Sehen und gesehen werden

Placemaking Privatisierung ist nicht der einzige Feind der Öffentlichkeit

Nicht nur im Architekturdiskurs, auch kommunalpolitisch ist in letzter Zeit viel vom Wert des öffentlichen Raums die Rede. Dabei wird die Erwartung geprägt von den Piazzas und Plätzen, die man aus Italien oder Spanien kennt: Klare räumliche Fassung, erkennbar historisch und gewachsen, immer etwas los, das Wetter stets warm und sonnig. Allein, die Wirklichkeit sieht anderes aus. Weshalb es nur folgerichtig ist, auch die Grauzonen dieser Wahrnehmung ins Visier zu nehmen.

Man hat uns vorhergesagt, dass die Menschen in Zukunft vorwiegend vor Bildschirmen und unter Datenhelmen hocken, um sich in einer bloß virtuellen Realität, auf Daten-Autobahnen und im Cyberspace, nicht mehr körperlich, sondern nur noch fiktiv zu tummeln. Nun, diese Prophezeiung hat sich bislang als wenig tragfähig erwiesen. Denn nicht nur Ansprachen, Konzerte und Festivitäten finden noch draußen statt. Auch bestimmte Ansprüche auf öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung verlangen geradezu nach auffälliger Kundgabe im öffentlichen Raum - durch Demonstrationen, Streikversammlungen, Umzüge oder Ausstellungen. Der öffentliche Raum ist nach wie vor eine Bühne, auf der gesellschaftliche Konflikte artikuliert und vorgetragen werden sowie ein Ort von Selbstdarstellung und Inszenierung. Das hat handfeste Gründe: Wir leben in einer institutionell hochgradig verregelten Welt - einer Welt, die so mit Vorschriften, Normen, Richtsätzen, Geboten und Verboten zugestellt ist, dass Straße und Platz fast die einzigen Orte sind, die jedermann zur Verfügung stehen, um sich (mehr oder weniger) außerhalb dieses Regelwerks zu verhalten und zu äußern. Das Zurschaustellen von Luxus und Extravaganz gehört genauso dazu wie Bekenntnisse zu einer vom Mainstream abweichenden Lebensweise, ob als Skinhead oder Hippie. Im städtischen Raum befriedigt man das Bedürfnis, zu sehen und gesehen zu werden. Und der Konsumgüterindustrie und Gastronomie ist´s natürlich auch ganz recht so.

Der innerstädtische Einzelhandel verlagert sich derweilen zunehmend in Passagen; Erlebnisräume werden "künstlich" geschaffen; Freizeitgestaltungen in abgekapselte Binnenwelten transponiert, Bahnhöfe mutieren zu Shopping-Centern. Privatgebäude verleiben sich öffentlichen Raum ein und werden zu Miniaturstädten eigenen Rechts. Der Charakter öffentlicher Räume und die urbane Vielfalt werden, so hat man häufig postuliert, durch privates Hausrecht letztlich in Frage gestellt. Aber: ist das wirklich ausschlaggebend? Ist nicht vielmehr entscheidend, wie ein Raum genutzt und empfunden wird? Denn auch wenn ein Raum de jure öffentlich ist, kann die gefühlte Öffentlichkeit schwach entwickelt sein, auf Parkplätzen etwa. Umgekehrt kann ein - rechtlich gesehen - privater Raum höchst urbane Gefühle erzeugen. Im gelebten Alltag mag der Streit zwischen Hundehaltern und Familien mit Kleinkindern um die Hoheit über Spielplätze oder Ballwiesen prägender sein für das Verhältnis eines Städters zur Stadt als alle Renommierprojekte der Innenstadt. Daraus muss man folgern: Raum-Aneignung setzt eine gewisse Vertrautheit mit dem Ort voraus. Sie erzeugt Sicherheit. Man kann Verhalten vorhersehen und hat in gewisser Hinsicht Anspruch darauf, dass sich der andere entsprechend verhält. Auch Sicherheit spielt eine Rolle. Zwar ist Unsicherheit meist eine subjektiv empfundene, nicht eine objektiv vorhandene. Aber es braucht konzeptionelle Antworten auf das offenkundige Unsicherheitsempfinden in öffentlichen Räumen, aber andere als die verstärke Präsenz von privaten Ordnungsdiensten oder Videoüberwachungen.

Wenn der "öffentliche Raum" bedroht ist, dann liegt die Bedrohung nicht allein in Privatisierung oder Vandalismus, sondern auch in seiner ästhetischen Funktionalisierung und Überinstrumentierung. Private Malls und Einkaufsgalerien geben hinsichtlich Ausstattung, Materialien und Pflege heute einen Standard vor, dem man für den öffentlichen Raum zu folgen sucht. Was zunächst positiv klingt, birgt die Gefahr, dass der "wirkliche" öffentliche Raum seine Funktion verliert. Denn dieser kann mit den privatisierten Bereichen - ob seiner schieren Menge - nicht konkurrieren: Es sinkt das Interesse, sich in ihm aufzuhalten; er verliert als Kommunikationsraum an Bedeutung, wird schleichend hässlich und unattraktiv, verkommt zum Rückzugsort für ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen. Diese Entwicklungen schaukeln sich gegenseitig auf. Je unattraktiver der klassische Stadtraum wird, desto eher wird er gemieden, desto größer wird die Nachfrage nach geschützten oder inszeniert-öffentlichen Räumen. Dieser graduellen Entwertung des klassischen Stadtraums scheint man auf kommunaler Seite nun mit einer obsessiven Gestaltung auffangen zu wollen. Nur so erklärt sich die zunehmende "Verkunstung" von öffentlichem Raum, und zwar stets im Stadtzentrum. Modische Aufkantungen, das Spiel mit Pflastertexturen, Stahlskulpturen und Wasserspiele - können zwar ein erfreulicher Anblick sein, aber nur dort, wo sie nicht in der Überzahl auftreten und die Möglichkeit, sich frei zu bewegen wieder zunichte machen.

Im übrigen scheint hier der Blick auf den größeren Zusammenhang angebracht: Einer Stadt, die noch keine Marke ist, die noch kein "Branding" hat, fällt es schwer, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Image und Ruf bekommen so einen bedeutenden Anteil an ihrer strategischen Konkurrenzfähigkeit. Das Stadtmarketing geht immer häufiger den Weg zur "Ereigniskultur". In der breiten Palette dieser temporären Ereignisse hat die Inszenierung der öffentlichen Räume inzwischen einen festen Platz. Fatal ist, dass sich viele Städte mehr auf die Emotionen konzentrieren, die die Kunden mit dem "Produkt" verbinden, als auf dessen Qualität. Da alle Orte mit ununterscheidbaren Massenprodukten überschwemmt werden, versuchen Städte, gleichsam sich selbst zu individualisieren - aber eben alle auf die gleiche Weise, in bewährten Schablonen. Hauptsache, damit wird ein bestimmter Lifestyle befördert oder ein - wahlweise cooles, vorzugsweise behagliches - Image propagiert. Gestylte Sitzgelegenheiten und Kioske, ausgreifende Wasserspiele und opulente Plastiken reüssieren.

Der öffentliche Raum ist weiterhin eine Vermittlungsinstanz, die auf Konventionen fußt und diese braucht. Was auf Straßen und Plätzen passiert, sagt etwas über unseren gegenseitigen Umgang - hier sind wir nicht "allein", können nicht selbst entscheiden, was wir sehen wollen, tun dürfen, was passieren kann, sondern wir teilen uns diesen Raum und diese Entscheidungen mit anderen. Und müssen auch aushalten, dass wir an diesen Orten selber öffentlich sind. Wie weit aber ist es mit einem solchen Anspruch noch her, wenn der Ruf nach repressiven Interventionen der Polizei - gegen auffällige Personengruppen im Straßenraum, Alkohol- und Drogenmissbrauch, aggressive Bettelei und Graffitimalereien - lauter wird? Dies bedeutet doch nichts anderes, als dass die Überwachung urbaner öffentlicher Räume durch formale Instanzen der sozialen Kontrolle übernommen werden soll, weil die informellen sozialräumlichen Strukturen dazu kaum noch in der Lage sind.

Unlängst hat der renommierte Soziologe Lord Ralf Dahrendorf in einem Interview erläutert, dass er die "englische Lösung" als die einzige gelungene für Integration empfinde: "Man akzeptiert Parallelgesellschaften, aber der öffentliche Raum wird bestimmt durch Regeln, an die sich alle zu halten haben. Selbst in Extremfällen, wenn etwa eine Bombe in der U-Bahn explodiert, hilft die Muslimin dem orthodoxen Juden. Aber zu Hause leben alle nicht nur in verschiedenen, sondern zum Teil feindseligen Welten."

Dass der öffentliche Raum in England von Überwachungskameras gleichsam überschwemmt sei, hänge damit zusammen, dass alle diese Kameras berechtigt finden, gerade weil der öffentliche Raum auf der Basis allgemein gültiger - und akzeptierter - Konventionen funktioniere. Sobald man das Haus verlasse, unterliege man ihnen und sei eine öffentliche Person. In Deutschland hingegen existiere keine wirkliche Idee von öffentlichem Raum: "Die Deutschen betrachten ihn ja als Privatsache, in dem sie möglichst in Ruhe gelassen und schon gar nicht kontrolliert werden wollen. Hauptsache, keiner nimmt einem die Flasche Bier ab."

Die eigentliche Aufgabe des öffentlichen Raums liegt darin, die Verhaltensregulierung und die urbane Öffentlichkeit wieder funktional miteinander zu verbinden. Obgleich - oder gerade weil - man sehen muss, dass es keineswegs mehr einen einheitlichen Standard des Verhaltens im öffentlichen Raum gibt, wäre das Verhältnis von individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung in eine Balance zu bringen.

Der französische Ethnologe Marc Augé hat von einer Verwandlung von Orten in "Nicht-Orte" gesprochen. Nicht-Orte sind Räume, die den Verlust von Ortsqualitäten an und durch sich selbst zum Ausdruck bringen. Es sind Orte ohne Eigenschaften. Sie sind überall gleich oder man könnte sagen, ihre Verschiedenheit ist nurmehr äußerlich. Diese Nicht-Orte liegen vorzugsweise in der Peripherie, an Autobahnabfahrten, Ausfallstraßen, Flughäfen. Gerade an solche Orte hat sich beispielsweise die Techno-Szene gern begeben. Als Untergrundbewegung reklamierte sie eine eigene Öffentlichkeit. Sie spürte Niemandsländer auf, die semantisch unbelastet sind: Durchgangsräume, Brachen, Autobahnunterführungen, aufgelassene Industrieareale - Orte des Nichts. Offensichtlich gibt es neue Aneignungsformen, die nicht einen öffentlichen Ort besetzt, sondern ein Niemandsland in einen öffentlichen Ort verwandelt, und sei es temporär. Attraktiv sind solche Orte vermutlich, weil sie nichts und niemand repräsentieren, keine Macht und keinen Besitz. Unsere Gesellschaft splittet sich in unübersichtliche Teilöffentlichkeiten, die sich immer weniger über Politik, Diskurse, Bildung oder Soziales, dafür immer mehr über Bilder und Rituale, Moden, Konsumverhalten, Lifestyles, Sport und Musik definieren. Aber auch diese Gruppen "brauchen" ihr Territorium. Sie suchen bestimmte Räume auf, artikulieren in ihnen ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, prägen sie mit ihren Zeichen-, Symbol und Repräsentationssystem.

Solche Überlegungen mögen den Bedürfnissen der Mittelklasse nach Eigenheim, Einkaufscenter und einem angeblich "naturnahen" Umfeld kaum entgegen kommen. Es ist ja keine Polemik, wenn man konstatiert, dass die meisten Deutschen auf Theater, Konzert und Qualitätskino verzichten können. Urbanes Flair geniesst man zwar gerne mal. Aber den Unwägbarkeiten des öffentlichen Raums - die Konfrontation mit Fremden, die Anonymität, die Unsicherheit, wie man sich verhalten soll - setzt man sich nur ungern aus. Weil das der Gesellschaft als Ganzes nicht frommt, ist Vorsicht geboten, wenn nun ausgewählte zentrale Plätze als "gute Stube" der Stadt betrachtet und entsprechend herausgeputzt werden. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass plakative Versprechen von Öffentlichkeit einen Ort zur touristischen Sonntagsöffentlichkeit verurteilen. Was aber haben wir - als Stadtbürger - davon?

Robert Kaltenbrunner, Jahrgang 1960, Architekt und Stadtplaner, Leiter der Abteilung "Bauen, Wohnen, Architektur" des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung in Bonn und Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen zu verschiedenen Themen des Planen und Bauens.

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