Schwarze Limousine mit gelber Schrift

Argentinien Feuershow vor der Frontscheibe, Leben auf der Straße, im Taxi von Alejandro Carrizo - mi Buenos Aires, querida ...

Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert. Die Leuchtreklame funkelt, Menschen hasten auf viel zu schmalen Bürgersteigen durch enge Straßenfluchten, stehen vor Kinos und Theatern Schlange, sitzen in Bars beim Kaffee, träumen in der Casa Blanca der verrauchten Stimme einer verlebten Sängerin hinterher. Buenos Aires hat den kalten, feuchten, langen Atem und atmet, um zu leben.

Ein Taxi treibt mit den Automassen durch die Stadt, zu einer Parilla im Hafen, zur Bar Tango Mio oder zum Michelangelo, wo man Astor Piazzolla, den Tangokönig, der seit zehn Jahren tot ist, noch immer nicht vergessen kann. Zum Bankenviertel und wieder zurück. Zum Flughafen Ezeiza und wieder zurück. Alejandro Carrizo, der Fahrer des Taxis, ist mit vielem versorgt, was Buenos Aires zu bieten hat. "Vornehme Leute steigen hier ein. Und wenn ich Glück habe, wollen sie nicht nur bis zur nächsten Ecke. Es gibt andere, denen das Wasser bis zum Hals steht und die sich kein Taxi mehr leisten können, aber sich immer eins geleistet haben. Und es gibt welche, die steigen ein, und ich fahre keinen Meter, bis sie wieder draußen sind ..."

Argentinien durchlebt die schwerste Wirtschaftskrise seit 100 Jahren, schreiben die Zeitungen seit neun Monaten, jeder Fünfte ist ohne Arbeit, mehr als die Hälfte der Bevölkerung existiert unterhalb des Existenzminimums, das Geld der Sparer ist unerreichbar in den Banken verschlossen, die Mittelschicht ist pleite.

Im Schritttempo nähert sich das Auto einer Kreuzung. Die Ampel an der Avenida Corrientes springt auf rot. Abrupt rennen zwei Mädchen mit Fackeln auf die Straße. Keine 30 Sekunden dauert ihre Feuershow. Alejandro kurbelt am Fenster, greift nach ein paar Münzen und rollt weiter. "Ich lebe wie sie. Ich lebe wie sie von der Straße", murmelt der 56-Jährige, "wenn ich kann, gebe ich etwas." Täglich rudern sie zu Hunderten an seiner Frontscheibe vorbei, die bettelnden Kinder und Alten, die Menschen, die im Dreck wühlen und vom Dreck leben, die schäbigen Straßenhändler, die für ein paar Centavos Batterien, Papiertaschentücher und Schokoriegel anbieten. Alejandro kennt die Ecken mit den Prostituierten, die immer jünger werden, er sieht die mit Scherengittern und Metallwänden verriegelten Banken, ausgedellt, ramponiert von den Schlägen wütender Menschen. Er kennt die Umwege, wenn Demonstrationen den Verkehr auflaufen lassen. In sein Taxi steigen Touristen, die Argentinien als billiges Einkaufsparadies durchstreifen, und 16-Jährige, die versuchen, ihm die Tageskasse abzunehmen. "Buenos Aires bringt mich um", nannte vor Jahren die stadtberühmte Kabarettistin Cecilia Rosetto ihr Programm. Wer sie sah und hörte, wollte sich totlachen. Es ging um Liebe und Tango, die sich in dieser Stadt stets so selbstvergessen in den Armen liegen, dass es schon zur Marotte wird. "Mi Buenos Aires, querida ... "

Langsam rollt Alejandros schwarzes Limousine mit der gelben Schrift durch den Innenstadt. 17.000 schwarze Limousinen mit gelber Schrift rollen pro Nacht ihren Kunden hinterher, Buenos Aires hat kein Geld, aber eine endlose Taxischlange. Die meisten Fahrer sind wie Alejandro Unternehmer in eigener Sache. Aus der Not geboren.

Seit das Goldene Zeitalter bankrott ist

Als Ende der achtziger Jahre eine erste große Entlassungswelle rollt, sieht sich Alejandro nach einer Alternative um. Nach 23 Jahren in einer Maschinenfabrik steht ihm lediglich für zwei Monate Arbeitslosenunterstützung zu. Er ist zwar fünf Jahre zur Grundschule gegangen, doch für eine Berufsausbildung reicht das Geld der Familie nicht. Alles, was er kann, hat sich Alejandro mühsam selbst beigebracht - doch als Autodidakt ohne beglaubigte Qualifikation wieder irgendwo unterzukommen, scheint hoffnungslos. So investiert er seine Abfindung, vermehrt durch einen Kredit, in den Wagen und eine Taxi-Lizenz. Alles in allem 25.000 Dollar. Wer nicht seine Haut riskiert, der isst kein Fleisch. Und Alejandro kann Fleisch essen. An manchen Tagen bringt er bis zu 100 Pesos am Tag nach Hause. In den Neunzigern, im Goldenen Zeitalter Argentiniens, sind das dank der Peso-Dollar-Parität 100 Dollar.

Seit das Goldene Zeitalter bankrott ist, liegen die Tageseinnahmen des Taxiunternehmers Alejandro Carrizo im Schnitt bei 40 Pesos. Seit es auch mit der Parität vorbei ist, sind das noch elf Dollar. Dafür sitzt er zwölf Stunden im Auto. "Es ist schwer, nicht zu verzweifeln", glaubt er, "ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme, jeden Tag meine Runden zu drehen. Wegen 40 Pesos? Ich weiß nicht ..."

Zu Hause versucht Victoria, Alejandros Frau, aus dem Wenigen so viel wie möglich zu machen. "Wir tauschen viel in der Familie, meist Kleidung und Medikamente. Anders geht es nicht", erzählt sie und fügt hinzu, vielleicht müsse sie auch bald das Notwendige auf dem Trueque, dem Tauschmarkt, holen. So wie die anderen. Der Trueque findet überall Buenos Aires statt, ein urbaner Gewerbepark ohne Grenzen, das unerschöpfliche Warenlager jenseits der Glitzer-Malls und Edelboutiquen. Mehr als drei Millionen Menschen ertauschen auf dem Trueque, wofür ihre Pesos nicht reichen. Ob Lebensmittel oder Arzttermine, Möbel, Textilien oder Ländereien, alles ist zu haben. Ganze Unternehmen und Kommunen treiben Tauschhandel. Die Wiederauferstehung der Naturalwirtschaft im 21. Jahrhundert - auf Geld will die historische Fallübung vorerst nicht verzichten und hat mit dem crédito eine eigene Währung im Gepäck.

Täglich einen Arbeitsplatz gewinnen

Anfang der siebziger Jahre gehen Alejandro und Victoria nach Buenos Aires, beide kommen aus Tucumán im Norden. Als der Taxibetrieb noch floriert, stehen sie an der Schwelle zur Mittelklasse. Den beiden großen Kindern wird ein Studium bezahlt - der Stolz der Familie. 1999 erfüllt sich sogar der Traum vom eigenen Haus.

"Seit Februar können wir den Baukredit nicht mehr abzahlen. Im Augenblick wird das so hingenommen. Nur weiß ich nicht, wie lange die Geduld der Banken noch reicht", meint Victoria. Kraft schöpft sie aus ihrem Glauben an Gott, zu dem sie seit Beginn der Krise wieder zurückgefunden hat. Der Glaube ist vielen Argentiniern bewährte Zuflucht, um die Zumutungen des Alltags ertragen zu können. Im August pilgern Zehntausende zu San Cayetano, dem Schutzpatron der Arbeit, und bitten ihn um Beistand in der Not. Wochenlang kommen sie und schlagen wie Nomaden ihre Zelte mitten in Buenos Aires rund um die Kirche auf. Und wer es nicht mit Gott versuchen will, der hofft auf das Fernsehen. Recursos Humanos (Arbeitskräfte) heißt eine TV-Show auf Kanal 13, bei der man seit April täglich einen Arbeitsplatz gewinnen kann. Über 400 Bewerber melden sich pro Sendung zum Casting, das in der Regel nur einer übersteht. Wenn dann noch ohne Tabus das ganze Privatleben vor der Kamera ausgebreitet worden ist, kann der Kandidat einen auf sechs Monate befristeten Arbeitsvertrag mit nach Hause nehmen. 138 Argentinier hatten bis zum 31. August das Glück - 55.000 gingen bei dieser Schicksalslotterie leer aus.

Wer nach irgendeiner Einnahmequelle sucht, geht die unglaublichsten Wege. Selbst das ewige Schlangestehen vor Banken, Behörden und Botschaften schafft "Arbeit". Für ein paar Pesos hütet man den Platz in einer Schlange über Nacht, bis am Morgen der eigentliche Platzhalter zurückkehrt. "Viele wollen nicht in die Kriminalität abrutschen", ist Alejandro überzeugt, "manchmal sehe ich nachts Heerscharen von Cartoneros (Kartonsammler - die Red.), die umher ziehen und versuchen, schneller als die Müllabfuhr zu sein, weil ihnen das ein paar Pesos einbringen kann." Als Cartoneros versuchen sich inzwischen viele "Unterbeschäftigte". Jeder zweite Argentinier fällt unter diese Kategorie, verdient weniger als 200 Pesos (57 Euro) im Monat und liegt damit unter der Armutsgrenze, die offiziell mit 210 Pesos (60 Euro) für einen Erwachsenen veranschlagt wird.

Da ist er wortlos wieder ausgestiegen

Ob er auf der Straße Angst habe? "Dann könnte ich aufhören." Alejandro versucht, soweit es möglich ist, mehr am Tag als in der Nacht zu fahren, er meidet die Randzonen und Elendsquartiere. "Jetzt gibt es oft diese Expressentführungen. Man wird wahllos gekidnappt und solange festgehalten, bis die 1.000 Dollar Lösegeld eingegangen sind, das kann nach ein paar Stunden vorbei sein, aber auch Tage dauern." Der Beifahrersitz im Taxi ist bis zum Anschlag nach vorn geschoben, damit keiner plötzlich einsteigen kann. Auch Alejandros Fahrgäste verriegeln sofort die Türen. "Oft hilft nur Psychologie", sagt Alejandro achselzuckend. "Neulich habe ich einem 18-Jährigen, der mich bedrohte, einfach gesagt: ›Ich denke gar nicht daran, dir das Geld zu geben, weil dann meine kleine Tochter nichts zu essen hat.‹ Da ist er wortlos wieder ausgestiegen."

Alejandros Sohn Julio lebt inzwischen nicht mehr in Buenos Aires. Vor zwei Jahren ist er nach Europa ausgewandert, um dort sein Glück zu suchen. Jeder Dritte trägt sich hier mit ähnlichen Absichten, viele haben spanische oder italienische Vorfahren und versuchen, auf diesem Weg an europäische Pässe zu kommen.

Die Nacht bricht an. Alejandro fährt sich müde über die Augen. Der Feierabend zu Hause und das Lachen seiner kleinen Tochter, die von all den Sorgen möglichst wenig spüren soll, entschädigen für den Tag auf der Straße. Manchmal bricht die Wut durch. "Das hier in Argentinien ist der größte Raub des Jahrhunderts. Sie haben uns selbst die Würde gestohlen", sagt er verbittert und steigt aus.

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00:00 13.09.2002

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