Schweigend zahlen

Gesundheitsreform Wer mit Protesten rechnete, hat falsch gerechnet

Der Flur war ruhig. Vorschnell folgere ich: Kaum Betrieb, Kranke meiden den Arztbesuch. Aber ich hatte den verkehrten Gang erwischt und finde schließlich das Wartezimmer wie es mir die Patienten dieser Ostberliner Augenarztpraxis immer beschrieben haben - voll gestopft. Klag- und kommentarlos reichen die Damen und Herren jeden Alters ihre Versicherungskarte über den Tresen und den geforderten Zehn-Euro-Schein dazu. Passend. Was gar nicht nötig gewesen wäre. Dutzende Patienten vor ihnen haben für Wechselgeld gesorgt.

Die Schwester freut sich: Keine Frage, keine Bemerkung. Man ist geduldig und zahlt. "Ich hatte damit gerechnet, dass uns der Unmut der Leute trifft", sagt sie. Weit gefehlt. Das Geschäft läuft schweigend. Wenn überhaupt Gespräche, dann - wie es sich gehört - über Krankheiten. Die ältere Dame neben mir hat zwei Überweisungen in der Hand, zum Internisten, zum Orthopäden. Hat sie sich eben geholt. "Am 10. habe ich einen Termin in der Physiotherapie", flüstert sie ihrem Mann zu, "aber dafür wollte die Schwester mir keinen Schein geben." Einen Arzt hat sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen, aber sie weiß, was in den nächsten Wochen ansteht und will nicht jedes Mal in Vorkasse gehen und zahlen. Und die Schwester tut, was erwartet wird, schreibt Überweisungen aus und Quittungen für die gezahlte Praxisgebühr.

Wer sich "nur" beraten lassen will, weil es die alte Brille nicht mehr macht, soll noch einmal 20 Euro zahlen. Wenigstens da fragt einer: "Wieso?" Ein bisschen zu laut hallt durch den Raum: Brillen sind aus dem Leistungskatalog der Kassen gestrichen, wer sich hier eine anpassen lassen will, muss das privat zahlen. Zwei weitere Zehn-Euro-Scheine wandern in die Kasse. Das ist ungesetzlich, lese ich zu Hause, Beratung und Verordnung einer Brille gehören nach wie vor zum Leistungsangebot, lediglich die Brille selbst nicht. Aber wer weiß das im Vorzimmer des Arztes?

Eine Treppe höher beim Allgemeinmediziner derselbe Andrang. Die Wartezimmerstühle voll besetzt, vor dem Tresen eine Schlange. Eine von zwei Schwestern tippt, ohne aufzuschauen, wie weiland Sekretärinnen in einem Schreibbüro, Überweisungen und Quittungen, die Augen auf die Versicherungskarte der Patienten geheftet. Die Leute wollen nicht in jedem Fall eine Konsultation beim Arzt, sie ramschen Überweisungen - für den Urologen, die Gynäkologin, den HNO-Arzt. Zehn Euro Praxisgebühr, dann die Karte, die zweite Schwester schiebt sie unter den abzuarbeitenden Stapel der Kollegin, dann die Quittung und die Überweisungen.

Zahlung per EC-Karte geht nicht. Anders als beim Zahnarzt nebenan, hat diese Praxis keine entsprechende Leitung und "das Team" weiß auch nicht, ob es sich lohnt. Schließlich würden die Kassen die Gebühren nicht übernehmen. Es gäbe, Gott sei Dank, keine Debatten, freut sich eine vom "Team". Eine Patientin habe man zur Bank geschickt, sie hatte kein Bargeld. Könne man nicht auch Rechnungen schreiben? Die Schwester guckt entsetzt auf, das wäre ja noch schöner. Man habe auch so genug zu tun. Und etwas versöhnlicher: Im Notfall vielleicht, oder wenn es sich um einen "alten" Patienten handelt. Man kenne seine Leute ja schließlich. Einer aus der Warteschlange will die dritte von drei Tetanusimpfungen. Das ist Vorsorge, meint er, gebührenfrei. Die Schwester stutzt. Da müsse sie noch mal nachgucken, er solle wieder kommen, am besten in drei Wochen, nicht früher.

Bei der Hautärztin ist es so voll wie immer. Sie hat ihren Mann mitgebracht - zur Unterstützung der Schwestern beim Empfang. Beim Betreten der Räume werden nicht sofort zehn Euro verlangt. "Setzen Sie sich erst einmal." Irgendwann später der Aufruf zum "Check-In". "Heute wird´s wohl dauern. Die zehn Euro können Sie schon mal zahlen." Dann lange Zeit nichts. Schließlich der Aufruf ins Sprechzimmer. Ein freundlicher Händedruck: "Nehmen Sie Platz, ich komme gleich wieder." Nach 20 Minuten hat die Ärztin endlich Zeit für einen kurzen Blick: "Ich sehe schon, die gleichen Flecken wie im vergangenen Jahr. Versuchen wir´s mit der gleichen Therapie. Rezept bekommen sie draußen." Freundlicher Händedruck. Dauer des Gesprächs: eine Minute. Nach weiteren zwanzig rattert im Vorzimmer der Drucker mit dem Rezept.

Auf dem gleichen Flur ist die Apotheke und verlangt zehn Euro Zuzahlung. Immerhin erhalte ich neben dem Medikament noch eine Kundenkarte. Der Apotheker bietet mir an, von nun an eine Art Konto für mich zu führen. Wenn Ihre Zuzahlungen zu hoch werden, beantragen wir eine Befreiung. "Und woher wissen Sie, wie hoch die sind?" Ganz einfach: "Sie kommen mit den Rezepten hierher, alles wird gespeichert und wir geben dann Alarm..."

Sicher ist: der eine oder andere wird zu spät zum Arzt gehen, prozentual fällt das aber offensichtlich noch nicht ins Gewicht. Der eine oder andere wird mit Praxisgebühr und Medikamentenzuzahlung an den Rand seiner Möglichkeiten geraten. Er wird alt sein, schon lange krank oder arbeitslos. Es wird nicht auffallen, wenn aus seiner relativen Armut akute Armut wird. Peu à peu verlässt eine weitere Schicht die durchschnittlichen Standards dieser Republik. Der Sockel einer unsolidarischen Gesellschaft wird gerade gebaut, die Spitze können wir uns noch gar nicht vorstellen.

00:00 09.01.2004

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