Schwimmen

Kehrseite II Berliner Abende

In den vergangenen Jahren bin ich ein leidenschaftlicher Läufer geworden. Regelmäßig laufe ich die Kanäle zwischen Kreuzberg und Treptow entlang und fühle mich nach meiner Rückkehr in die Wohnung pudelwohl. Während eines Spazierganges hat mir eine Freundin allerdings die Freude daran mit einer Bemerkung versaut: Schau dir diese Sportskanonen an. Es gibt nichts Traurigeres als den vereinzelt vor sich hin trottenden Läufer.

Fortan hatte ich schon beim Schnüren der Sportschuhe das Bild der Einsamkeit und Trostlosigkeit vor Augen, das ich alleine vor mich hin trottend abgeben würde. Meine Beine füllten sich mit Blei und wenn ich nach einer Stunde wieder daheim war, hatte ich trotz Endorphinausstoß depressive Gedanken. Eines Tages konnte ich mich überhaupt nicht mehr aufraffen und beschloss eine weniger einsame Sportart zu suchen. Schwimmen schien mir ideal. Jene Freundin schwamm ja auch regelmäßig.

An der Kasse des Spreewaldbades schiebt mir eine blondierte Mittfünfzigerin zwar wortlos mein Ticket unter der Glasscheibe durch, aber als ich mich bedanke, lächelt sie. Ich freue mich, auch wenn ihre Berliner Art verrät, dass sie nicht weiß, wofür ich mich jetzt genau bedankt habe, wo sie doch nur ihre Arbeit tut.

Ich war lange nicht in einem Schwimmbad gewesen und habe vergessen, dass ich Münzen für den Schrank brauche. Werde ich mit meinem Ticket durch das Drehkreuz hinaus und auch wieder herein kommen, um an der Kasse um Kleingeld zu bitten? Ich fürchte, dass der Blondierten das Lachen vergeht, da so ein Aufwand möglicherweise nicht zu ihrer Arbeit gehört. Drei Halbnackte, die ich frage, ob sie mir wechseln können, verstehen mich nicht, oder tun so, um ihre Spinde nicht nochmals aufzusperren zu müssen, verschwinden in Richtung Schwimmhalle. Vielen Dank.

Als mich ein Vater um 5-Cent-Münzen bittet, damit er seinen beiden Kindern die Haare fönen kann, schlage ich einen Deal vor: 5-Cent-Münzen und ein 2-Eurostück gegen eine 1-Euro-Münze. Einverstanden. Als er seine Geldbörse durchwühlt, fragt der etwa vierjährige Junge seine ältere Schwester: Kann man in deine Muschi auch eine Münze stecken? Der Junge kriegt einen Klaps auf den Hinterkopf, dabei fällt dem Vater die Börse zu Boden, ein Geschrei geht los, Münzen rollen über die Fliesen und wir kriechen alle vier hinterher. Ich entschuldige mich für den Aufruhr, habe aber endlich das notwendige Eurostück für den Umkleideschrank.

Aus der Halle tönt Waterloo von Abba. Im Schwimmerbecken stehen acht Frauen mit seligem Grinsen und machen unter Anleitung einer Vorturnerin am Beckenrand Unterwassertreten zur Musik. Schnell vom Sockel einen Kopfsprung ins Wasser, um diesem Siebziger-Jahre-Geplärre zu entkommen.

Ich kämpfe mich die ersten 25 Meter durch das übervolle Becken, komme am anderen Ende von mehreren Fußtritten lädiert an und wäre vermutlich sofort wieder aus dem Becken geklettert, tauchte nicht ein drahtiger Typ neben mir auf. Um sich für seinen Tritt in meine Lenden zu entschuldigen? Nimm bei deinem Tempo die Bahn weiter! Du hältst hier alles auf! Seine Bewegungen sind exakt und mühelos, sein breiter Rücken verdrängt das Wasser ohne es aufzuwühlen.

Gott sei Dank habe ich eine Schwimmbrille mit. Ich tauche zur Bahn nebenan mit den langsameren Herrschaften. Die Unterwasserwelt ist zwar nicht immer das reinste Vergnügen: dicke Bäuche usw., aber da kommt auch schon der Drahtige zurück. Seine schlanke Taille, das Muskelspiel des Brustkorbes, die ausgeprägten Formen unter der Badehose. Ein Augenschmaus. Dann geht mir die Luft aus und ich muss auftauchen. Am Beckenrand warte ich, bis der Drahtige wieder kommt. Ich tauche unter, er macht eine elegante Unterwasser-Kehrtwende und krault davon. Da Wasser ein guter Transmitter ist, rieche ich jetzt sein dezentes Parfüm, schließlich verschwimmt sein Bild in der Unterwasserferne.

Hallo, sagt eine bekannte Stimme neben mir. Was machst du denn hier? Meine Schwimmfreundin. Ihr Grinsen verrät, dass sie mich schon einer Weile beobachtet und gesehen hat, dass ich nicht schwimme, sondern nur in regelmäßigen Abständen untertauche. Sie zeigt auf meine Brille: Schöne Aussichten? Ich werde rot. Sie schweigt. Danke. Ich hab meine 1.000 Meter, sagt sie, ich muss los.

Im Duschbereich stehen vom langen Duschen drei ältere, aufgeweichte Männer. Ich will, dass der Drahtige kommt. Ich dusche und dusche und dusche beginne mich langsam aufzuweichen. Vermutlich gebe ich ein Bild der Einsamkeit und Trostlosigkeit ab, wie es ein Läufer niemals imstande wäre. Ich gebe den Drahtigen auf, drehe den Wasserhahn zu und gehe ganz langsam die Kanäle entlang nach Hause.

00:00 22.12.2006

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