Schwarze Lunge Friedrichshain

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Das erste Mal, dass ich in jungen Jahren Angst um mein Leben hatte, war, als man mich auf unserem Bolzplatz ins Tor stellte. Es war die Zeit, bevor ich mir mittels großer Klappe und Besserwisserei unter den Kindern einen vorderen Platz in der Rangordnung erobert hatte, ich war von allen am kleinsten und schmächtigsten und hatte keine Ahnung von Fußball. Wenn ich dennoch einen Ball daran hinderte, in das durch zwei Holzpflöcke gekennzeichnete Tor zu bratzen, dann dadurch, dass mich das Geschoss unerwartet am Kopf traf. Meine Mutter verbot mir schließlich das Fußballspielen. Es sollte keine Rettung für immer sein.

Das nächste Mal hatte ich wegen Fußball Angst um mein Leben, als ich im Alter von 18 Jahren mit einem englischen Überlandbus reiste, der spottbillig war, weil ihn nur die englische Unterschicht frequentierte und Touristen von dieser Transportmöglichkeit nichts wussten. Meine Abstinenz von der Fußballwelt fiel mir auf die Füße. Ich hatte wochenlang keine Sportnachrichten gelesen und ein Weltmeisterschaftsspiel zwischen England und Deutschland ignoriert, das an diesem Tag ausgefochten wurde. Der englische Überlandbus war unglaublich: Wer das Proletariat verehrt, hätte hier einen Altar errichten müssen. Alle Reisenden hatten stählerne Muskeln oder weiblicherseits eine adäquate Kampfbemalung, sie waren stockbesoffen oder versetzten sich während der Reise in diesen Zustand, nebelten den Innenraum des Gefährts mit Rauchschwaden ein, knieten vor Transistorradios und ließen an bestimmten Stellen "arggh" und "uuhh" verlauten. Ich hatte gehofft, man würde mich als Deutsche nicht erkennen und hielt stur meine Klappe. Mit Besserwisserei und Klugscheißerei war hier nichts zu machen, so viel war klar. Aber ich hatte mich verrechnet. Als heraus war, dass Deutschland gewonnen hatte, starrten mich die Reisenden aus blutunterlaufenen, gläsernen Augen an. Sie umringten mich. Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Der Busfahrer fuhr wie ein Henker und würde einen Teufel tun, mich zu retten. Ich sah mich bereits mit einer Gehirnerschütterung auf einer Bare enden. Schließlich streckte mir einer mit vielen Tätowierungen, der offenbar befugt war zu entscheiden, was man mit mir anstellen sollte, die Hand entgegen. Er murmelte tonlos: "You have won." Ich verstand ihn kaum, ahnte mehr, was er gesagt haben könnte - und schlug ein. Fußball hat immer auch etwas mit Tapferkeit zu tun. Und wer den Fußball unterschätzt, ist für das Leben nicht gefeit.

Als sich Anfang der neunziger Jahre alle, die ernsthaft für eine bessere Welt waren, in baufälligen Häusern Ostberlins versammelten, etablierte sich für eine kurze Zeit eine Art "Gegenwelt" in der üblichen, irdischen, die eigene Institutionen hervorbrachte: Eine fast autarke Versorgung, eigene Theater, eine eigene Gerichtsbarkeit und eine sehr eigene Geisteshaltung. Schließlich wurde der Ruf nach einer eigenen Fußballmannschaften laut. Fußball hat auch etwas mit Stolz zu tun. Doch die Mannschaften der Avantgarde, die sich bald gründeten, hießen: "Schwarze Lunge Friedrichshain", "Grobmotorik Friedrichshain" oder "ooch jut". Damals lachten alle darüber. Aber mir war klar, dass es so nichts werden konnte. Nie.

Ein guter Freund von mir hat sich in der Negativspirale des Faszinosums Fußball restlos verfangen. In jungen Jahren ein Brillenkind, das wusste, wie der König von Tonga hieß, auf Bolzplätzen aber versagte, ist er heute seiner Fußballobsession vollständig verfallen. Wenn die Saison beginnt, zieht es ihn in Kneipen, in denen Männer und Frauen singen und jubeln, "arggh" und "uhh" hervorstoßen, Momente der Enthemmung, der Befreiung erleben. Mein Freund dagegen sitzt völlig reglos auf seinem Stuhl - und hält zu den Verlierern. Es sieht aus, als atme er kaum. Manchmal stößt er Luft aus, wenn die Mannschaft seiner Sympathie ein Tor reingeballert bekommt. Am schlimmsten ist für ihn das Elf-Meter-Schießen. Dann erhebt er sich, steht wie versteinert da und kippt Schnäpse. Einmal musste nach einem Elf-MeterSchießen der Rettungswagen kommen und meinen bewusstlosen Freund abtransportieren. Ein Opfer der Fußballwelt. Einer, der die Sache unterschätzt hat.


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00:00 02.07.2004

Ausgabe 37/2021

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