Schwertgeklirr und Wogenprall

Deutschland als Gedicht Der Germanist Jürgen Schröder analysiert die Rezepturen vaterländischer Lyrik

Hurra, du stolzes schönes Weib, /Hurra, Germania! /Wie kühn mit vorgebeugtem Leib/ Am Rheine stehst du da!/ Im vollen Brand der Juliglut,/ Wie ziehst du frisch dein Schwert!/ Wie trittst du zornig frohgemut/ Zum Schutz vor deinen Herd! / Hurra, hurra, hurra! / Hurra, Germania!

Wer so dichtet, scheint nicht ganz bei Sinnen. Ferdinand Freiligrath ist der Erzeuger dieser Zeilen, geschrieben kurz nach Kriegsbeginn 1870. Der Sieg über Frankreich brachte deutsche Poeten dann vollends um den Verstand: Rund zehntausend Gedichte sind zur Feier der Reichsgründung erschienen.

Dabei hatte Freilingrath noch wenige Jahre zuvor zur demokratischen Fraktion gehört - mit seinem Deutschland ist Hamlet-Gedicht von 1844 hatte er den merkwürdigen Widerspruch zwischen Vision und Realität, zwischen Philosophie und nicht stattgehabter demokratischer Revolution beklagt. Dann wechselte er die Seite: kriegerische Einheit statt Freiheit. Und die nationale Panegyrik etwa eines Emanuel Geibel, an dessen deutschem Wesen schon 1861 die Welt genesen sollte, wird mit der Reichsgründung richtig erotisch: Nun wirf hinweg den Witwenschleier!/ Nun gürte dich zur Hochzeitsfeier,/ O Deutschland, hohe Siegerin!

All diese überschwänglichen lyrischen Entäußerungen speisen sich aus einem Fundus, den der Tübinger Germanist Jürgen Schröder jetzt analysiert hat. Es ist die Germania des Tacitus, die im 16. Jahrhundert von deutschen Humanisten rezipiert wurde und deutsche Sittsamkeit und Kampfeskraft pries, die das Rückgrat dieser Gedichte bildet. Weitere Zutaten der National-Lyrik, die sich über die Jahrhunderte herausfiltern lassen, sind vor allem mythische Stoffe wie der Barbarossa-Komplex, der Gott Wotan oder die Nibelungen. Besonders Wotan braust, wie Schröder nachweist, vom Burschenschaftslied des Juristen Karl Follen 1817 bis zu dem genau ein Jahrhundert später gefallenen Weltkriegs-Offizier Walter Flex durch die lyrischen Bildwelten. Oft ist die Motivik nur noch als Palimpsest lesbar. Während der verbalradikale Follen immerhin noch mit Brause, du Freiheitssang,/ brause wie Wogendrang/ aus Felsenbrust aufwartet, wandelt sich das Motiv bei Flex in das bekannte »Wildgänse rauschen durch die Nacht«. Wotan braust aber auch »wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall« 1840 durch Max Schneckenburgers Wacht am Rhein, und verkleidete Reste des graubärtigen Sturmgotts macht Schröder sogar noch in Theodor Storms 1852 geschriebener »grauen Stadt am Meer« aus.

Die demokratische Tradition hat es schwer inmitten der volltönenden nationalen Formelhaftigkeit. Schröder verteidigt den geistig nach Griechenland emigrierten Hölderlin gegen die nationale Vereinnahmung und führt mit präzisen Heine-, Herwegh- und Brecht-Interpretationen die vernunftbegabtere Poetik gegen die Deutschland-trunkenen Sänger an. Er argumentiert schamvoll mit der bleichen Mutter Deutschland gegen die regressive Beschwörung alter germanischer Kampfbünde.

Aber es ist eben ein kompliziertes Feld, das da bestellt sein will: Die sozialistische Pathetik eines Johannes R. Becher ist poetisch leider nicht viel besser als die Sprachimpotenz mancher größenwahnsinniger Nazis. Immerhin lässt sich motivgeschichtlich manches zurückverfolgen. Die dümmliche Inanspruchnahme großer Geister (meist Bach und Goethe) für die eigenen Zwecke wird nicht nur von den Nazis, sondern auch von Becher betrieben. Und das männliche Eisen-Motiv wird von Ernst Moritz Arndts Der Gott, der Eisen wachsen ließ aus der Restaurationszeit bis zu Walter Flex´ Du Volk im grauen Eisenkleid im ersten Weltkrieg weitergeschrieben.

Unvergleichlich ist allerdings die masochistische Opferbereitschaft, mit der der Nazi-Dichter Heinrich Anacker sich 1931 dem Führer feilbot: Wir werdend Volk, wir sind der rohe Stein - / Du, unser Führer, sollst der Steinmetz sein;/ der Steinmetz, der mit schöpf´rischer Gewalt / den Stein erlöst von seiner Ungestalt./ Schlag immer zu! Wir halten duldend still,/ da deine strenge Hand uns formen will.

Wolf Biermann schrieb Jahre später, Hölderlin variierend: In diesem Lande leben wir/ wie Fremdlinge im eigenen Haus. Das war auf die DDR gemünzt, vielleicht aber auch auf die Bundesrepublik der siebziger Jahre. Für Nazi-Zeit und Nazi-Sprache galt dies in extremer Verschärfung. Die Hassgedichte eines Will Vesper, die Mischung aus christlicher Apokalypse und heidnischer Sage, die Todeslust eines Hermann Burte - all das macht heute nur noch müde und traurig. Musik entsprang aus deinem Blut, ein Strom/ und wogte Lust am Tod in deine Lieder,/ ewig unfaßbar für Byzanz und Rom dichtete Burte 1938 An Deutschland.

Man ist also fast erleichtert, endlich in den Nachkrieg zu gelangen. Aber auch hier ist Trauerarbeit zu leisten: Schröder präpariert die einzelnen Stränge und »geliehenen Worte« der Todesfuge heraus, das »rituelle Sich-Hineinsprechen in das tödliche Thema«, er demonstriert die Adenauer-Zeit anhand von Enzensbergers zitierender und parodierender landessprache und geht weiter zu Ingeborg Bachmanns gestundeter Zeit und zu Biermanns Leiden an Deutschland. Der deutschen Wiedervereinigung ist - in der Lyrik jedenfalls - die Euphorie dann gänzlich abhanden gekommen, es gibt nur eine nüchterne Bestandsaufnahme oder eine Verlustanzeige wie Volker Brauns Gedicht Das Eigentum.

Die patriotische Lyrik scheint also, so Jürgen Schröders These, vorläufig an ein Ende gelangt. Ob er da so richtig liegt? Wahrscheinlich hat sich die - wenngleich oft dilettantische - Lyrik-Produktion dieser Art nur verlagert, in die rechtsradikale Rockmusik oder ins Internet. Gleichviel: Schröder ist ein großer Interpret. Er spürt das schamhaft versteckte Memento mori im Deutschland-»Bekenntnis« des Arbeiterdichters Karl Bröger ebenso auf wie Conrad Ferdinand Meyers Sistina, die der unsägliche Nazi Heinrich Anacker in seiner »Der Führer als Bildhauer des Volkes«-Lyrik benutzt und pervertiert. Schröder schreibt, was für einen Germanisten leider immer noch als ungewöhnlich gilt, einen sehr verständlichen und plastischen Stil. Die fünfzehn Kapitel sind eine Fundgrube, eine literaturwissenschaftliche Demonstration, nebenbei auch ein Geschichtsbuch. Wer sich auf diese lange Reise einlässt, wird viel lernen über Deutschland und über die Art, wie hierzulande projiziert und gereimt wurde. Man sollte sich allerdings wappnen: Man braucht für dieses Thema einen langen Atem und, bei dem oft tumb rasselnden Klang der deutschen Vaterlands-Poesie, auch ein bisschen Gelassenheit.

Jürgen Schröder: Deutschland als Gedicht. Über berühmte und berüchtigte Gedichte aus fünf Jahrhunderten in fünfzehn Lektionen. Rombach-Verlag, 440 S., 68,- DM

02:00 17.08.2001

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare