Schweiz schlägt Deutschland

Arbeit Union und SPD fighten um einen Mindestlohn von 8,50 Euro. Eigentlich müsste er noch viel höher liegen. Das würde auch dem Staat nützen
Werner Vontobel | Ausgabe 47/2013 1

Finden Sie die drei Unterschiede. Bild A: In Deutschland werden sich CDU/CSU und SPD vermutlich auf einen Mindestlohn von 8,50 Euro einigen. Bild B: In der Schweiz wird im Mai 2014 über eine Volksinitiative abgestimmt, die einen Mindestlohn von 22 Franken (17,84 Euro) pro Stunde verlangt. Richtig: Der auffälligste Unterschied liegt darin, dass in der Schweiz das Volk über solche Fragen entscheiden kann. Erste Umfragen lassen übrigens eine deutliche Zustimmung erwarten. Zweiter Unterschied: Der kommende Mindestlohn in der Schweiz ist mehr als doppelt so hoch wie der in Deutschland von der SPD geforderte, und dies obwohl das Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde in der Schweiz mit gut 40 Euro (2012) um rund zehn Prozent niedriger ausfällt als in Deutschland.

Trotz dieses sehr ehrgeizigen Mindestlohns dürfte die Lohnerhöhung meist geringer ausfallen als in Deutschland. Dank starker Gewerkschaften ist das Schweizer Lohnniveau heute schon sehr hoch: Im Reinigungsgewerbe etwa gelten ab 2014 Mindestlöhne von 18,40 bis 26,50 Franken. Rechnet man den 13. Monatslohn dazu, fängt die Skala schon bei 19,93 Franken an. Zusammen mit den Zuschlägen verdient kaum noch jemand weniger als 22 Franken pro Stunde. Der nationale Mindestlohn bringt hier also wenig, beziehungsweise er kostet den Arbeitgeber nichts. Im Friseurgewerbe liegt der tiefste Lohn heute bei 20,45 Franken, ein nationaler Mindestlohn würde rund sieben Prozent mehr Lohn bringen und auch das nur für wenige. In Ostdeutschland verdienen die Friseure im ersten Berufsjahr meist weniger als 4,50 Euro. Ein Mindestlohn von 8,50 Euro würde ihr Einkommen also fast verdoppeln.

In Teufels Küche

Der dritte Unterschied liegt darin, dass sich die Schweiz mit ihrem Hochlohnmodell für die Marktwirtschaft entschieden hat, während sich Deutschland mit seinem Niedriglohnsektor die Planwirtschaft und eine Sozial- und Arbeitsmarktbürokratie ins Haus geholt und zudem die Gesellschaft gespalten hat. Starke Gewerkschaften oder staatliche Mindestlöhne mögen zwar als Verstoß gegen die Marktwirtschaft gelten. Doch niedrige Löhne führen erst recht in Teufels Küche: Private Lohneinkommen müssen in hohem Maße durch staatliche Zuschüsse ergänzt werden, deren Kosten weit über dem liegen, was Arbeitslose und Aufstocker erhalten. Zudem hat sich mit dem Niedriglohnsektor eine Unterschicht entwickelt, deren Betreuung und Ruhigstellung ziemlich viel Geld kostet.

In der Schweiz hingegen wird die Kaufkraft weitgehend durch den Markt zugeteilt. Das ist effizienter und marktwirtschaftlicher. Zudem leidet die Schweiz sehr viel weniger unter den Kosten des sozialen Ausschlusses. Das hohe Lohnniveau beziehungsweise der hohe Mindestlohn macht die Schweiz effizient und hält sie „wettbewerbsfähig“. Will Deutschland diese Vorteile auch genießen, müsste der Mindestlohn zügig auf rund 16 Euro erhöht werden.

Warum gerade 16 Euro? Ab hier wird es ein wenig kompliziert. Bleiben Sie bitte dran: Das soziale Minimum wird in Deutschland durch die Leistungen von Hartz IV plus Wohngeld plus einmalige Zuwendungen definiert. Es liegt bei rund 1.800 Euro für eine vierköpfige Familie. Auf so viel hat man auch ohne Arbeit Anspruch. Die entscheidende Frage lautet nun: Wie hoch muss der Stundenlohn sein, damit diese Kosten durch das Arbeitseinkommen gedeckt werden?

Alle zwei Wochen zu Tchibo

Bei der Berechnung gehen wir davon aus, dass auch Mindestlöhner Anrecht auf Fortpflanzung haben, dass beide Ehepartner 46 Jahre lang das durchschnittliche deutsche Arbeitspensum von 1.330 Arbeitsstunden im Jahr leisten, dass sie nach der Pensionierung noch 17 Jahre leben und ihnen die Kinder bis zum 20. Geburtstag zur Last fallen. Sie müssen also mit der Arbeit von 46 Jahren den Konsum von 63 Jahren finanzieren. Das ergibt einen Stundenlohn von ziemlich genau neun Euro. (Wollte man noch einen angemessenen Lohnabstand einhalten, käme man auf rund zehn Euro.)

Nun konsumieren unsere Mindestlöhner auch noch unentgeltliche soziale Leistungen, fahren auf Straßen, schicken ihre Kinder zur Schule und so weiter. Auch diese Kosten sollten in einer echten Marktwirtschaft durch den Lohn beziehungsweise durch die darauf erhobenen Steuern finanziert werden. Dieser Posten ist schwieriger zu berechnen. Wir haben folgende Überlegung angestellt: Wie hoch muss bei den üblichen Abzügen für Steuern, Solizuschlag und Krankenversicherung der Bruttolohn sein, damit neun Euro netto übrig bleiben? Antwort: 15,80. Man kann diese knapp 16 Euro pro Stunde auch als „verursachergerechneten Lohn“ bezeichnen, weil derjenige, der die Arbeitsleistung zu diesem Preis in Anspruch nimmt, damit auch alle privaten und sozialen Kosten trägt. Wobei der Ausdruck „volle Kosten“ den Mund voller nimmt als dies Hartz-IV-Empfänger je tun können. Sie dürfen pro Tag nämlich gerade vier Euro für Essen und 50 Cent für Bus und Fahrrad ausgeben. Alle zwei Wochen ist einmal Kaffee und Kuchen bei Tchibo drin. Auf den Besuch beim Friseur muss man so lange warten, bis man sich mit den monatlich 13 Euro Gesundheitskosten die nötigen Reserven angespart hat.

Mehr Geld in der Tasche, mehr in der Kasse

Umgekehrt bedeutet ein Mindestlohn von 8,50 Euro im Lichte dieser 16 Euro, dass weiterhin rund 45 Prozent dieses Minimalkonsums aus staatlichen Kassen finanziert und durch Staatsbürokraten zugeteilt werden. Diese Rechnung ist insofern theoretisch, als die meisten Mindestlöhner sich noch von irgendwelchen Reserven ernähren, sich keine Familie leisten können und oft auch nicht das deutsche Durchschnittsalter erreichen. Die Kosten der zu tiefen Löhne werden eben nicht nur auf den Staat abgewälzt. Sie schlagen sich auch in sozialem Ausschluss, schlechter Gesundheit und sinkender Lebenserwartung nieder.

Doch wird ein derart hoher Mindestlohn nicht Arbeitsplätze vernichten? In allen Talkshows Deutschlands wird zurzeit ausgerechnet, wie oft der Durchschnittsdeutsche noch zum Friseur geht, wenn dieser demnächst 8,50 Euro verdient. Doch erstens: Ergibt es wirklich Sinn, mithilfe von viel Staatsgeld und Bürokratie einen Niedriglohnsektor zu unterhalten, nur damit sich das reichste Viertel der Bevölkerung mehr unnötige Dienstleistungen leisten kann? Zweitens: Wenn Niedriglöhner mehr verdienen, geben sie mehr aus, was auch Arbeit schafft. Und der Staat spart Subventionen und könnte damit mehr Geld für die verlotterte Infrastruktur ausgeben.

In der Schweiz geben die Niedrig- und Normallöhner längst viel mehr Geld für den Friseur, Kino, Kaffee und Kuchen aus als in Deutschland. Diese Ausgaben sind der wichtigste Grund dafür, dass der Schweizer Arbeitnehmer im Jahresdurchschnitt gut 200 Stunden mehr arbeitet als der deutsche. Auch der Konkurrenzfähigkeit hat der vergleichsweise hohe Binnenkonsum keineswegs geschadet. Deutschland mag zwar Exportweltmeister sein, doch in puncto Leistungsbilanzüberschuss liegt die Schweiz immer noch vorne.

Es lohnt sich, eine Marktwirtschaft zu sein, auch wenn der Preis dafür ein kleiner Eingriff in den Arbeitsmarkt ist.

Werner Vontobel ist Wirtschaftsjournalist und lebt in der Schweiz


AUSGABE

06:00 04.12.2013

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