen des Widerstands - diesmal allerdings gegen den "totalen mumienschanz" des Turbokapitalismus.

So darf man auch seine jüngsten Gedichtbände als lyrische Demonstrationen für die "Aktualität des Partisanen" verstehen. Während sich seine Dichterkollegen mehr und mehr aus dem politischen Nahbereich zurückziehen, gibt sich der Poet des "kulturbolschewistischen Nomadentums" weiter kampfeslustig.

In dem schmalen Bändchen Rumbalotte continua, das 2004 im Kleinverlag Peter Engstler erschien, hatte Papenfuß in seinem Langgedicht Graf Pymorski dreht am Rad der Geschichte eine skurrile Kulturgeschichte der nordostdeutschen und slawischen Renitenz entfaltet. Dieses Langgedicht, das eine verwegene Traditionslinie zieht von den Slawenaufständen der Ubaba und Lutizen um 800 bis zum "antinazistischen Diversantennetz" der polnischen Widerstandsgruppe "Gryf Pomorski", überzeugt durch seine skurrile Sprachkombinatorik. Die bizarren Namen der zahllosen slawischen Volksgruppen fügt Papenfuss mittels lose eingestreuter Reime und kalkuliert eingesetzter Schnoddrigkeiten zu einem dynamischen Sprachgebilde. Was auf der kulturgeschichtlich gründlich durchpflügten Langstrecke dieses Poems gelingt, wirkt bei den Seeräubersongs, Moritaten und anarcho-kommunistischen Balladen des neuen Rumbalotte-Buches oft nur flach und gequält witzig. Die giftige antikapitalistische Rhetorik bleibt in Phraseologie stecken, ohne jeden sprachspielerischen Schwung.

Man hat Papenfuß in der Vergangenheit zu Recht für seine virtuose Handhabung der unterschiedlichsten Gauner-Idiome gelobt: Rotwelsch, Argot und Seeräuber-Shantys bildeten die subversiven Verstärker des genuinen Papenfuß-Sounds. In Rumbalotte ist die Kraft der "sinnfielteilung" fast vollständig erloschen. Statt dessen ergeht sich der Autor in seitenlangen Gesinnungs-Sentenzen, die auf die Neugründung der legendären KAPD (Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands) zielen, die 1920 von Franz Jung, dem von Papenfuß abgöttisch verehrten Anarcho-Kommunisten, gegründet worden war. Viel zu selten lässt Papenfuß seine Freibeuter-Helden einmal "die gegen-lust / des von-innen-heraus-sprengens" selbstironisch aushebeln: "one, two, anarchy - /hottentottenremmidemmi".

So pflanzt er trotzig die schwarze Fahne der Anarchie auf und verkündet den Theoriekrampf des postkommunistischen Sektierertums: "die kapitalausfuhr als wesentliche / ökonomische grundlage des imperialismus / verstärkt die völlige isolierung / der rentnerschicht von der produktion / drückt dem sogenannten kernland / das von der ausbeutung der arbeit überseeischer lä

Bert Papenfuss: Rumbalotte. Gedichte 1998-2002. Zeichnungen von Ronald Lippok. Urs Engeler Editor, Basel 2005, 160 Seit., 19 EUR


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00:00 21.04.2006

Ausgabe 39/2020

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