Schwere Gründerzeiten

Indikator Unternehmensdichte Die Zahl der Betriebsgründungen in den neuen Bundesländern geht weiter zurück. Das bremst den Strukturwandel im Osten - ein Ende der Wirtschaftslücke im Vergleich zum Westen ist nicht in Sicht

Vorige Woche hat Gerhard Schröder seine Sommerreise beendet. Sympathiepunkte hat sie ihm nicht unbedingt gebracht. Nach einer Emnid-Umfrage halten fast zwei Drittel der Deutschen die Fahrt für Effekthascherei, besonders die Ostdeutschen. 80 Prozent von ihnen fühlen sich inzwischen als Bürger zweiter Klasse, vor sechs Jahren waren es 69 Prozent. Und nur 20 Prozent der Ostdeutschen halten den Aufbau Ost für gelungen. Die Debatte um die Förderung der neuen Bundesländer hält deswegen nicht nur an, sie wird immer stärker.

Wirtschaftsforscher und Politiker diskutieren derzeit viel über die Ursachen für die Schere, die sich bei der Wirtschaftskraft zwischen den neuen und den alten Bundesländern in den letzten Jahren wieder weiter geöffnet hat. Zumeist werden die klassischen Determinanten wirtschaftlicher Entwicklung herangezogen, um die Ost-West-Lücke bei der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu erklären, also die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften, die Ausstattung mit modernen Produktionsanlagen und Infrastruktur sowie die Innovationskraft. Bislang eher wenig im Blick war dagegen die Unternehmensdichte. Darunter wird als grobes Maß die Zahl der Unternehmen je 10.000 Einwohner verstanden. Die im Folgenden vorgestellten Befunde geben Hinweise darauf, dass hier Defizite möglicherweise wichtiger sind als bislang wahrgenommen. Die Unternehmensdichte, die in den neuen Ländern deutlich geringer ausfällt als in den alten Ländern, könnte ein Moment sein, das den wirtschaftlichen Aufholprozess in Ostdeutschland derzeit erschwert. Denn weniger Unternehmen bedeuten weniger Investitionen, weniger Forschung und Entwicklung und weniger Jobs.

Die Kausalität zwischen Unternehmensbestand und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit wird dabei vermutlich eine wechselseitige sein: Eine geringere Dichte kann einerseits ein Grund für Unterschiede bei den gesamtwirtschaftlichen Ergebnissen sein, umgekehrt kann ein schwaches Wirtschaftswachstum das Entstehen neuer Unternehmen behindern. Selbstverständlich sind darüber hinaus für die wirtschaftliche Entwicklung auch qualitative Merkmale der Unternehmen, beispielsweise deren Managementfähigkeiten, wichtig. Im Folgenden wird aber speziell der quantitative Aspekt unter die Lupe genommen, weil eine hohe Unternehmensdichte, die ihr »Saatbeet« in einem regen Gründungsgeschehen - verbunden mit unvermeidlichen Marktaustritten unrentabler Unternehmen - hat, eine wichtige Voraussetzung für einen intensiven Strukturwandel, mehr Wettbewerb und - im Ergebnis - für einen Zuwachs an wirtschaftlicher Wohlfahrt bildet.

Deutliche Unternehmenslücke zwischen neuen und alten Ländern

Wie sieht es mit der Unternehmensdichte in den neuen Ländern aus? Zieht man hierzu zunächst die Zahl der Unternehmen heran, die von den Industrie- und Handelskammern (IHK) erfasst werden, so waren das am 1. Januar 2001 in den neuen Ländern (hier und im Folgenden werden die Flächenländer betrachtet) rund 509.000 (einschließlich der Kleingewerbetreibenden). In den westdeutschen Flächenländern waren es rund 2.904.000. Je 10.000 Einwohner existierten damit in den neuen Ländern 366 Unternehmen und in den alten Ländern 465. Würde der Unternehmensbesatz in den alten Bundesländern zugrunde gelegt, müssten in den neuen Ländern 138.000 Firmen mehr existieren. Es wird also bei den IHK-zugehörigen Unternehmen eine beträchtliche quantitative Lücke sichtbar. Und dabei ist das nur der Durchschnittswert. Dahinter verbergen sich noch größere regionale Unterschiede: Den höchsten Besatz mit IHK-Unternehmen je 10.000 Einwohner weist in den neuen Bundesländern Thüringen auf (395), den geringsten Sachsen-Anhalt (308) (siehe Grafik »Unternehmensdichte«).

Anders sieht es beim Besatz mit Vollhandwerksbetrieben und Betrieben des handwerksähnlichen Gewerbes aus, die zu den Handwerkskammern gehören. Ihre Zahl betrug Ende 2000 in den neuen Ländern rund 157.000 und in den alten Ländern rund 655.000. Je 10.000 Einwohner gab es zu diesem Zeitpunkt in den neuen Ländern 113 Betriebe und den alten Ländern 105. Auf den ersten Blick also scheint die überdurchschnittliche Dichte von Handwerksbetrieben in Ostdeutschland die zuvor festgestellte allgemeine Unternehmenslücke im Bereich der IHK wenigstens teilweise aufzuwiegen. Eine solche »Aufrechnung« ist jedoch problematisch. Der hohe Besatz mit Handwerksbetrieben ist Ausdruck eines nach wie vor großen Gewichtes von Betrieben des Baugewerbes im ostdeutschen Handwerk. Dieses schrumpft derzeit aber stark, und eine überdurchschnittliche Dichte an Handwerksbetrieben ist deswegen alles andere als ein positiver Befund.

Zwiespältiges Bild beim Gründungsgeschehen in Ostdeutschland

Über die Unternehmenslücke müsste man sich weniger Sorgen machen, wenn das Gründungsgeschehen in den neuen Ländern im Vergleich zu den alten Ländern überdurchschnittlich ausfallen würde. Die Gewerbeanzeigenstatistik des Jahres 2000 zeichnet diesbezüglich ein zwiespältiges Bild. Sie ermöglicht es unter anderem, aus allen Gewerbeanzeigen jene Fälle herauszufiltern, bei denen es sich um Gründungen beziehungsweise Schließungen von Betrieben handelt. In den neuen Ländern gab es im Jahr 2000 rund 43.300 Betriebsgründungen, in den alten Ländern 139.800. Die Zahl der Betriebsgründungen ist zudem in den neuen Ländern deutlich zurückgegangen, im Jahr 1999 gegenüber 1998 um 7,8 Prozent und im Jahr 2000 im Vergleich zu 1999 sogar um 14,8 Prozent (siehe Grafik). Weil die absoluten Zahlen für den Ost-West-Vergleich wenig sagen, werden diese Angaben wiederum ins Verhältnis zur Einwohnerzahl gesetzt. Das Ergebnis überrascht zunächst. Die Zahl der Betriebsgründungen je 10.000 Einwohner lag im Jahr 2000 in den neuen Ländern bei rund 31, in den alten Ländern bei rund 22. In Ostdeutschland wurden also - pro Kopf - mehr Betriebe als in den alten Ländern gegründet.

Dieses positive Bild wird allerdings dadurch relativiert, dass der Osten auch bei der Aufgabe von Betrieben vorn liegt - rund 38.800 beziehungsweise rund 28 Betriebsaufgaben je 10.000 Einwohner in den neuen Ländern stehen rund 92.100 beziehungsweise rund 15 Aufgaben je 10.000 Einwohner in den alten Ländern gegenüber. Die Statistik sagt allerdings nichts darüber, wann die ausscheidenden Betriebe gegründet wurden. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass Ostdeutschland stark von jungen, erst wenige Jahre bestehenden Unternehmen geprägt ist. Eine hohe Zahl von Marktaustritten muss daher nicht überraschen. Existenzgründungen und junge Unternehmen weisen nicht nur in den neuen Ländern, sondern generell eine höhere Marktaustrittswahrscheinlichkeit auf, weil sie im Allgemeinen anfälliger als etablierte Unternehmen sind.

Um eine ungefähre Vorstellung von der Veränderung der Situation zu erhalten, kann als weiterer Indikator die Nettozahl der Betriebsgründungen herangezogen werden. Zieht man von der Zahl der Betriebsgründungen jene der Betriebsaufgaben ab, ergibt sich in den neuen Ländern im Jahr 2000 eine Nettozahl von rund 4.500 Betriebsgründungen. Dies entspricht rund drei Netto-Betriebsgründungen je 10.000 Einwohner in den neuen Ländern, in den alten Ländern sind es rund acht. Auch hier also findet sich kein Hinweis darauf, dass sich die Unternehmenslücke rasch schließt, zumal - wie oben gezeigt - die Zahl der Betriebsgründungen im Zeitverlauf in den neuen Ländern deutlich zurückgegangen ist.

Was die Politik tun kann

Auf die Frage nach den Ursachen für die Unternehmenslücke und das - netto betrachtet - geringere Gründungsgeschehen gibt es keine einfachen Antworten. Tiefergehende Untersuchungen sind vonnöten.

Die Gründungs-Forschung nennt ein ganzes Bündel von Einflussfaktoren auf regionale Unterschiede bei den Gründungsaktivitäten: Besonders das in der Region vorhandene Potenzial an Gründungswilligen, deren Qualifikation, die Branchenstruktur in der Region, die lokale Standortqualität, die finanziellen Voraussetzungen, aber auch soziokulturelle und psychologische Faktoren.

Trotzdessen liegt bereits jetzt die Schlussfolgerung nahe, dass die Schließung der Unternehmenslücke eine wichtige Herausforderung für die Politik ist. Der politische Handlungsbedarf zur Schließung der Unternehmenslücke besteht aber kaum darin, zusätzliche finanzielle Fördermöglichkeiten zu schaffen. Es ist vielmehr ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die Unternehmensbasis zu verbreitern, die weit über die finanzielle Förderung hinausgeht und sich an viele Akteure richtet: an die Schulen, die Aufgeschlossenheit gegenüber dem Unternehmertum fördern können, an die Hochschulen, um Absolventen zum Sprung in die wirtschaftliche Selbstständigkeit zu befähigen, und an die staatlichen und kommunalen Instanzen, um generell günstige Rahmenbedingungen für die Unternehmensentwicklung zu gewährleisten.

Gerhard Heimpold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Abteilung Regional- und Kommunalforschung.

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00:00 31.08.2001

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