Sehen, Sagen, Gehen

Weder-Noch Die Wege Samuel Becketts

Samuel Beckett war zeitlebens ein Geher; schon in jüngsten Jahren begeisterte sich der vor 100 Jahren, am 13. April 1906 in Dublin Geborene, dafür, an der Seite seines bewegungssüchtigen Vaters über die kahlen Buckel der Wicklow-Berge südlich von Dublin zu wandern, und noch im Alter konnte er stundenlang durch Paris laufen. Wenn er zu Inszenierungen seiner Stücke in Berlin war, spazierte er in seiner freien Zeit allein durch die Straßen und begeisterte sich, wie er sagte, an den "Lücken zwischen den Häusern".

All das wäre kaum der Rede wert, gäbe es nicht auch in Becketts zur Erstarrung neigendem Werk überall Straßen, Wege und Pfade, die die Figuren entlang schlurfen, ohne wirklich an irgendein Ziel zu geraten, oder wo sie auf etwas warten, das nie kommt. Was es mit den Wegen Becketts auf sich hat, beginnt uns zu dämmern, wenn wir seinen kurzen Text weder noch aus dem Jahr 1976 ganz genau lesen, einen Text, den Beckett selbst als die Essenz seines Daseins bezeichnet hat. Die Textstimme irrt unablässig hin und her zwischen zwei Türen, die "beim Nähern sacht sich schließen, beim Abwenden sacht wieder sich öffnen"; das Ich sehnt sich danach, durch eine dieser Türen treten zu können, "ungeachtet des Wegs", auf dem es zwischen diesen Türen pendelt. Am Ende aber wird gerade dieser "Weg", das "unbedachte weder noch", zum "unsprechbaren Zuhause". Die Textstimme bleibt immer in Bewegung, by way of neither, wie es im Original heißt: eigentlich müsste man das als "auf dem Wege des weder noch" übersetzen, wenn das nicht so umständlich klänge (auch beim Übersetzen Becketts gibt es zwar Wege zum Ziel, das Ziel ist freilich oft unerreichbar).

Solche Weder-Noch-Wege finden sich, wenn man genau hinschaut, sehr häufig in Becketts Werk, oft bezeichnet durch einen virtuos-unaufdringlichen Gebrauch der englischen Vokabeln way (Weg), always (immer) und away (fort oder hinweg). Becketts Wege setzen sich auf immer fort, sie führen fort von etwas und nur selten zu etwas hin. Becketts Weder-Noch-Weg ist der Weg seiner Kunst, ein Weg der unablässigen Erneuerung durch unablässige Wiederholung. Wer auf einem dieser Wege ist, ist ständig unterwegs, ohne je an einen anderen Ort zu gelangen, die Figuren treten auf der Stelle. Alle Wege - das englische always deutet es an - sind immer gleich, sie sind tatsächlich unendlich. Zwar beschäftigen sich Becketts Texte häufig mit dem Prozess des Endens, doch das Ende tritt eigentlich nie ein. Wer Beckett seiner offensichtlichen Hoffnungslosigkeit wegen kritisiert, übersieht dies meistens; tatsächlich beginnt zwar für Beckett der Prozess des Endens gleichsam mit der Geburt, aber dieser Prozess dauert doch sozusagen unendlich an - solange etwas endet, ist es noch nicht zu Ende.

In einigen Texten Becketts geht es um die Hoffnung auf einen Ausweg; Auswege sind die hoffnungsfreudigsten aller Wege. Freilich werden auch sie nie erreicht, und dies hält die Hoffnung am Leben. Becketts Figuren und Stimmen überlisten sich deswegen gern selbst, indem sie die Wahrscheinlichkeit, dass der Ausweg gefunden werden kann, verringern: je länger der Ausweg außer Reichweite bleibt, desto länger lässt sich hoffen, dass es ihn gibt. Also ziehen sich Becketts Wege (vielleicht nicht räumlich, doch zumindest zeitlich) in die Länge, und ein Fünkchen Hoffnung bleibt immer.

Becketts Weder-Noch-Wege sind gleichzeitig immer-Wege. Bisweilen träumen Becketts Stimmen (etwa in Um abermals zu enden) von einem paradoxen "Weg durch einen Raum ohne hier, ohne da, wo alle Schritte der Welt sich nie irgend etwas nähern, sich nie von irgend etwas entfernen." Andererseits lesen wir in Gesellschaft von einem Weg, der "immer der gleiche ist", dass dieser nun ohne den geliebten Vater begangen wird, der früher dabei war: "Tag für Tag. Den gleichen Weg. Als gebe es keinen anderen mehr. Für dich gibt es keinen anderen mehr." Wenn aber etwas nicht mehr ist, wie es früher war, muss sich etwas geändert haben, und es stimmt nicht, dass der Weg "immer der gleiche ist"; dieses Immergleiche war nicht immer schon da - tatsächlich sind Becketts Immer-Zustände so angelegt, dass sie irgendwann einmal begonnen haben und irgendwann enden werden (oder zumindest enden können). Ist das ein logischer Widerspruch? Sicher ist es das; allerdings schrieb Beckett ja keine logischen Abhandlungen, sondern hochkonzentrierte Kunstwerke, in denen möglich wird, was anderswo nicht existiert.

Einen Text, an dem Beckett 1981 arbeitete, ohne ihn je zur Veröffentlichung freizugeben, überschrieb er Der Weg. Beschrieben wird darin ein Fußpfad in Form einer Acht (oder des mathematischen Unendlichkeitssymbols), der einen Hang hinauf- und wieder hinabläuft, sich dabei selbst kreuzend. Durch die präzise Beschreibung dieses Wegs kann Beckett darlegen, dass scheinbar widersprüchliche Dinge in der Tat in eins fallen können: Eine Einbahnstraße kann, wenn sie in dieser Acht-Form verläuft, wieder zum Ursprung führen; ein Vor kann ein Zurück sein; ein Weg ohne Ende kann (am Kreuzweg) sich selbst treffen. Was auch heißt: das System ist geschlossen.

Die ausgefeiltesten Fassungen von Becketts Weg stammen aus den siebziger Jahren, als Beckett mit abstrakten Formen der Wahrnehmung und des Sprechens experimentierte. In den Texten dieser Zeit lässt sich eine Trias aus drei wichtigen Elementen finden: Auge, Stimme, Weg - oder anders ausgedrückt: Sehen, Sagen und Gehen. Diese drei Elemente lassen sich mit einer anderen Trias verbinden, die Becketts Gesamtwerk zugrunde liegt, nämlich dem Dreischritt aus Perzeption, Expression und Imagination. Perzeption und Expression bilden eine der charakteristischen Binärpaarungen, von denen es in Becketts Werk geradezu wimmelt; meist sind die Figuren und Textstimmen Becketts zwischen solchen Binärpaaren gefangen, und zwar besonders dann, wenn es sich um Gegensatzpaare handelt.

Einem Denkmodell zufolge, das Beckett früh bei Giordano Bruno fand, sind Gegensätze identisch, und deswegen gibt es keinen Ausweg aus dem Gefängnis, das sie bilden. Die beiden sich öffnenden und schließenden Türen, zwischen denen das Text-Ich von weder noch unablässig hin- und herpendelt, bildet ein solches Binärpaar ohne Ausweg. Wo es aber keinen Ausweg gibt, gibt es zumindest einen Weg dazwischen, einen Weg des endlosen Hin und Her, mit dem ein Zwischenraum geschaffen wird, der den zwei Polen etwas Drittes abringt. Dieser Weg führt zu nichts und ändert nichts, und das könnte man als Hoffnungslosigkeit begreifen; wer sich dazu aufrafft, diesen Zwischenweg immer weiter zu beschreiten, behält jedoch zumindest einen Rest von Hoffnung.

Solange Becketts Figuren in Bewegung bleiben und sei diese Bewegung auch durch die Mauern eines geschlossenen Raums begrenzt, solange sind sie auch in der Lage, sich zumindest vorübergehend an einen anderen Ort zu versetzen - imaginierend oder in ihren Träumen. Selbst da, wo es keinen Ausweg gibt, lässt sich also noch das Weite suchen und vielleicht finden; selbst da, wo ein endloses Immergleich (das große Always) herrscht, sind die Weder-Noch-Wege noch möglich.

Künstlerische weder-noch-Wege sind das, wonach Beckett noch in den ausweglosesten Situationen strebt. Angesichts der Grenzen, die ihm und seinen Textstimmen immer wieder von starren Schwarzweiß-Paarungen gesetzt wird, sucht er sich dritte Wege zu eröffnen und in neue Räume vorzudringen. Mit anderen Worten: Beckett ist immer dabei, neue Wege zu finden, Wege aus der Erstarrung, Wege zur Überwindung aller Begrenzungen, Lücken in den Festlegungen der Welt.

Und dies ist keineswegs nur eine abstrakte Denkfigur, sondern eine Methode, im Angesicht von Fesseln und Grenzen weiter mit der Welt umgehen zu können. Becketts Figuren befinden sich an Orten und in Situationen, die eigentlich keine Möglichkeiten mehr zulassen, und doch versuchen sie das Unmögliche und halten aus - so etwa die Stimme des Romans Der Namenlose, die am Ende fast heroisch erkennt: "man muß weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muß weitermachen, ich werde also weitermachen". Dieses Weitermachen ist ganz entschieden eine Weitergehen: es geht (und Becketts Figuren gehen) weiter, im übertragenen wie im ganz konkreten Sinne. Noch Becketts allerletzter Prosatext, Immer noch nicht mehr von 1988, entspringt dem Impuls, in einer erstarrten Welt einen neuen Weg zu beschreiten: "Eines Nachts als er den Kopf auf den Händen am Tisch saß sah er sich aufstehen und gehen."

Wer hier bei aller niederdrückenden Schwere immer noch aufstehen und weitergehen will, das ist nicht zuletzt Samuel Beckett selbst. Seit dem Abschluß seiner grandiosen Romantrilogie Molloy / Malone stirbt / Der Namenlose zu Beginn der fünfziger Jahre, hat er fast unablässig davon gesprochen, er könne nicht mehr schreiben, wisse nichts mehr zu sagen, habe "nichts mehr im Kopf außer falschen Zähnen" - und dennoch hat er sich in den verbleibenden vier Jahrzehnten immer wieder etwas Neues abgerungen, am Ende jedes Wegs immer wieder einen Impuls zum Weitergehen gefunden - stillzuhalten vermochte seine Schreibhand ebenso wenig wie es die Füße vermochten. Im Grunde entspringt sogar Becketts gesamtes Werk dem Entschluss, da weiterzugehen, wo ein Weg erschöpft scheint. Angefangen hat er in den späten zwanziger Jahren als Schützling des Alleskönners James Joyce, musste aber rasch einsehen, dass Joyce schon das Ende eines Wegs erreicht hatte und es von dort kein Weiter geben konnte: "Ich erkannte, daß Joyce, so weit es eben geht, vorgedrungen ist in Richtung des Mehr-Wissens, der Beherrschung des Materials" - folglich macht sich Beckett ganz bewusst in die andere Richtung auf, beschreitet den entgegengesetzten Weg, den der bewussten Verarmung. Seitdem hat Beckett sich planmäßig alle Wege, alle Möglichkeiten verbaut und sich dadurch gezwungen, in der Konzentration auf den ganz eigenen Ort durchzuhalten, grandios scheiternd zwar, doch ohne jemals aufzugeben. Die Wege Becketts sind unerschöpflich.


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00:00 14.04.2006

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