Sechs flüchtige Begegnungen

Berliner Abende Kolumne

1. Dem Herrn sei Dank! Endlich eine Vertretung für den Reli-Unterricht. Nicht sehr schnell, schon gar nicht vom Himmel gefallen, aber, endlich da. Frau Nix dreht sich um. Ein Stein rollt ihr vom Herzen. Sie lächelt! Eine Riesenlast von Vertretungsstunden rutscht ihr vom Buckel. Sie begrüßt Frau Müllerlein enthusiastisch. "Kollegin, es freut mich ja so!" Die hat sofort eine Frage: "Wo, bitte, ist das Klo?" "Ah ja", sagt Frau Nix verständnisvoll. "Sie bekommen einen eigenen Toilettenschlüssel. Da werde ich Sie gleich zur Rektorin begleiten." "Schleimerin!" murmelt ihr Innen-Ich. Sie zockelt im Tempo der Müllerlein die schlecht geputzten Flure entlang. Hört während des Treppensteigens folgende, von heftigen Atemstößen unterbrochene kleine Geschichte: Frau Müllerlein war in ihre neue Schule geeilt. Keine Klasse vorgefunden, empört ins Rektorat gerauscht. Daraufhin festgestellt, dass sie im falschen Rektorat, nein, sogar in der falschen Schule sich befunden. Vor lauter Entsetzen über diese Fehlleistung sei sie nach Hause gerannt. Zu Fuß. Habe sich ins Bett verkrochen, die Decke über den Kopf gezogen. "So was", schüttelt Frau Nix staunend den Kopf. Während das Innen-Ich ironisch grinst: "Ist die komplett verblödet, oder was?" zeigt Frau Nix ihr das Lehrerzimmer. Frau Müllerlein breitet sich ohne jedes Feingefühl auf dem Platz der kranken Kollegin aus, deren Stunden sie zu vertreten hat. Schiebt deren Stifte, Papiere, Bücher, Kaffeetasse, Glücksbringer mitleidlos auf die angrenzenden Plätze. Lässt sich nieder, fragt nach Kaffee. Frau Nix schenkt ein. Ihr Innen-Ich köchelt.

2. Am nächsten Morgen geht Frau Nix schwer in Gedanken durchs Foyer. "Haben Sie vielleicht einen CD-Player für mich?" wird sie von Frau Müllerlein unterbrochen, die sich aus dem Nichts materialisiert und vor ihr aufgebaut hat. "Aber wir können doch du zueinander sagen", fügt sie dann nach einer kleinen Pause hinzu. "Ja", nickt Frau Nix zögernd. "Die blanke Anbiederei!" zürnt ihr Innen-Ich. "Hast du das nötig?" "Gern!" bekräftigt Frau Nix. "Das ist fein." Die Müllerlein blickt erfreut.

3. Mittwochs sitzt Nix in ihrer Freistunde mit Kollegen im Lehrerzimmer. Plaudernd über dies und das. Plötzlich wird die Tür aufgerissen. Frau Müllerlein bricht ein, presst ihre Hände an den Leib. "Ich habe solche Schmerzen!" Sieht Frau Nix mit weit aufgerissenen Augen an. Die fährt hoch, sagt: "Beruhige dich doch. Geh zum Arzt. Ich deichsel das schon für dich." Sie stürzt ins Rektorat, klärt die Vertretung, übernimmt eine Stunde. "Adieu schöne freie Stunde!" seufzt das Innen-Ich resigniert.

4. Am nächsten Morgen spaziert Frau Nix in heiterer Gemütslage zum Lehrerzimmer. Die Müllerlein ist schon da. Macht den Eindruck, als säße sie seit Ewigkeiten dort fest angewachsen. Sie klagt über die grausam lange Wartezeit beim Arzt. Sieht trotzdem schon wieder recht vergnügt aus. Präsentiert Frau Nix ein hübsches Unterrichtsmaterial. "Oh!" ruft diese erfreut aus. "Den Kreuzweg kann man ja wunderbar kopieren und vielleicht noch laminieren! Gleich mach ich´s!" Jaja, lamentieren, dann kopieren, laminieren, höhnt Nixens Innen-Ich. "Nur zu!"

5. "Können Sie einmal zu mir hereinschauen", ruft die Sekretärin in verzweifeltem Ton der vorbei eilenden Frau Nix zu. "Mein Computer spinnt!" "Muss nur noch schnell was kopieren", wedelt Frau Nix beruhigend mit diversen Arbeitsblättern. Um den Kopierer hat sich eine größeren Ansammlung von Lehrkräften gruppiert. Man qualmt, quasselt, ach nein, hier ist Rauchverbot. Die Nix arbeitet sich zum Gerät vor, und als sie den Knopf drückt, hört sie die Müllerlein. Die möchte sich über sie beugen. Stößt eine Wolke magenkranken Atems aus. Puh, Nix fährt zurück und hört ein beleidigtes: "Sag mal, wie war das eigentlich mit Frau Jenner?" Das Innen-Ich spricht Klartext: "Die Jenner war eine Niete. Eine verdammt faule Person. Im Klagen war sie Spitze. Hat ihren Sarg praktisch hinter sich hergezogen." "Och", murmelt Frau Nix, "Das ist ´ne komplizierte Angelegenheit gewesen." Ihr Mienenspiel bedeutet der Kollegin den allzu öffentlichen Ort für derartige Erläuterungen. Frau Müllerlein zieht sich zurück. Indigniert und düpiert.

6. Zwei alle Seinsfasern beanspruchende Stunden später hastet Frau Nix ins Lehrerzimmer. Sie sieht eine aufgeschlagene Zeitung, hinter der sich vermutlich die Müllerlein verbirgt. Und beschließt, sie nicht weiter zu stören.

7. Zu Hause sinkt Frau Nix in einen beseeligenden Nachmittagsschlaf. Aus dem nach einer Viertelstunde sie das Telefongeräusch reißt. Das Amt informiert, Frau Müllerlein habe eine offizielle Beschwerde eingereicht. Frau Nix habe sie gemobbt. Die ist platt. Sie sagt ungläubig: "Aber wir hatten nur sechs flüchtige Begegnungen." Das Innen-Ich lacht herzlich.


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00:00 03.12.2004

Ausgabe 38/2020

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