Seehofers langer Abschied

CSU Die Bilder des CSU-Vorsitzenden beim Parteitag waren eindeutig. Die Augen blitzen nicht mehr, das Ende der Macht naht langsam, aber unausweichlich
Seehofers langer Abschied
Hat ihn die Altersmilde erwischt?

Foto: DeFodi/Imago

Natürlich ist wieder einmal die Merkel schuld, heißt es. Aber dieses Mal stimmt das nicht. Zerwürfnisse zwischen CDU und CSU gibt es, seit es die Unionsparteien gibt. Jeder CDU-Kanzler wusste und weiß gleich mehrere Lieder davon zu singen. Es sind hässliche Lieder. Darum gefallen sie auch den Journalisten so gut. Umso enttäuschter waren die, als sie nun vom CSU-Parteitag berichten mussten, dass alles doch sehr still abgegangen sei. Besonders der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer habe für seine hundertminütige Rede eine außerordentlich stille Tonart gewählt. Man deutete dies als einen Beitrag zum Unionsfrieden. Das muss nicht falsch sein. Es ist aber auch nicht alles.

Unübersehbar war, dass da ein alter Mann sprach. Das ließen die Fernsehkameras mit ihren Großaufnahmen deutlich erkennen. Auch die Sprache kam bisweilen wie gebrochen herüber. Es war kein physischer Druck im Atem. Es gab an keiner Stelle ein Aufblitzen in den Augen. Und wenn etwas als besonders wichtig zu betonen war, dann klang es bittend und beschwörend.

Die Fernsehkameras enthüllten ein Weiteres. Vor Seehofer saßen die jungen Leute. Alexander Dobrindt, der wegen seines angeblichen Maut-Erfolges in Brüssel strahlte wie ein auf Hochglanz polierter Apfel. Markus Söder, der nicht strahlte aber oft aussah wie einer, der Übles sinnt. Diese wollen mich beerben, mochte Seehofer denken. Und wer noch alles?

Seehofer weiß, dass er abtreten muss. Er kann die Sache hinziehen, aber er kann sie nicht ändern. Die Jungen wissen, dass ihre Stunde kommt, vielleicht früher, als sie glauben, vielleicht auch später. Sie sind dabei, sich in Stellung zu bringen oder ihre Stellung auszubauen. Das spürt auch der Parteitag. Hier wird das Spiel „Alt gegen Jung“ gespielt. In weiten Teilen seiner Rede beschrieb Seehofer seine Rolle in diesem Spiel und blendete den Übergang, der kommen wird, verzweifelt aus. Auch das spürten die Delegierten. Das machte sie beklommen. Beklommen war der schüttere Beifall, vermutlich von schlechtem Gewissen veranlasst dann der lang anhaltende Schlussapplaus. Verdientes Lob.

Die CSU gab sich auch ein neues Programm. Überschrieben: Die Ordnung. Der Titel passt als Mahnung für das Kommende. Wird es Diadochenkämpfe geben? Dramatische Rücktritte? Demokratisch wird es beim Übergang zu wem auch immer zugehen. Gewiss. Von Adenauer wird das Wort überliefert: Demokratie ist gut, aber Ordnung muss sein. Was immer in der CSU geschehen wird – Angela Merkel ist unschuldig!

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 10.11.2016
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