Schwul, jüdisch, rechts

Interview Micha Brumlik erzählt die schillernde Vita des Religionshistorikers Hans-Joachim Schoeps
Thomas Wagner | Ausgabe 46/2019 2

Während sich Micha Brumlik in den 1970ern der Neuen Linken anschloss, wetterte der jüdische Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps (1909 – 1980), der Staat müsse sich „mit allen Mitteln“ verteidigen. Nun hat Brumlik eine Biografie des Rechtsintellektuellen verfasst.

der Freitag: Herr Brumlik, Schoeps überlebte den Massenmord an den europäischen Juden nur durch Flucht nach Schweden. Seine Eltern wurden in Theresienstadt und Auschwitz ermordet. Nach der Befreiung suchte er Kontakt zu ehemaligen Hitlerjungen und SS-Leuten.

Micha Brumlik: Seine Liebe zu Deutschland war so groß, dass er das nationalsozialistische Täter- und Mitläufertum für eine temporäre Verirrung und nicht für einen tief sitzenden Zug der Deutschen gehalten hat.

Zu Beginn der Nazi-Herrschaft wollte er den Juden sogar eine Brücke zum Regime bauen.

Die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden war im weitesten Sinne linksliberal. Sie haben die Deutsche Demokratische Partei oder sozialdemokratisch gewählt. Aber es gab auch eine Minderheit, die deutschnational eingestellt war, die hat Schoeps zu organisieren versucht. Nach kurzer Zeit beschied das Reichsinnenministerium der von ihm gegründeten Jugendgruppe „Vortrupp – Gefolgschaft deutscher Juden“, sie dürfte sich zwar „Gefolgschaft“, nicht aber „Gefolgschaft deutscher Juden“ nennen.

Aber wie ist dieses Ranschmeißen eines jüdischen Intellektuellen an die Nazis zu erklären?

Mit den Antisemiten seiner Zeit teilte er den Antiliberalismus und den vorgeblichen Antikapitalismus. Er glaubte, dass man auf dieser Grundlage zu einer Art von Allianz kommen könnte. Entschuldigend muss man aber dazusagen, dass mindestens bis zu den Nürnberger Gesetzen des Jahres 1935 das, was später an beispiellosen Verbrechen kam, nicht zu erwarten war, obwohl einzelne hellsichtige Köpfe Mein Kampf gelesen hatten und ahnten, dass Schlimmes bevorstand.

Wann haben Sie angefangen, sich mit Schoeps zu befassen?

Das erste Mal in den 80ern, als ich mich mit der Geschichte des deutschen Judentums auseinandergesetzt habe. Dann habe ich mich jahrelang nicht mehr mit ihm beschäftigt. Bis mir vor einiger Zeit sein Sohn, der Historiker Julius Schoeps, vorschlug, diese Biografie zu schreiben. Interessant ist, dass Schoeps an den Schnittstellen der wichtigsten geistigen Bewegungen des 20. Jahrhunderts stand. Als jemand, der lange Zeit am christlich-jüdischen Dialog mitgewirkt hat, hat mich besonders seine Übernahme durch und durch protestantischer Gedankenfiguren interessiert. Er hatte einen Briefwechsel mit dem linken calvinistischen Schweizer Theologen Karl Barth.

Ich höre in der Linken oft, es sei unmöglich, von Rechten zu lernen. Begegnet Ihnen das auch?

Immer mal wieder. Das ist aber schlicht und ergreifend töricht. Weil man natürlich zwischen der wissenschaftlichen Leistung hier und der politischen Meinung dort unterscheiden muss.

Worin bestanden Schoeps Verdienste als Forscher?

Mit seinen Arbeiten über das Judenchristentum – die sogenannten Ebioniten – war er ein Avantgardist der religionsgeschichtlichen Forschung. Das haben viele protestantische Theologen und Kirchengeschichtler bestätigt. Er war der Erste, der sich diesem Thema gründlich widmete. Er hat frühe, vor allem griechischsprachige Manuskripte aus den ersten zwei, drei Jahrhunderten sehr genau erforscht, in denen Personen oft jüdischer Herkunft damit angefangen haben, sich mit der Figur von Jesus auseinanderzusetzen, die dann zu dem wurden, was später „Christen“ genannt wurde. Für Theologen, die sich für das jüdisch-christliche Verhältnis interessieren, ist die Auseinandersetzung mit Schoeps’ Werk nach wie vor lohnenswert. Außerdem kann man sagen: Er war einer der Vorläufer des jüdisch-christlichen Dialogs.

Zur Person

Micha Brumlik, 1947 geboren, lehrte Erziehungswissenschaften in Frankfurt/M. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart . Bei Vandenhoek & Ruprecht erschien Preußisch, konservativ, jüdisch. Hans-Joachim Schoeps’ Leben und Werk

Schoeps 1948 gegründete „Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte“ stand Leuten offen, die von weit rechts kamen.

Sie war aber auch ein wissenschaftlich sehr ambitioniertes Projekt. Eine witzige Fußnote ist, dass Adorno in den ersten Heften den einen oder anderen Aufsatz geschrieben hat.

Ein Mitarbeiter war Sven Thomas Frank, neben Henning Eichberg Kopf der kleinen nationalrevolutionären Bewegung in der BRD der 60er und 70er.

Schoeps war alles andere als ein Nationalrevolutionär. Wenn ihm etwas zuwider war, dann waren das Revolutionen. Er war ganz und gar ein Vertreter der Idee des autoritären Staates, die in den 30ern von der Frankfurter Schule kritisiert worden war. In den 60ern, als die CDU noch weitaus rechter war als heute, gehörte er sogar zu denen, die eine konservative Sammlungsbewegung rechts der CDU gründen wollten.

Was hat ihn am Adenauer-Konservatismus gestört?

Einerseits, man glaubt es kaum, war ihm die Politik von CDU und CSU damals schon zu liberal. Andererseits war er selbst in den 60ern einer der ersten deutschen Intellektuellen, die sich als homosexuell geoutet haben. Er hat damals eine Wiedergutmachung für die von den Nationalsozialisten verfolgten Homosexuellen gefordert – mit den Worten: „Für die Homosexuellen ist der Nationalsozialismus noch nicht zu Ende.“ Das hat im Blätterwald – einschließlich der liberalen Zeit – das zur Folge gehabt, was wir heute als Shitstorm bezeichnen.

Woher hatte der Mann das Selbstbewusstsein dazu?

Das war das Erbe der Jugendbewegung. Dort vertrat man die Auffassung, dass man aufrichtig zu sich und seinem Leben stehen muss. Dem Lebensgefühl der Jugendbewegung von der Jahrhundertwende bis 1913 und den daran Beteiligten blieb Schoeps sein Leben lang treu. Die gemeinsame Verbundenheit ums Lagerfeuer herum war tiefer als divergierende politische Meinungen. Man war gegen die bürgerliche Welt.

Wie stand er zur Demokratie?

Er stand ihr ablehnend gegenüber. Schoeps begriff das Wort Gottes als eine von oben kommende autoritäre Weisung, die strikt zu befolgen sei.

Gegen die 68er schreibt er auch, nicht die, sondern er stehe auf dem Boden des Grundgesetzes.

Wie Helmut Schelsky und Arnold Gehlen auch meinte Schoeps, dass die stets vom Zerfall bedrohten Institutionen vor dem, was noch kommen könnte, geschützt werden müssten. Er hat sich später immer mehr als Befürworter der preußischen Idee verstanden. Den Gedanken der autoritären Weisung, der sein theologisches Denken prägte, glaubte er im Preußen vor Bismarck verwirklicht. In seinen historischen Werken nach 1945 hat er es Bismarck nie verziehen, dass der Preußen an Deutschland verraten habe. In seinen späten Jahren hätte er gesagt: „Ich bin Preuße, weil ich antinational und antiliberal bin.“ Preußen war für ihn kein „normaler“ Nationalstaat.

Wie begründete er das?

Mit Blick auf jemanden wie Friedrich II. und darauf, dass es dort gewisse Gedanken der Aufklärung und der Toleranz gab.

Lag es auch an Preußens quasi multiethnischer Zusammensetzung?

Ja, richtig. Dazu gehörten Juden, Hugenotten und andere Gruppen. Schoeps hat den Versuch unternommen, die Idee Deutschlands von der des Nationalsozialismus zu trennen, und darin würde ich ihm auch heute noch recht geben: Deutschland ist mehr und auch anderes, als der Nationalsozialismus gewesen ist. Auch vor dem Hintergrund des Anschlags auf die Synagoge in Halle ist derzeit das gefordert, was man als den Patriotismus deutscher Juden bezeichnen kann: ein Verfassungspatriotismus im Sinne Dolf Sternbergers. Mir kommt in letzter Zeit mehr und mehr die Brecht’sche Kinderhymne in den Sinn: „Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s.“

06:00 10.12.2019

Ausgabe 14/2020

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