Schwieriges Bekenntnis

Musik und Politik HipHop haftet ein progressives und zugleich ein schwulenfeindliches Image an: Wie hat die US-HipHop-Szene auf Barack Obamas Bekenntnis zur Homo-Ehe reagiert?

Als sich der US-Präsident im Frühstücksfernsehen des Senders ABC für die Homo-Ehe ausgesprochen hat, verwies Barack Obama auf Menschen in seiner Nachbarschaft, auf Freunde, sogar auf Mitarbeiter seines Stabs, die in monogamen gleichgeschlechtlichen Beziehungen lebten. Und er verwies auf das US-Militär und das Ende der „Don’t ask, don’t tell“-Politik, das er eingeläutet hatte, indem er die Vorschrift abschaffte, dass offen Homosexuelle nicht als Soldaten dienen dürfen. Dann schlug Obama den Bogen zur Religion, bezeichnete sich und seine Frau als praktizierende Christen und sagte: „Behandle andere so, wie auch du behandelt werden willst.“

Eigentlich hatte er – nach deutschen Maßstäben – nichts Außergewöhnliches gesagt. Aber Beobachter und Berichterstatter attestierten vergangene Woche, Obama habe einmal mehr Geschichte geschrieben. Mit solchen Sätzen positioniert er sich auch gegenüber den Republikanern. Deren wahrscheinlichem Kandidat Mitt Romney kam gerade der außenpolitische Sprecher Richard Grenell abhanden. Der offen homosexuelle Grenell trat nach heftiger Kritik von Erzkonservativen zurück. Es gehört zur Wahlkampflogik, dass kurz nach Obamas Interview Informationen gestreut wurden, Romney sei in der High School ein Tyrann gewesen, der Schwächere schikaniert habe – darunter einen angeblich schwulen Schüler, den Romney ein „gutes Mädchen“ nannte, ehe er ihm die Haare abschnitt.

Schwulenfeindliches Image

Inhaltlich mag Obamas Statement eine politische Randnotiz sein, kaum vergleichbar mit der gesellschaftlich bedeutsameren Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung. Symbolisch aber ist das Pro zur Homo-Ehe eine Bombe: Obama rief den jungen, progressiven Wählern zu: Ich bin noch immer euer Präsident! Ich vergesse die sozial und gesellschaftlich Marginalisierten nicht. Solche, denen sich auch die HipHop-Szene verpflichtet fühlt.

Seit jeher bedient sich Obama einer auch im HipHop verbreiteten Rhetorik. Dort begeistert man sich für Menschen, die für das einstehen, an das sie glauben. Aber HipHop haftet – das ist die Kehrseite – ein schwulenfeindliches Image an, wegen stereotyper Bilder und Texte. Während in den Augen der Republikaner Obamas Nähe zur Rapkultur den Untergang der guten Sitten in ihrem Land bedeutet, wird der US-Präsident von aufgeklärten Musikern unterstützt, die in ihren Texten häufig gesellschaftliche Themen verhandeln. Manche von ihnen äußerten sich nach Obamas Interview zur Homoehe auf Twitter.

Soulsänger John Legend, der vor vier Jahren an der Pro-Obama-Hymne „Yes we can“ beteiligt war, schrieb beispielsweise: „Ich freue mich sehr, dass sich der Präsident heute für Menschenrechte und Gleichberechtigung bei der Ehe eingesetzt hat.“ Und später verlinkte er einen Artikel auf einem Blog der New York Times, in dem die historische Bedeutung von Obamas Vorstoß beschrieben wird.

Talib Kweli, ein New Yorker Rapper, der sich in der Vergangenheit inhaltlich auch schon kritisch zu Obama positioniert hat, zählt zu den obsessiven Twitterern. Er kommt täglich auf mehrere Dutzend Tweets. Kweli nutzt die Plattform zur Diskussion mit Followern. Trotz seiner Kritik an Obama nimmt Kweli den Präsidenten vor unsachlichen Einwürfen in Schutz: „Der Präsident kann für seine Bilanz kritisiert werden. Er ist kein Sozialist. Und selbst wenn – was soll’s? Ihr wisst doch gar nicht, warum ihr ihn nicht mögt.“ Als einer antwortet, er kritisiere Obama wegen der „Schwulensache“, antwortet Kweli deutlich: „In deiner Haut will ich nicht stecken.“

Jene Musiker, die Obama bisher den Rücken stärkten, halten sich in dieser Angelegenheit aber mit öffentlichen Bekenntnissen auffallend zurück. Kein Statement von Jay-Z* oder Will.i.am von den Black Eyed Peas. Sind sie weniger risikofreudig als der Präsident? Fürchten Sie, Fans vor den Kopf zu stoßen? Über Erick Sermon, mit EPMD ein HipHop-Pionier der neunziger Jahre, gab es in der Vergangenheit Gerüchte, er könne schwul sein. Im vergangenen Jahr sagte Sermon in einem Interview: „Vielleicht wird es niemals einen offen schwulen Rapper geben. Das würde er nicht überleben.“ Nicht alle aus der HipHop-Szene werden Obama also auf seinem Weg begleiten.

Den Wandel erleben

Noch vor vier Jahren, als seine Reden sich vor allem um Wandel und Hoffnung drehten, erinnerte Obama sehr viele Menschen an Martin Luther King. Wenn ihn jemand frage, um was es im Falle seiner Wiederwahl in seiner zweiten Amtszeit gehen werde, sagte der US-Präsident zum Auftakt seiner Kampagne in Ohio: „It’s still about change. Was wir uns vorgenommen hatten, war nicht in vier Jahren umzusetzen.“ Und er fügte hinzu: „Wer sich für Wandel entscheidet, wird Wandel erleben.“

Nach Monaten, in denen er aufgrund massiver Widerstände im Kongress aus einer gefühlten Defensive heraus agierte, präsentiert sich der 50-Jährige nun wieder kampfeslustig. Doch mit seinem Vorstoß setzt er sich dem Risiko aus, nicht nur in der teilweise sehr religiösen Black Community Stimmen zu verlieren, sondern auch Wähler bis weit in die Mitte zu verprellen. In einer Erhebung des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup sagte nur jeder sechste Befragte, dass seine Wahlentscheidung von der Homo-Ehe nicht beeinflusst werde. Der Präsident hat offenbar viele demokratische Wähler irritiert: Fast ein Drittel gab an, noch mal darüber nachzudenken, ob sie ihm ihre Stimme geben.



* "Jay-Z hat sich nach Redaktionsschluss dieses Textes in einem
CNN-Interview zu Obamas Vorstoß geäußert. Der Rapper sagte, das Verbot
gleichgeschlechtlicher Ehen in den USA sei rückschrittlich: "Was die
Leute in ihren vier Wänden machen, ist ihre Sache. Jeder kann selbst
entscheiden zu lieben, wen immer er will." Das Verbot der Homoehe verglich
Jay-Z mit der Diskriminierung von Schwarzen."

Torsten Landsberg verfolgt in einer losen Reihe bis zu den Präsidentschaftswahlen im November das Verhältnis von US-HipHop-Szene und Politik. Teil eins der Serie finden Sie in unserem Online-Archiv unter: freitag.de/yo-obama

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

12:00 19.05.2012

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 5