Screen Tests. Portraits. Nudes.

PORTRAITS Der Fotograf Gerard Malaga

»Ich schreibe, was ich nicht photographieren kann und ich photographiere, was ich nicht schreiben kann«. Der Satz des amerikanischen Photografen Gerard Malanga zeigt die Schnittstelle von Bild und Text. Als gerade mal Zwanzigjähriger schneit der junge Dichter zu Beginn der sechziger Jahre ins Andy Warhols New Yorker Factory und entdeckt für sich die Fotographie. Von 1963 bis 1970 arbeitete er dort als Assistent. Anders als bei den berühmten screen tests-Bildern in der factory in den hintereinanderlaufender Filmbildstreifen, wo die Besucher der Künstlerwerkstatt vier Minuten immer vor demselben neutralen Hintergrund in die Kamera schauen mussten und dabei geradezu sadistisch vorgeführt wurden, waren Malangas spätere Autorenporträts Akte der Freundschaft. Offenherzig, wie der Nachbar von nebenan, weder überrumpelt noch verhört oder gar statuarisch in Szene gesetzt, schauen sie in vertrauter Umgebung in die Kamera. Selbst Charles Bukowski und William Burroughs werden da zu gemütlichen Kumpeln, die einem beim Einkaufen im Supermarkt kaum besonders auffallen würden. Vor allem mit diesen Bilder hat Malanga eine Galerie der amerikanischen Pop-, Literatur und Kunstszene geschaffen, von Duke Ellington bis Iggy Pop, von Lawrence Durrell bis Judie Murphy, die aber weit über Amerika hinausstrahlten. Es mag einem stören, dass Malanga der unbarmherzige Blick des Portraitisten fehlt, der seinem Gegenüber auch die dämonischen und weniger genehmen Abgründe zu entreissen vermag, doch seine zugewandte Technik der freundschaftlichen Annäherung demokratisiert doch den glamourösen Heros, dem auch Warhol gern zu Füßen lag und mit seiner Kunst eigentlich auch erst produzierte, zu einem ganz normalen Künstler. Was auch eine Kunst ist, die man mit Schreiben allein nicht hinbekommen hätte.

Gerard Malanga: Screen Tests. Portraits. Nudes. 1964-1996. Herausgegeben von Patrick Remy und Marc Parent. Steidl-Verlag, Göttingen 2000, 192 S., 65.- DM

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