Sechs, setzen

Schule Kinder sitzen bleiben zu lassen, ist eine Strafe aus einer Welt von gestern. Es geht doch darum, ihre Potenziale und Kompetenzen zu fördern

Wer wissen will, wie sinnlos es ist, sitzen zu bleiben, der muss dieser Tage nur Josef Kraus zuhören. Und Ludwig Spaenle. Und Ulf Poschardt. Die Namen sind eigentlich unwichtig, nennen wir die Männer den Gymnasial-Funktionär, den Kultusminister und den Zeitungsmann. Sie sind so etwas wie die drei Musketiere der Sitzenbleiber-Debatte. Sie drehorgeln immerfort die alte Parole für das Durchfallen: „Kein Leben ohne Scheitern!“

Seit bald zehn Jahren geht die Sitzenbleiber-Debatte so: Zwar wird mit immer neuen, exzellenten Studien belegt, wie sinnlos und überkommen die Nichtversetzung von 250.000 Schülern jedes Jahr ist. Zwar testen viele Bundesländer bereits eine Schule ohne Klassenwiederholen, nämlich Berlin, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg. Zwar will Niedersachsen das Sitzenbleiben nun bis zur neunten Klasse sogar ganz abschaffen. Und trotzdem behält die vermeintliche Ehrenrunde ihre trotzige Fangemeinde.

Machen wir uns also einmal die Mühe und geben unseren drei Musketieren noch einmal drei Merksätze mit auf den Weg.

Erstens: Sitzenbleiben motiviert nicht, sondern demotiviert. Es demütigt. Raubt den letzten Nerv. Diejenigen, die es erlitten haben, berichten von einer großen Pein. Kein Freund mehr nirgends. Im Gegenteil. Und obendrein muss der ganze Stoff nochmal memoriert werden – und nicht etwa bloß die 5er-Fächer Mathe und Englisch. Auch die Deutschklausuren, Musikproben, De bello gallico und so weiter. Alles Wissen muss zurück auf Anfang.

Schulforscher ärgern sich, je nach Methode, über die gigantischen Kosten dieser Wiederholungsschleife. Und über ihre Sinnlosigkeit. Das Argument: Das Sitzenbleiben ist das Merkmal der alten Schule, einer Schule des Scheiterns. Es ist, wie es der Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann treffend formuliert hat, „ein institutionell definiertes Schulversagenserlebnis“. Was heißt das? Der Schüler bleibt in Wahrheit nicht sitzen, weil er schlecht ist. Sondern weil es ein hierarchisches System mit mehreren Schulformen gibt, das befüllt werden will. Schüler leiden unter diesem Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Für sie ist Sitzenbleiben, so Tillmann, „fast immer mit massiven Identitätsproblemen verbunden“.

Zweitens: Stichwort Wettbewerb. Vor allem der Zeitungsmann malt gern eine wettbewerbsfeindliche Gesellschaft an die Wand. Eine Schule ohne Sitzenbeiben nivelliere „die Anstrengungsbereitschaft nach unten“. Das ist ein großes Missverständnis. Die Anstrengung wird in der Tat umgelenkt. Aber eben nicht nach unten, sondern zum Kern eines Lernstoffs, zu ihrem Inhalt. Bisher jagten die Schüler abstrakten Noten hinterher, und im Rennen nach diesem seriös nicht messbaren Fetisch blieben nicht nur die langsameren Schüler zurück, sondern vor allem die Sache selbst. Lehrer berichten immer wieder, dass selbst sehr begabte Schüler ihre Anstrengungen zur Erkundung des Stoffes einstellen, sobald sie eine gute Note eingesackt haben.

Auch Leiter von Ausbildungs- und Entwicklungsabteilungen klagen, dass Noten, Einzelkämpfertum und Wettbewerb viel kaputt machen. Denn es geht doch eigentlich darum, ein Problem zu lösen und dabei die Potenziale der Schüler und Mitarbeiter zu entfalten. Seit mehr als zehn Jahren ist daher coopetition eines der Zauberwörter erfolgreicher Teams in der Industrie. Competition und Cooperation. Aber nicht, um den anderen aus der Bahn zu werfen, sondern um die beste Lösung zu finden. Poschardts tumbe Wettbewerbsgesellschaft, das lernt jedes Kind beim Malefiz-Spielen, verliert sich allzu gern im sinnlosen Ausschalten wichtiger Kooperationspartner.

Drittens: Der Systemwechsel ist keine Cocktailparty. Der systemische Wandel vom Sitzenbleiben zum Entfalten der Potenziale kommt nicht, wie manche Reformpädagogen uns weismachen wollen, von ganz allein. Aber er ist unvermeidbar. Jeder merkt doch, dass Disziplin und Kampfgeist nur noch für den Stammtisch taugen. Im Zeitalter der Kreativität sind Sekundärtugenden auf den wichtigsten Spielfeldern nicht mehr sehr gefragt. Berti Vogts hat nicht nur im Fußball ausgedient, das kreative Dreigestirn Messi-Iniesta-Xavi setzt den Ton. Solche erfolgreichen Unternehmen wie Apple sind längst Ideen-Konzerne, in denen Fleiß und Durchsetzungskraft auch gefragt sind. Aber viel wichtigter sind: Kreativität und Kooperation.

Und wer hält nun die alte „Blut, Schweiß und Tränen“-Mentalität der Schmerzensschule hoch? Wir sind wieder bei den drei Musketieren. Kraus, Spaenle und Poschardt kommen aus den alten Leitinstitutionen „Zeitung“ und „Klassenzimmer“. Sie sind als Dinosaurier ebenfalls akut vom Aussterben bedroht. Dem Lehrerpräsidenten Kraus und dem Kultusminister Spaenle gehen die Hauptschulen aus. Die Sitzenbleiber-Hochburg Gymnasium produziert so wenig Potenziale, dass Bayern sie im großen Stil importieren muss. Und während der Springer-Mann Poschardt in Berlin weiter die alte Scheitern-Ideologie predigt, schickt Verlagschef Mathias Döpfner die anderen Chefredakteure ins Silicon Valley. Um dort die neue Kreativität zu studieren – die im Netz, wohlgemerkt.

Christian Füller hat zuletzt über Annette Schavan und Johanna Wanka geschrieben

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 8/13 vom 21.02.20013

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