Schwierige Liebe

Homosexualität In Jerusalem gehen Homosexuelle bei der "Gay Pride Parade" für gleiche Rechte auf die Straße. Unter religiösen Juden ist das Thema immer noch ein großes Tabu

Es war ein kleines Stück Papier, das Chaim Elbaums Leben veränderte. Nur zwei Worte waren darauf geschrieben: „Sexuelle Identität“. „Ich habe geweint vor Glück, weil es meinen Empfindungen endlich einen Namen gab“, erinnert sich Elbaum, ein junger Mann, der seine rote Kippa selbstbewusst auf dem kurz geschorenen Haar trägt. 23 Jahre war Elbaum damals, Student an einer „Yeshiva“, einer religiösen Talmudschule in Jerusalem. Ein Rabbi hatte ihn zur Seite genommen und ihm den Zettel zugesteckt. Direkt aussprechen wollte auch der Rabbi es nicht, aber die zwei Worte auf dem Zettel bedeuteten so viel wie: "Ich glaube, du bist schwul."

Für Chaim Elbaum war es der Beginn eines langen Wegs, der erst sechs Jahre später mit seinem offiziellem Coming-Out sein Ende finden sollte. Aufgewachsen in der strengen Welt des orthodoxen Judentums, war Homosexualität ein absolutes Tabuthema für Elbaum. Als er mit 18 begann, an der Yeshiva die Thora zu studieren, gab es niemanden, dem er sich anvertrauen konnte. „Ich war unendlich einsam und unglücklich. Ich dachte, ich bin der einzige Junge, dem es so geht“, erinnert er sich. Er hatte Suizidgedanken, fügte sich mit kochendem Wasser Brandwunden zu. Immer wieder, bis die Haut Blasen trieb. Dass jemand ihm einen Hinweis gab, dass ein Rabbi verstand, was ihn so verwirrte, war daher eine unendliche Erleichterung: „Ich war so glücklich, dass mir nach zehn Jahren endlich jemand sagte, was mit mir los war.“

Viele Orthodoxe wollen sich "therapieren" lassen

In der Welt der ultraorthodoxen Juden stört Homosexualität ein Familienkonzept, das vor allem auf Fortpflanzung ausgerichtet ist. Nicht zu heiraten, ist hier immer noch undenkbar – so entdecken religiöse Juden meist erst im Laufe ihrer arrangierten Ehe die eigene Bi- oder Homosexualität. Adam Shlomo Jessel, ein ultraorthodoxer Psychotheraput aus Jerusalem sieht darin keinen Widerspruch. „Wenn man homosexuelle Neigungen hat, bedeutet das nicht, dass man nicht auch zufrieden in einer heterosexuellen Beziehung leben kann“, sagt er trocken.

Jessel macht keinen Hehl daraus, dass er gleichgeschlechtlichen Sex ablehnt. Wenn er über sexuelle Versuchung spricht, wirkt er dabei wie ein Laienprediger, der gegen das Böse kämpft. Seine wissenschaftlichen Publikationen tragen Titel wie Die sexuelle Anziehung überwinden. Im religiösen Jerusalem hat seine psychotherapeutische Praxis starken Zulauf. Zu seinen Kunden, die gegen ihre gleichgeschlechtlichen Neigungen ankämpfen, gehören neben den frommen Juden längst auch arabische Christen und andere Gläubige. Jessel ist ultraorthodox, deshalb zielt seine Therapie darauf ab, die Ehen seiner Patienten zu erhalten – ein Ansatz, den israelische Schwulenaktivisten als „durchaus schädlich“ kritisieren.

Auch Chaim Elbaum ist mehr als skeptisch – aus eigener Erfahrung. Fünf Jahre lang besuchte er nach Abschluss seiner Yeshiva einen Psychologen, versuchte seine homosexuellen Neigungen zu therapieren, bis er einsah, dass es seine Identität war, die er damit verleugnete. „Ich habe gegen mich selbst gekämpft“, sagt er. „Bis ich begriff, dass es auch ein Kampf gegen die Religion ist, gegen Gott selbst, und ich endlich damit aufhören muss.“ Mittlerweile steht er zu seiner Homosexualität, hat begonnen, an der religiösen Filmhochschule „Ma'ale“ zu studieren und in seinem ersten Kurzfilm seine eigene Geschichte verarbeitet. „Ich will, dass die orthodoxe Gesellschaft uns wahrnimmt“, sagt er selbstsicher. „Heute akzeptiere ich mich, wie ich bin.“

An der Jerusalemer Gay Pride Parade wird Elbaum selbstbewusst teilnehmen. Etwas, das längst nicht für alle religiösen Schwulen und Lesben selbstverständlich ist. „Hier in Jerusalem kann man die Homophobie täglich spüren“, erzählt Yonathan Gher vom Jerusalemer Schwulen- und Lesbenzentrum Open House. Zum achten mal organisiert Gher die Parade, in den letzten Jahren gab es immer wieder Drohungen, bis hin zu offener Gewalt. 2006 wurden drei Menschen verletzt, als ein Ultra-Orthodoxer wahllos mit einem Küchenmesser auf die Demonstranten einstach. „Wenn ich mit meinem Freund in der Stadt Hand in Hand die Straße entlanglaufe, kann es jederzeit passieren, dass wir angegriffen oder beschimpft werden“, erzählt Gher.

Anders als der bunte „Gay Pride“-Marsch vor zwei Wochen in Tel Aviv, der eine ausgelassene Party ist, „ist die Parade in Jerusalem vielmehr eine Demonstration für Menschenrechte“, sagt Gher. In Tel Aviv, dem liberalen Zentrum des Landes, gibt es eine offene und akzeptierte Schwulenszene, aber außerhalb von Tel Aviv fangen für Homosexuelle die Probleme an.

Schwule Rabbis

Rabbiner Ron Yosef muss lächeln, wenn er an die Reaktionen denkt, die sein Coming-Out vor drei Monaten in seiner Gemeinde in Netanja auslöste. Sein Fall ging damals durch die Presse. Ein großer Schock für sein Umfeld sei es gewesen, erinnert sich der kleine, dunkelhaarige Mann mit Kippa im eleganten, schwarzen Anzug. „Dabei ist es im Judentum gar nicht verboten, schwul zu sein", sagt Yosef. "Nur in Bezug auf Sex gibt es keinen Kompromiss." Die Situation für fromme Juden, sagt er, sei dennoch sehr schwer. "Man hört immer: 'Heirate zuerst, danach kannst Du Dich mit dem Problem beschäftigen.' Uns geht es darum, die Wahrheit auf den Tisch zu bringen." Vor drei Monaten gründete der Rabbi Ron Yosef deshalb die Hotline Hod, die schwulen, religiösen Juden psychologische Beratung anbietet.

Zwar verbietet die Halacha, die rechtliche Überlieferung des Talmuds, homosexuelle Handlungen – dennoch wird das Thema seit einiger Zeit auch in den religiösen, jüdischen Gemeinden diskutiert. So rechtfertigt der ultraorthodoxe Rabbiner Rav David Lichtman Homosexualität unter Juden gewissermaßen durch die Hintertür: „Es ist wichtig zwischen schwulem Lifestyle und der eigentlichen Person zu unterscheiden“, sagt Lichtman, ein großer stämmiger Mann mit Vollbart. Seine Botschaft klingt etwas gewöhnungsbedürftig für westliche Ohren, doch Lichtman, ein Jude aus Kanada, versteht sich gut auf Zwischentöne.

Genau wie Lichtman ist auch Rabbi Ron Yosef überzeugt, dass sich die jüdisch-orthodoxe Gemeinde nur von innen heraus reformieren lässt. So hat er kürzlich ein theologisches Papier mit anderen homosexuellen Rabbinern veröffentlicht, um mit dem Talmud zu belegen, dass homosexuell zu sein, nicht gegen das religiöse Unzuchtsgebot verstoße. Also schwul leben, ohne schwul zu lieben? Yosef zuckt mit den Schultern. „Wir fragen nicht danach, was schwule Paare im Schlafzimmer machen“, sagt er. Eine Gratwanderung zwischen religiöser Toleranz und Selbstverleugnung.

Doch auch wenn die jüdisch-orthodoxe Gemeinde noch weit davon entfernt ist, Homosexualität als selbstverständlich zu akzeptieren: Ein Wandel, sagt Chaim Elbaum, der Filmemacher, sei bereits spürbar. "Als ich Kind war, war es unmöglich darüber zu reden", erzählt Elbaum. "Heute wird das Thema offen am Schabbattisch diskutiert."

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