Seelische Umwandlung

Phantasievoll Soya Pirzads Roman "Die Lichter lösche ich" führt in eine Parallelwelt in der iranischen Provinz

Ein Herbsttag im Zentrum der Erdölindustrie des Irans, in der Stadt Abadan. Es ist Viertel nach vier. Die 38-jährige Hausfrau Clarisse Aywasian wartet in ihrer gepflegten Wohnung auf ihre drei Kinder: die Zwillinge Armineh und Arssineh sowie den 15-jährigen Sohn Armen. Vor der Haustür tauchen aber vier Gestalten auf: ein mager und bleich aussehendes Mädchen, Emily Simonian, ist auch dabei. Die Kinder haben sie im Schulbus kennen gelernt. Emily und ihre Familie (Großmutter und Vater) sind über Nacht in der unmittelbaren Nachbarschaft der Aywasians eingezogen. Nach ein paar Monaten ziehen sie plötzlich wieder unbemerkt aus. Mit den Ereignissen, die zwischen diesem mysteriösen Auftauchen und dem übereilten Verschwinden der Familie Simonian geschehen, setzt sich die 54 Jahre alte Schriftstellerin Zoya Pirzad in ihrem Roman Die Lichter lösche ich literarisch auseinander.

Man schreibt das Jahr 1962. Die Zeitungen im Iran berichten über den unerwarteten Besuch des sowjetischen Botschafters in Abadan. Die Parlamentswahlen stehen vor der Tür und die Debatte über das "Sechs-Punkte-Programm" des Mohammed Reza Schah liefern Schlagzeilen für die Presse. Nicht alle sind von der "Weißen Revolution" des Schahs, die aus einer Bodenreform, der Beseitigung des Agrarfeudalismus und der Einführung des Frauenwahlrechts bestand, begeistert. In der ersten Reihe der Gegner kämpfen Ayatollah Khomeini und seine Anhänger. Er profiliert sich ab 1962 immer mehr als führender Kopf der Opposition und wird 1965 ins Exil nach Nadschaf in den Irak geschickt. Eine Demokratisierung findet freilich bei der "Weißen Revolution" nicht statt. Die ehrgeizigen Reformpläne des Despoten Mohammed Reza scheitern. Vor dieser politischen Kulisse spielt sich die Geschichte des Romans ab.

Die Lichter lösche ich ist aber keine politisch ambitionierte Aufarbeitungsliteratur, sondern eine Art iranische girls-meet-boys-Geschichte. Über ein kompliziertes Geflecht von (Liebes-)Beziehungen, Erinnerungen und Perspektivwechseln versucht die Hauptfigur des Romans, Clarisse, ihre Welt und den Mikrokosmos der armenischen Gemeinde in der glühenden Ölstadt Abadan, "mit ihren Fröschen und Eidechsen und all ihren toten und lebendigen Schlangen" zu schildern. Alle armenischen Frauen in diesem Roman leiden unter geradewegs ermüdender Mittelmäßigkeit. Es wird viel gekocht, getrunken, über die "Traummänner" geschwatzt und geklatscht, besonders hinter dem Rücken der "Teheraner Frauen". Nur durch die Erzählkunst der Schriftstellerin, die ihre Figuren mit viel Humor, Eleganz und atemberaubendem Tempo ausmalt, wirken sie bunt und reizvoll.

Das materiell bescheidene Niveau der Familie Aywasian fällt dabei ungemein auf. Es ist aber gewollt und politisch begründet. Denn das Herz von Clarisses Mann, Ärtosch, schlägt links. Obwohl er als Ingenieur bei der staatlichen iranischen Öl-Company sehr gut verdient, lehnt er jede Form vom Luxus ab und solidarisiert sich mit der Arbeiterklasse. Allerdings gehören die Arbeiter der Ölindustrie der sechziger Jahre im Iran selbst zur privilegierten Schicht und unterscheiden sich von ihren Genossen in anderen Branchen durch höheres Einkommen und solide soziale Absicherung.

Obgleich sich die Hauptfigur des Romans, Clarisse, weder mit der Arbeiterklasse identifiziert, noch mit den geheimnisvollen politischen Aktivitäten ihres Mannes einverstanden ist, führt sie unbeschwert ein harmonisch anmutendes, turbulentes und gut funktionierendes Leben. In der armenischen Community, die aus christlichen Schulen, Vereinen und Wohltätigkeitsverbänden besteht, wird Clarisse als engagiertes Mitglied, fürsorgliche Mutter, verantwortungsbewusste Ehefrau, pflichteifrige Tochter, gutmütige Schwester und hilfsbereite Freundin geschätzt und vorbildhaft geehrt. Sie klagt nie, verbirgt ihren Missmut und unterdrückt ihr Unbehagen. Nur der Leser darf sie beim Ringen mit ihren inneren Konflikten beobachten. Nur ihm zeigt sie durch Gespräche, die zwischen optimistischen und pessimistischen Seiten ihrer Persönlichkeit stattfinden, die offenen Wunden ihrer Seele. In diesem Klima kann die Autorin nicht nur Clarisses eigene, eigenwillige Interpretationen ihrer Lebensumstände offen legen, sondern auch ihre Zuneigung zum neuen Nachbarn, Emil Simonian, nachvollziehbar machen.

Emil ist das Gegenbild ihres dick gewordenen, unaufmerksamen und egoistisch veranlagten Mannes, mit dem sie seit 17 Jahren verheiratet ist. Emil Simonian ist achtungsvoll, poetisch disponiert, kocht gerne und hilft Clarisse in jeder Hinsicht. Vor Aufregung pocht ihr Herz stets in seiner Anwesenheit. "Ist es der Anfang einer Liebe oder einer Liebesaffäre?"

Es ist jedenfalls der Anfang einer seelischen Umwandlung, die Clarisse ermutigt, nach 17 Jahren mit ihrem Mann Klartext zu reden. Sie erfährt, dass aus ihrer Garage politische Flugblätter gegen das Regime verteilt werden. Bebend und schreiend klagt sie: "Immer habe ich nach deiner Pfeife getanzt. Im Braim-Viertel leben nur die Bourgeois, na gut. Was brauchen wir einen schicken neuen Wagen, na gut. Ich habe Gäste, na gut. Ich mag Schach, na gut ... Wenn dir die Politik so am Herzen lag und liegt, hast du umsonst geheiratet. Hast du umsonst Kinder in die Welt gesetzt. Wenn sie das Haus durchsucht hätten, was wäre dann aus mir und den Kindern geworden? Wozu rackere ich mich von früh bis spät für dich und die Kinder ab? Damit du tun kannst, was dir gefällt? .... Den Helden spielen kannst, während die Kinder mich zur Verzweiflung treiben, so dass ich keine Zeit für mich selbst habe... und keiner auch nur einmal sagt: ›Du bist müde‹". Unermüdlich will Clarisse ihre Hasstirade fortsetzen, muss aber mit offenem Mund aufhören. Denn der Hausherr Ärtosch öffnet wortlos den Deckel der Zuckerdose und schüttet den Zucker überall in der Küche aus. Er fühlt sich unfair behandelt. Schließlich hat er zuweilen gefragt, ob er die Lichter löschen soll, bevor er nach der Zeitungslektüre ins Bett gehen wollte!

Dass der humorvolle Roman Die Lichter lösche ich nach dem Erscheinen 2001 im Iran als Bestseller mehrfach ausgezeichnet wurde, liegt vor allem an der Originalität des Themas und dessen virtuoser (Frauen)Perspektive. Dieses Milieu, das neben der iranischen Mehrheitsgesellschaft wie eine "Parallelwelt" nach eigenen Gesetzen funktionierte, wurde im Literaturbetrieb dieses Landes bislang nie als eigenständiger Stoff für eine Familiengeschichte ausgelotet. Die 54-jährige armenisch-iranische Schriftstellerin Soya Pirzad widmet sich mit ihrem wunderbar heiteren Roman diesem eigentümlichen Thema auf einprägsame Weise. Das gilt auch für die Real- und Phantasiewelt ihrer Frauenfiguren, die sie respektvoll zu Wort kommen lässt. Die Einzige, die vielleicht zu kurz kommt, ist die Ich-Erzählerin selbst. Das stellt Clarisse am Ende des Buches fest, als sie sich, nach dem unverhofften Verschwinden der Familie Simonian an jenem Herbsttag erinnert.

Zoya Pirzad: Die Lichter lösche ich. Aus dem Persischen von Susanne Baghestani. Insel, Frankfurt am Main 2006, 303 S., 22,90 EUR


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00:00 17.03.2006

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