Schwarzer Kaviar, weißes Brot

Fischen nach dem grossen Geld im Wolga-Delta Abends legen die Wilderer ihre Netze aus, in der Nacht fahren sie die Flussarme ab, früh morgens ist der Stör zerlegt

Der Fang ist eingebracht, zum vierten Mal an diesem Tag. Es geht auf den Abend zu, die Wolga-Fischer sind erschöpft von der Arbeit, müde und hungrig. Lärmend und mit den Aluminiumtassen klappernd lassen sie sich rund um einen langen Holztisch nieder. Es ist Zeit für frischen Stör, gekocht mit Nudeln und Kartoffeln. Und Zeit für frischen Kaviar. Die Delikatesse häuft sich auf mehreren großen Tellern in der Mitte. Tagelang sind sie draußen auf dem Strom gewesen. Bevor sie später den Heimweg antreten, wird kontrolliert, ob sie in ihren Taschen keinen Stör oder gar Kaviar schmuggeln.

Auch Sascha holt sich mit dem Esslöffel eine gewaltige Portion Schwarzen Kaviar auf seinen Teller. Hastig schlingt er alles hinunter, doch Eile ist nicht angebracht. Die Pausen zwischen den Fischzügen dehnen sich, die Fangquote fällt stetig. Sie haben alle viel Zeit, ihre Lieder über die Wolga, das Meer und die Fischer zu singen, die nie mehr aus den Stiefeln kommen. Sascha spielt auf dem Akkordeon, und alle packen ihre ganze Seele und einen Schlag Melancholie in die triste Melodie. Wodkaflaschen kreisen. Das allerdings gibt es nicht jeden Tag, doch heute hatten sie eben ein seltenes Glück: Ein gigantischer Stör ist ins Netz geschwommen, 57 Kilo zeigt die Waage. Ein solches Prachtexemplar gibt zwölf Kilo Schwarzen Kaviar. Noch vor Jahren holten sie Dutzende solcher Riesen mit einem Fang aus dem Wasser. Schafften die Arbeit mit Müh und Not in zwölf Stunden am Tag. Und lebten gut von ihrem Geld. Heute sehnen sie sich zurück nach paradiesischen Zeiten.

Alle stehen dabei, als der gigantische Fisch gewogen wird. Sein Fleisch und der Kaviar sind ein Vermögen wert. Die Delikatesse wird um so teurer, je niedriger der Staat die Fangquote ansetzt. Doch rinnt den Fischern der Reichtum des Stroms wie Wasser durch die Finger: Es sind vor allem Wilderer, die dafür gesorgt haben, dass die Wolga-Störe inzwischen vom Aussterben bedroht sind. Nur sechsmal täglich dürfen Sascha und seine Crew die Netze auslegen. Der Bestand an Stör liegt mit geschätzten 35 Millionen nur noch bei der Hälfte dessen, was vor nicht einmal fünf Jahren an Fischen zur Laichzeit die Wolga hinauf kam. Aber es gibt keine andere Arbeit für Sascha, sein Leben lang ist er Fischer gewesen. Das große Geld im Delta - das freilich machen die anderen. Abends legen die ihre Netze aus, in der Nacht fahren sie die Flussarme ab, früh morgens ist der Stör zerlegt.

Gnade und Ungnade der Natur

Juri und Alexander, Inspektoren des staatlichen Fischereibetriebes, machen eine scharfe Wende mit ihrem Motorboot, das Wasser schießt in einer Fontäne nach oben. Mit geschultem Auge haben sie das Werk der Wilderer erkannt. Jeden Tag patrouillieren sie auf dem Strom, um illegal ausgelegte Netze zu finden.

Diesmal entgeht den Wilderern der Fang. Die Netze werden abends am Ufer verbrannt, den Stör liefern Juri und Alexander beim Fischbetrieb ab. Meistens jedenfalls. Die beiden verdienen gerade einmal 1.500 Rubel (etwa 45 Euro) im Monat, alles weitere versteht sich von selbst. Oft genug bieten ihnen die Wilderer Geld und versuchen so, ihre beschlagnahmte Ausrüstung zurückzukaufen.

Seit die Flussfischerei vor zehn Jahren privatisiert wurde, breitet sich ein Sumpf von Wilderei, Hehlerei und Korruption aus, der Staat hat längst die Übersicht und die Lust verloren. Damit hat ein Todeskampf für die uralte Art der Störe begonnen. In den armen Dörfern am Ufer der Wolga gibt es nicht viel mehr zu essen als illegal gefangenen Stör. Der Gnade und Ungnade der Natur sind die Menschen ausgeliefert, der Beute einer fischreichen Gegend, die Hand an sich selbst legt. Und in der das große Aussterben begonnen hat.

An diesem Abend jedoch bekommen es Juri und Alexander nicht mit armen Fischern zu tun. Ihr Boot läuft wenige Zentimeter neben der Gummihaut eines Schlauchboots. Ein 60 Meter langes Netz haben die beiden Wilderer ausgelegt und offenbar nicht mir der Patrouille gerechnet.

Kellerbar und Nachtasyl

"Ruhig bleiben, nicht aufregen, ruhig bleiben!", ruft Juri den Männern im Schlauchboot zu, "kommen Sie zu uns an Bord." Keine scharfe Aufforderung, doch mit seinem kahlgeschorenen Schädel und dem Fischermesser, das hinten aus dem Gürtel der grünen Armeehose ragt, braucht Juri nicht viel mehr zu sagen. "Und wenn ich jetzt ertrinke?", jammert einer der beiden Sünder, dessen speckiger Rücken nicht nur Opfer eines Sonnenbrandes, sondern nun auch noch der Mücken ist, die sich im Abendlicht scharenweise sammeln.

Das Schlauchboot und die Gerätschaft werden beschlagnahmt, damit hätten die Wilderer einen Fang von mehreren hundert Dollar machen können. Ihr System von illegaler Fischjagd, Schmuggel und Verkauf funktioniert reibungslos, und dieser Zwischenfall ist alles andere als ein harter Schlag für die marodierende Kaviar-Mafia. Gelangweilt geben die beiden in der Kajüte ihre Angaben zu Protokoll. Juri legt Kohlepapier zwischen die Bogen und flucht. Er ist erst ein halbes Jahr dabei und unglücklich. Für ihn gibt es nur einen Beruf: Er ist durch und durch Soldat, gewöhnt an Disziplin, klare Regeln, Untergebene. Erst recht, seit er an der Kaukasus-Front war, in Tschetschenien und Dagestan.

"Im Frieden, da reichen zehn Jahre nicht, um einen Menschen zu erkennen. Die Leute sind nie aufrichtig, weil sie nie in wirklich extreme Situationen geraten. Morgen werden diese beiden hier mit einem anderen Boot unterwegs sein. So sinnlos war der Dienst in der Armee nie ..."

Mit der Nationalhymne beginnt am anderen Morgen der "Tag der Fischer", ein Feiertag in der Region. Es gibt Händedruck und Urkunden für verdiente Männer und Frauen aus der staatlichen Fischwirtschaft. Auch Alexander, von nun an "Ausgezeichneter Inspektor der Staatlichen Fischereibetriebe" darf dem Gouverneur von Astrachan die Hand schütteln. Keiner von beiden fühlt sich wohl in seiner Haut.

"Im Moment fängt die Kaviar-Mafia zehnmal mehr Stör als unsere Fischerei-Flotte", teilt Anatoli Gushvin, Regent über ein Gebiet mit 44.000 Einwohnern, resigniert mit. "Es lässt sich wenig dagegen tun, denn die Arme dieser Verbrecher reichen bis in die Duma. 4.000 Rubel (130 Euro - die Red.) kostet inzwischen die 900-Gramm-Dose Kaviar in Moskau. Und je mehr der Bestand an Stör abnimmt, desto weiter geht es mit den Preisen aufwärts."

18 Jahre wächst ein Beluga-Stör im Kaspischen Meer heran, erst dann schwimmt er das erste Mal die Wolga aufwärts zum Laichen, Hunderte Kilometer weit, hinauf in das verzweigte Delta des gewaltigen Stroms. Augenblicklich leben noch alle 25 Stör-Arten, doch 23 davon sterben aus, wenn nichts geschieht.

Auf dem Fischmarkt in Astrachan sind die Vitrinen leer. Doch die Schwarzhändler haben einen guten Riecher für zahlungsfähige Kundschaft. Lena, eine etwa vierzigjährige Frau mit verlebtem Gesicht, schütterem kurzen Haar und dem charakteristischen Geruch einer durchzechten Nacht führt ihre Klienten in eine Kellerbar. "Wie ich ins Geschäft gekommen bin?" In Lenas Stimme schwingen bitterer Zynismus und Selbstmitleid mit. "Ich habe einfach mein Gehalt nicht bekommen, vier, fünf Monate lang. Ich war Ärztin, Anästhesistin in der Reanimationsabteilung des städtischen Hospitals, aber verhungern wollte ich nicht." So ist sie in dieser finsteren Spelunke gelandet, in der nur zur Tarnung Bier und Wodka ausgeschenkt werden, ihrem Nachtasyl seit Jahren. Lena bietet ein Kilo Kaviar für 1.800 Rubel (60 Euro) an. Ein Bruchteil des offiziellen Preises, zu dem die begehrte Ware in Moskau oder Petersburg verkauft oder ins Ausland verschoben wird, was unmöglich wäre, würden in den illegalen Transfer nicht Zoll, Miliz und Grenzschutz verwickelt sein.

Säuberung und Hinterhalt

Die Fluss-Inspektoren Juri und Alexander wissen, dass sie gegen Windmühlen kämpfen, doch der Schein muss gewahrt bleiben. So erstatten sie ab und zu auch Strafanzeige gegen jene, die am wenigsten mit dem dramatischen Rückgang der Bestände zu tun haben. Kleine Wilderer und Händler aus den Wolgadörfern am Strom. Alexander tut sich schwer damit, auf diese Weise die Erfolgsquote zu heben. "Sie tun mir leid. Sie haben Familien, sie haben Kinder, die essen wollen. Die fahren doch nicht vom vollen Teller weg auf den Fluss." Er sitzt auf der Bank am Bug des Inspektionsbootes, raucht und wartet auf Juri, der an der Anlegestelle eines ehemaligen Pionierlagers an Land gegangen ist. Dort besucht er seine elfjährige Tochter. Bringt ihr ein paar Packungen Fruchtsaft, etwas Abwechslung bei der eintönigen Kost, die im Camp gereicht wird. Eleonora ist ein schlankes Mädchen mit einem Pferdeschwanz bis zur Taille und den Augen ihres Vaters, die mit einem unendlich traurigen Ausdruck Rätsel aufgeben.

"Sie denken vielleicht auf den ersten Blick, wir machen hier keine ernsthafte Arbeit", brummt Alexander, während er an seiner Zigarette zieht. "Tatsächlich ist das manchmal recht gefährlich, was wir tun. Da ist es gut zu wissen, dass ich einen Freund an meiner Seite habe. Ich kenne Juri seit sechs Jahren. Wir waren schon zusammen auf der Schule. Wie er hierher gekommen ist?" Alexander denkt kurz über die Antwort nach, wirft die Zigarette über Bord, die zischend verlöscht. "Vorher war er in einer Spezialeinheit. Ein ranghoher Offizier. Mehrmals ausgezeichnet. War in beiden Tschetschenien-Kriegen dabei. Er hat es nicht leicht - seine Frau ist vor kurzem gestorben, geblieben ist ihm nur noch die Tochter. Und da wollte ich nicht, dass er wieder in den Krieg geht. Deshalb habe ich ihn gefragt, ob er nicht bei uns arbeiten will - und er war einverstanden."

Später am Abend lehnt Juri an der Reling, die grünen Augen mit dem seltsamen gelben Kreis um die Pupille fixieren einen Punkt auf den Wellen. "Was ich dort gemacht habe? Ich kommandierte eine Einheit, deren Aufgabe es war, Säuberungen durchzuführen, Terroristenbanden zu liquidieren. Noch Fragen?" Er blickt angespannt ins Wasser. "Wenn du kämpfst, gibt es nicht den Menschen dort gegenüber, der die Maschinenpistole auf dich anlegt. Es gibt nur den Feind. Ich habe mich mit meinen Soldaten mehrmals nur deshalb aus einem Hinterhalt wieder befreit, weil wir sie alle vernichtet haben. Zwei, drei Stunden Gefecht. Du denkst in diesen Momenten nicht nach. Das kommt erst später. Du erinnerst dich erst wieder daran, wenn die Tschetschenen auf dem Markt in Astrachan eine Bombe legen und Dutzende von Unschuldigen umbringen. Manchmal frage ich mich, warum Russland den Krieg nicht gewinnt."

Juri wendet sich ab, ein halbes Lächeln in den Mundwinkeln. "Es gibt ein altes Sprichwort: ›Für die einen ist der Krieg wie ein Krieg. Die anderen aber ernährt er wie eine Mutter ihr Kind.‹ Ich weiß nicht, aber das ist kein schönes Thema."

Draußen im Delta wird es langsam dunkel. Schon legt die untergehende Sonne rot-gelbe Streifen auf die glatte Wasseroberfläche. Die Fischer holen den letzten Fang ein. Bis auf den Riesen vom Vormittag war die Ausbeute mager. Im Kessel über dem offenen Feuer kocht die Suppe aus frischem Stör. Sascha teilt Spielkarten aus und Gläser für den Wodka. Dazu gibt es Weißbrot und frischen Kaviar. Hauptsache der Kaviar ist schwarz, dann kann das Brot ruhig weiß sein, heißt ein altes Sprichwort der Störfischer. Noch ist genug Kaviar für alle da.

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00:00 27.09.2002

Ausgabe 41/2021

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