Schweinereien im Osten

Mega-Mast und Dunkel-Stall Viehzüchter aus den Niederlanden haben sich zwischen Ostsee und Elbe als Erfolgsmenschen etabliert

Immer mehr Züchter aus Holland gründen große Schweinemastanlagen in Ostdeutschland. Hier ist erlaubt, was ihnen zuhause längst verwehrt ist - sie können viel Fleisch fabrizieren, ohne auf die Umwelt über Gebühr Rücksicht nehmen zu müssen. Gemeinden in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg sind dankbar für die Investoren und Investitionen.


Die Sonne versucht, die aufgetürmten Wolkengebirge über Wellaune zu vertreiben, dem Dörfchen im nördlichen Zipfel von Sachsen. Ein paar Häuser auf einem Sandrücken Bad Düben zugewandt, kleine Kiefern, Fichten, Wacholder und Dickicht, in das sich die Vögel gern verirren. Schweine sind zunächst nicht zu sehen, zu ahnen wohl. Der Geruch steigt in die Nase und sitzt fest .

Pelapro Farm steht auf dem Schild am Betonplattenweg, der zu einem umzäunten Geviert mit Ställen und Futtersilo führt. Im Büro sitzt Jan Van Genugten, Schweinezüchter aus Passion und aus Holland. Hinter seinem Schreibtisch Fotografien vom Mastbetrieb, daneben die halb geöffnete Tür und Bilder aus dem Leben eines Nomaden, ein winziges Schlafzimmer mit aufgeschlagenem Bett, Sofa, Fernsehgerät und der Tisch, gedeckt mit Bananen und Keksen aus der Schachtel. 50 Meter höchstens trennen Jan Van Genugten von seinen tausend Ferkeln.

Pferdemanege stinkt auch

"Das hier ist purer Sex", sagt der Züchter, wenig später im Stall und nun im blauen Overall, als sein Blick auf den Zuchteber Stevie fällt. "Ich brauche den hier nur, um die Tiere in Stimmung zu bringen. Die Besamung findet künstlich statt, das ist effizienter. Stevie darf nur ab und zu mal auf die Sau, sonst verlernt er das noch."

Eine Tür weiter rast ein Schock durch die Ställe, als plötzlich das Licht angeschaltet wird. Erschrocken versuchen 250 Ferkel in ihren Boxen aufzustehen. Aber das ist unmöglich, sie sind eingeklemmt zwischen eisernen Stangen. 65 Zentimeter breit und 2,10 Meter lang, mehr Lebensraum wird einem 200 bis 250 Kilo schweren Tier nicht zugestanden. Diese Schweine werden nie im Freien laufen, sie werden ihr Leben in der Finsternis fristen, bis ein gut beladener Viehtransporter zum Schlachter fährt und die Erlösung bringt.

Die Schweine liegen teilweise in ihrer eigenen Gülle, auch wenn ein Teil davon durch den Bodenrost in ein Auffangbecken sickert. "Mit dem, was Sie hier sehen, haben die meisten Leute ein Problem", sagt Van Genugten. "Dabei handelt es sich einfach nur um eine Fabrik."

Van Genugten gehört zu den niederländischen Viehzüchtern, die es seit der Wende nach Ostdeutschland verschlagen hat, wo sie von vielen Gemeinden mit offenen Armen empfangen und mit Fördermitteln von bis zu 40 Prozent der Baukosten für ihre Ställe bedacht wurden. Manchmal gab es Bauland, soviel sie wollten. Unter anderem durch den Zug nach Osten ist in den Niederlanden der Tierbestand seit Ende der neunziger Jahre um ein Drittel auf elf Millionen Schweine gesunken und der Boden sehr viel weniger durch Gülle belastet.

Die Fördermittel ließen auch den Investor Adriaan Straathof nicht unbeeindruckt, der im mecklenburgischen Medow 15.000 Schweine hält und im nahe gelegenen Alt-Tellin noch einen riesigen Mastbetrieb für die Zucht von bis zu 250.000 Ferkeln pro Jahr dazu bauen will. Europaweit soll es die größte Anlage überhaupt werden.

Mit den Vorschriften scheint es Straathof dabei in Medow nicht so genau zu nehmen. Die Anwohner erzählen, es würden unnatürlich viele Tiere sterben in seinem Betrieb. Er lasse die Kadaver einfach vor den Ställen liegen, was zu entsetzlichem Gestank und erhöhtem Krankheitsrisiko führe. Im August 2007 habe ein Inspektion ergeben, dass Straathof statt der genehmigten 15.000 in seinen Ställen etwa 22.000 Schweine zusammengepfercht liegen hatte.

Doch zurück zu Jan Van Genugten, er kam 1994 nach Sachsen. Mittlerweile pendelt er nun schon 14 Jahre zwischen Wellaune und seiner niederländischen Heimat, jede Woche, 650 Kilometer hin am Sonntagabend und 650 Kilometer zurück am Donnerstagabend. Fünf Stunden für eine Tour. Seine Frau und seine drei Kinder hätten sich mittlerweile an sein Nomadenleben gewöhnt. Am Anfang habe man schon überlegt, ganz nach Deutschland zu ziehen, aber wegen der Kinder und der Schule sei das doch nicht so einfach gewesen. "Meine Kinder müssen auch nicht unbedingt Deutsche werden", sagt Van Genugten energisch.

In Wannewitz, acht Kilometer hinter Wellaune, hält er noch einmal 13.000 Ferkel in einem komplett neuen Stall. Außerdem werden - zur Probe - 800 Schweine in Kloster Neudorf streng nach biologischen Methoden gemästet. "Ich bin Unternehmer und kein Bauer. Ein Bauer ist jemand, der auf seinem Hof mit seinen Tieren und von diesen Tieren lebt. Eine solche Landwirtschaft verlangt eine bestimmte Lebensart - jedes Wochenende in die Ställe rein und auf Urlaub verzichten. Ich bin Geschäftsmann und fahre am Wochenende nach Holland, um mich mit meinen Sportwagen zu beschäftigen."

Dass er sich wegen der Riesenmast viel Kritik anhören muss, stört Van Genugten nicht weiter. "Die Deutschen profitieren von meinem Betrieb. Ich zahle Gewerbesteuer und sorge für Arbeitsplätze. Und der Geruch - mein Gott, eine Pferdemanege im Zirkus stinkt auch."

Tiergottesdienst in Cobbel

Wie gesagt, außer Van Genugten und Straathof haben sich noch andere Niederländer zwischen Ostsee und Werra niedergelassen, auch Frank de Groot, im Moment Betriebsleiter einer Schweinezüchterei mit 3.000 Tieren in einem Kaff in der Nähe von Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern). Einer von denen, die genau wissen, wie man mit Personal umgehen sollte. "Jedes Jahr mindestens einen feuern. Da wissen die anderen, worum es geht."

Wäre es keine Frage der Sprache, hätte De Groot sein Abenteuer gern auch in der Ukraine gesucht. Inzwischen aber ist er in der Ex-DDR glücklich. "Es gibt hier einige Vorteile, die Gehälter sind niedrig, die Transportpreise auch, und ich muss für die Gülle nichts bezahlen. Nur das soziale Leben scheint mir in Holland besser und wird besser bleiben."

Wer in seine Ställe will, muss sich zuerst duschen und dann eine Gäste-Unterhose mit Overall überziehen. Drinnen erklärt De Groot die Wachstums- und Erfolgskurve seines Betriebes. "Wenn die Ferkel acht Wochen alt sind, wiegen sie in der Regel 25 Kilo. Danach nimmt ihr Gewicht etwa 200 Gramm pro Tag zu. Nach einem halben Jahr wiegen die Tiere 115 bis 120 Kilo. Das gibt etwa 95 Kilo Fleisch." Die Stalltür wird geschlossen, das Licht ausgeschaltet, die Tiere liegen wieder im Dunkeln." Laut Gesetz müsste das Licht im Stall mindestens acht Stunden am Tag brennen.

Es ist die Größe der Mastbetriebe niederländischer Züchter, die Gemeinden im Osten trotz aller wirtschaftlichen Vorteile stört. In einigen Orten sind deshalb Bürgerinitiativen unterwegs. So in Cobbel, einem Dorf in Sachsen-Anhalt, wo Harry Van Gennip auf dem einstigen Flugfeld der Sowjetarmee eine gigantische Masterei betreiben will. Quasi ergänzend zu seinem Betrieb im zehn Kilometer entfernten Sandbeiendorf, wo 65.000 Tiere, hermetisch von der Außenwelt abgeschottet, dem Schlachthof entgegen dämmern.

In Cobbel führt Familie Keller den vereinten Widerstand gegen die unerwünschte Landnahme. Man sammelt Unterschriften, alarmiert Politiker und hält Tiergottesdienste ab, bei denen örtliche Pfarrer über das Recht der Tiere und überhaupt meditieren. In ganz Cobbel stehen rosarote Kreuze, um vor den Plänen des Harry Van Gennip zu warnen. Die Protestzeichen der Unbeirrbaren bleiben nicht unbemerkt. Laut Beate Keller - sie ist die stellvertretende Bürgermeisterin von Cobbel - versucht der Gemeinderat alles Mögliche, um eine Schweinemast auf dem ehemaligen Flugplatz des ehemaligen Bruderlandes zu verhindern.

"Van Gennip hat vor, hier etwa 97.000 Ferkel zu züchten", erzählt Ehemann Tilman Keller, "also werden wir dann täglich Dutzende von Transportern mit Tierfutter, Ferkeln und Schweinen durch unser Dorf fahren sehen. Wer bezahlt den Schaden? Eine solche Mast belastet die Umwelt, das heißt, in einem wertvollen Naturschutzgebiet wird Wald mit Ammoniak verseucht, der Grundwasserspiegel sinken und der Boden sauer."

Es wäre zu ergänzen, dass sich einheimische Agrarbetriebe an der holländischen Konkurrenz verheben könnten. Tilman Keller: "Wir haben nichts gegen Ausländer, aber die sollten sich nicht auf unsere Kosten bereichern."

Einfach Pech gehabt

Etwa 50 Kilometer von Protest und Empörung der Kellers weg wohnt Kees Klaassen, Verwalter für die Mastkojen eines weiteren Niederländers. Berend van der Velde kam vor einem Jahrzent nach Ostdeutschland und unterhält mittlerweile ein Schweine-Imperium, das bis nach Tschechien und in die Ukraine reicht.

Kees Klaassen ist nicht nur sein Angestellter. Er hat auch innerlich mit den Niederlanden abgeschlossen. "Da fahre ich vielleicht noch ein- bis zweimal pro Jahr hin. Zu Hause wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders. Hier kannst du noch Unternehmer sein. Umweltkosten spielen keine Rolle." Mittlerweile fühle er sich in Sachsen-Anhalt nicht mehr als Fremder. "Wo ich arbeite, da ist auch meine Heimat."

Es komme bei den Einheimischen gut an, wenn man einen existierenden Betrieb übernehme, meint Klaassen. "Bei den letzten Wahlen haben die hier am Zaun ein Transparent mit dem Aufschrift ›Ausländer raus‹ aufgehängt, aber sonst hatte ich noch nie Probleme." Bei Klaassen fressen die Schweine genmanipuliertes Soja. Die biologische Landwirtschaft mag er ganz und gar nicht. "Ich esse sowieso lieber Fleisch von hier, aus diesem Betrieb, als von einem Schwein, das im Busch gewühlt hat. Wenn du die Tiere nur einen Tag draußen herumlaufen lässt, holen die sich sofort jede Menge Krankheiten. Klaassens´ Frau lacht: "Aber sie wären draußen doch glücklicher." Klaassen lacht zurück: "Mag sein, unsere Schweine haben eben einfach Pech gehabt."

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00:00 25.04.2008

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