Schwundstufe

Leipzig 2004 war die Buchmesse der schiefen Vergleiche Steht Europa vor einem neuen Historikerstreit? Als die ehemalige Außenministerin der Republik Lettland, Sandra Kalniete, vergangenen Mittwoch an das ...

Steht Europa vor einem neuen Historikerstreit? Als die ehemalige Außenministerin der Republik Lettland, Sandra Kalniete, vergangenen Mittwoch an das Rednerpult im Leipziger Gewandhaus trat, hörte es sich ganz nach der Wiederkehr eines Gespenstes an. Nationalsozialismus und Kommunismus, dekretierte da die künftige EU-Kommissarin vor der Festgemeinde der Buchmesse, seien "gleich kriminell". Widerspruch erhob sich nicht. Aber im Weghören ist diese Messe ja geübt. Von keinem Krieg lässt sich die Buchbranche ihr standortseliges Betriebsfest verderben. Nur Salomon Korn, Vizechef des Zentralrats der Juden, verließ aus Protest gegen die Geschichtsklitterung den Saal.

Kalnietes Auftritt war kein singulärer Faux-Pas, sondern ist ein Symptom. Man kann sich vorstellen, welche Gedenkräume sich nach der "Osterweiterung" in einem EU-Europa noch auftun werden, das seiner Erinnerungsrituale überdrüssig ist, welche Kontroversen darum noch ausgefochten werden. Die Schwundform historischen Urteils ist freilich kein Vorrecht ehemaliger SU-Trabanten. Einen Tag später verglich Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung zur Agenda 2010 das "Abkindern" in der DDR mit dem Mutterkreuz des Nationalsozialismus. Wo man hinhört, feiert der "antitotalitäre Konsens" ungenaue Urstände, den CDU-Rechtsaußen Alfred Dregger kurz nach 1989 als deutsche raison d´être beschwor. Vom "Islamo-Faschismus" der Zeit bis zu den "zwei totalitären Diktaturen", die Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt unpassender Weise in seiner Rede zum Buchpreis für Europäische Verständigung geißelte - auch in Deutschland scheint die historische Vergleichskultur rhetorisch aus dem Gleis gesprungen, ohne dass das jemand scherte. Es klang ungewollt prophetisch, als der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der das kraftvolle Sprachgemisch der deutschtürkischen "Kanaken" kulturell hoffähig gemacht hat, in Leipzig "das Ende der Subtilität" beschwor.

Nicht, dass man Kalnietes Vergleich überhaupt nicht anstellen dürfte. Die Millionen Toten, die die amerikanische Historikerin Anne Applebaum in ihrer Studie zum Gulag zählte, könnten Anlass für die Frage sein: Gab es nicht doch strukturelle Ähnlichkeiten zwischen dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus? Susan Neiman, die amerikanische Philosophin, will diese Frage nächstes Jahr im Potsdamer Einstein-Forum neu aufrollen. Auch der russische Autor Viktor Jerofejew ließ sich mit der Äußerung vernehmen: "Nur die Faulen vergleichen Hitler und Stalin nicht." Doch Frau Kalniete glaubte, das Ergebnis dieses ausstehenden Vergleichs vorwegnehmen zu können. Die Leidensgeschichte ihrer Familie in der Sowjetunion in allen Ehren. Doch mit solchen Auftritten fällt die Neubestimmung der europäischen Erinnerungskultur genau in den symbolischen Schlagabtausch zurück wie zur Geburtszeit der problematischen Totalitarismusformel, dem Kalten Krieg.

Leider, leider, so musste man ausgerechnet in Leipzig erfahren, schützt auch das Wundermittel der Aufklärung namens Literatur vor historischer Dummheit nicht. Dz?evad Karahasan hatte noch gewarnt, den Systemvergleich den Historikern zu überlassen und die Literatur den Opfern zu widmen. Doch ein Tabuthema lockte. Jáchym Topols Vergleich der Werbeschilder des siegreichen Kapitalismus mit den glücksverheißenden Votivtafeln des besiegten Sowjetkommunismus war noch die harmlose Variante. Der russische Autor Viktor Jerofejew dagegen nennt seinen neuesten Roman provozierend Der gute Stalin. In einem Buch mag es noch aufgehen, den russischen Diktator als Vertreter des "magischen Totalitarismus" und als russischen Archetyp zu zeichnen. Als Jerofejew ihn aber auf einem Podium zum Künstler erklärte, dessen Blutorgien man als "Installation" sehen könne, wurde es Einigen doch mulmig. Plötzlich schwante Jerofejew, auf welcher schiefen Ebene er stand. Denn auf die Frage nach den Künstlerqualitäten von Väterchen Hitler kniff der Provokateur. Mit einem lässigen "Das müssen Sie selbst herausfinden" schob er die Verantwortung für den Systemvergleich den Deutschen zu.

Ziemlich in die Falle getappt scheint der Frankfurter Autor Thor Kunkel. In Leipzig präsentierte er seinen fertigen Skandalroman Endstufe. Nicht der Aufsteiger aus Braunau fungiert in diesem Psychogramm einer zeitlosen, sexgeilen Mitläuferelite als "größter Diktator" sondern "das Geld". Ob man die Nazibarbarei als Kulisse für die Erregungssteigerung aufstellt oder Stalin zum Künstler verniedlicht - das sind nur zwei Seiten derselben Relativierungsmedaille.

Ingo Arend


00:00 02.04.2004
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