Schwebe

Bruchstücke In Miral Al-Tahawis Buch "Gazellenspuren"studiert Muhra alte Fotos

Romanen, die Familiengeschichten über mehrere Generationen erzählen, wird manchmal hilfreich ein Stammbaum vorangestellt, zu dem der Leser zurückblättern kann, wenn er bei der Erwähnung einer eher nebenfigürlichen "Ilse" gerade auf dem Schlauch steht. Da kann man schon bei europäischen Roman ins Schleudern kommen, noch schwieriger wird es, wenn es um Sulaimi von den Banu Sulaim geht, und zwar jenem Sulaim, der der Bruder von Hilal gewesen ist.

Mira Al-Tahawis Buch Gazellenspuren ist kein Großroman, sondern ein kleines Bändchen von 136 Seiten. Auf denen aber drängt sich eine erstaunliche Fülle von Namen, Geschichten, Erinnerungen, Gedichten, Andeutungen - man möchte fast behaupten, dass sogar Gerüche dabei sind. Man könnte sich, um am Ball zu bleiben, vielleicht Notizen machen oder eine kleine Genealogie anlegen, aber dann käme man doch sehr aus dem Rhythmus. Sich ihm zu überlassen, heißt auch: Die Dinge genauso in der Schwebe halten wie sie erzählt werden. Denn es geht um eine Spurensuche: Ein junges Mädchen, Muhra, aus einer alten Landdynastie am Nil will Bilder aus der Vergangenheit ihrer Familie entschlüsseln, und da bleibt, ganz realistisch, manches im Unklaren. Die 1968 als Kind einer Beduinenfamilie geborene ägyptische Schriftstellerin Mira Al-Tahwi zeichnet diese Suche so nach, wie sie in Bruchstücken, in Bildern und wachgewordenen Erinnerungen immer mehr freigibt von den Ereignissen, aber nicht in einer linearen Erzählung gebündelt werden können.

Alte Bilder im Haus ihrer Familie beschäftigen Muhra: Das Foto der drei Schwestern, von denen eine ihre Mutter war, aber welche? Das Bild eines Malers, der in den dreißiger Jahren Gast auf dem weitläufigen Besitz der Familie war; und Fotos von ihrem Vater und seinen Falkenjagden. Falken, die abgerichtet sind, Gazellen zu schlagen. Im Gewirr der Erinnerungen entsteht das Bild einer von der Moderne zurückgedrängten feudalen Lebensform. Der Vater, längst nicht mehr der kleine König, der über Ländereien gebietet, betrachtet immer wieder sein Land, das jetzt aufgeteilt ist in Wohngebiete, getrennt durch Lehmmauern, durchzogen von Gässchen, und wo sind die Äste des Maulbeerbaums? Man hat sie abgeschnitten wegen der Schnellstraße.

Mit der ehemaligen Sklavenfamilie teilt man immer noch den Lebensraum; sie sind, zu Tante Miznas Missvergnügen, inzwischen selbst eine Dynastie und begleiten saudische Touristen als Jagdführer. Die Falkenjagd, für die Alten immer noch ein heiliger Akt, ist zum Freizeitvergnügen für Ölprinzen geworden. Al Tahawi gewinnt den Versuchen der Alten, angesichts der Veränderungen Haltung und den Schein zu wahren, auch komische Seiten ab. Aber in den Schrecken der Vergangenheit zeigt sich, dass das Verschwinden dieser alten Welt nicht zu bedauern ist, jedenfalls nicht für Frauen wie Hind, eines der drei Mädchen auf dem alten Foto, das nach einem "Fehltritt" auf dem Familiengelände lebendig eingemauert wurde und nicht einmal fliehen wollte, denn sie wäre in der Welt allein gewesen. Der Maler, der damals auf dem Gut zu Gast war, wird wohl mit der Geschichte etwas zu tun haben. Gazellen werden nicht nur von Falken gejagt. Sie sind in der Dichtung auch Mädchen, die ihrem Verfolger nicht entgehen - sei es der Liebe oder der Ehre wegen.

Al Tahawis Art zu erzählen spannt einen Bogen zwischen literarischem Experiment und einer traditionellen orientalischen Redeweise, die Fragen nie zu direkt stellt und Ziele höflicherweise nicht zu direkt ansteuert. Und wie die Vergangenheit in die Köpfe und Gemüter hineinreicht, so vermischt sie sich mit der Gegenwart. "Später beschloss mein Vater, mit seinem Volkswagen zum Grünen Berg zu fahren, weil es dort bestimmt noch Leute gebe, die ihm über die Banu Sulaim und Banu Hilal viel erzählten könnten, vor allem über ihren langen Streit wegen eines Brunnens, der Hedaiwa-Brunnen geheißen haben soll ... Als er zurückkehrte, brachte er eine Menge Verse mit, die er unter dem Titel zusammenfasste: ›Nabatäischer Diwan der Worte des Dichter der Banu Sulaim über die Entstehung eines schändlichen Lügenwerks‹."

Im Gewirr der Stimmen, im Reichtum der Erzählungen wird auch ein Dovretti immer wieder erwähnt, man hat ihn gut gekannt, damals. Dieser Dovretti ist schon 1856 gestorben, Für westliches Empfinden eine urlange Zeit, aber im nomadischen Zeitmaß der unendlichen Wüste war es gestern. Oder sie vergeht überhaupt nie, wie die Freveltat, die an Hind begangen wurde.

Mira Al-Tahawi: Gazellenspuren. Aus dem Arabischen von Doris Kilias. Unionsverlag, Zürich 2006, 136 S., 16,90 EUR


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00:00 10.08.2007

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