Sehnsucht nach der Stille

Phantomschmerz im Ohr Tinnitus ist eine gefürchtete Zivilisationserscheinung, es gibt keine Hoffnung auf absolute Heilung

Meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort, ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu", schrieb der von Ohrgeräuschen geplagte Ludwig van Beethoven zu Beginn seines Gehörleidens um 1801. Die quälenden Töne sollten den Komponisten aber noch lange zur Verzweiflung treiben, denn er starb erst 26 Jahre später in völliger Taubheit. Zu Beethovens Lebzeiten hatte das Phänomen noch keinen Namen, inzwischen fand die Medizin einen Fachausdruck für subjektive akustische Empfindungen wie Brummen, Rauschen oder Klingeln im Ohr: sie nennt es Tinnitus.

Heutzutage ist fast jeder einmal vorübergehend davon betroffen. Allein hierzulande berichtet nahezu ein Viertel der Bevölkerung, also rund 20 Millionen Menschen, über Tinnitus aus eigener Erfahrung. Fast drei Millionen sehen sich gegenwärtig mit einem andauernden Tinnitusgeräusch konfrontiert, jährlich kommen schätzungsweise 250.000 Menschen hinzu. Eine Volkskrankheit wie Diabetes, so scheint es.

Doch Tinnitus gilt nicht als Krankheit, sondern lediglich als Symptom, das unterschiedliche Ursachen hat und sehr ernst genommen werden muss, weil es immer auch ein Warnsignal ist: Es teilt dem Betroffenen mit, dass er sich übernommen hat, und zwar im körperlichen und - was in der Hektik des heutigen Alltags noch häufiger geschieht - im seelischen Bereich. Der Lärm der Seele verschafft sich Ausdruck.

Der Feind in meinem Bett


Unmittelbar nach der Geburt ihres dritten Kindes zog sich die heute 32-jährige Petra B. eine schwere Erkältung zu und erlitt einen Hörsturz. Erst war sie auf einem Ohr taub, dann vernahm sie einen ununterbrochenen Piepton, wie bei einem Fernseher, der einmal sehr leise ist, dann plötzlich laut aufdreht. Die Patientin lief "wie panisch durch die Gegend, in einem neurotischen Teufelskreis".

Typisch für Menschen mit Tinnitus begann auch bei Petra B. die übliche Ärzte-Odyssee: Erst konsultierte sie ihren ratlosen Hausarzt, der sie zum Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten überwies. Dort erhielt sie zur besseren Durchblutung des Ohres die Standard-Infusionstherapie mit blutverdünnenden Mitteln. Als auch das nicht half, wurde sie zum Orthopäden geschickt, der Chiropraktik und Krankengymnastik verordnete. Gleichzeitig ließ sich die Patientin beim Zahnarzt das Gebiss gründlich sanieren und erhielt eine Beißschiene. Neben den ärztlichen Therapiestationen investierte Petra B. viel Geld in bioenergetische Maßnahmen, Blutegel-Anwendungen, eine Körper- sowie die Tomasa-Therapie mit klassischer Musik zur Ablenkung. Danach wollte sie ihren Leidensdruck nicht länger "institutionalisieren".

Mitunter machen völlig verzweifelte Tinnitus-Betroffene unglaubliche Patientenkarrieren. Manche geben zugunsten des Ärztetourismus den Beruf auf oder sind ohnehin arbeitsunfähig und reisen quer durch die Republik und über die Grenzen zu einem viel versprechenden Wunderheiler. Die Gepeinigten fühlen sich von den Organmedizinern häufig mangelhaft und unsensibel beraten, vor allem aber: überhaupt nicht verstanden.

Bei Petra B. war das nicht anders. Das Ärztehopping brachte nichts, ihr ständiger Begleiter wollte nicht aus dem Ohr verschwinden, aber niemand konnte ihr den Ton abnehmen, der mittlerweile ihr ganzes Leben beeinflusste. Am schlimmsten war es nachts im Bett: die Stille war eine Katastrophe. Das omnipräsente Geräusch machte der jungen Frau Angst und ließ sie nicht mehr schlafen, sie befand sich in "permanenter Lauerstellung". Erst als Petra B. eine Ausbildung zur Heilpraktikerin absolvierte und sich ganzheitlich mit "ihrem" Tinnitus auseinander setzte, lernte sie, "ihn anzunehmen als einen Teil von mir". Schließlich ging sie entspannter damit um, vergaß den Fernseher im Kopf immer häufiger - und dann war der Ton weg, endlich, nach drei Jahren. Gewissermaßen ist Petra B. eine Ausnahmeerscheinung, denn nur etwa drei bis fünf Prozent ihrer Leidensgenossen werden den Tinnitus wieder los.

Ich höre was, was du nicht hörst

Auch wenn Tinnitus im engeren Sinne keine Krankheit ist, so kann er doch den Charakter einer solchen annehmen. Gut 80 Prozent der Betroffenen leiden nicht unter ihrem Tinnitus, bei den übrigen 20 Prozent sind die Beschreibungen zum Teil unerträglich. Allein schon wenn das "Ohrensausen" mit einem Hörverlust einhergeht, wird das Leben des Patienten massiv beeinträchtigt und ist psychischen Belastungen ausgesetzt.

Früher wurden Ohrgeräusche als eingebildete Krankheit betrachtet, was die Qualen zusätzlich erschwerte. Heute geraten trotz der Therapiemöglichkeiten manche Patienten in die Isolation, weil sie mit ihrem Problem maßlos überfordert sind. Der Philosoph Immanuel Kant wusste: "Nicht Sehen trennt den Menschen von den Dingen. Nicht Hören trennt den Menschen von den Menschen".

Nicht auszudenken, wie sich ein Mensch fühlen muss, der neben der Schwerhörigkeit auch noch Geräusche wahrnimmt, die außer ihm niemand registriert. Die chronischen akustischen Störsignale können bei manchen der ohnehin oft sensibleren Patienten das Gefühl von Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung bis hin zur Suizidgefahr steigern. Dann ist dringend Handlungsbedarf gegeben, vor allem braucht der Tinnitus-Patient eine Bezugsperson, die ihm Mut macht, das Pfeifen oder Brummen im Ohr nicht als unüberwindbares Schicksal zu betrachten. Das "Phantom Tinnitus" muss nicht einfach hingenommen, es kann bekämpft werden.

Im Grunde hat jeder Mensch Ohrgeräusche, eine so genannte "Tinnitusbereitschaft". Bei den meisten ist das Gehirn allerdings in der Lage, 70 Prozent der ständig vorhandenen Schallquellen wegzufiltern. Bei anderen gelingt das nicht, dabei ist Tinnitus mit Werten um zehn Dezibel ein sehr leises Geräusch, nicht lauter als der Aufprall eines trockenen Laubblattes auf dem Boden. Selbst das eigene Schluckgeräusch ist mit 30 Dezibel schon dreimal stärker, wird aber meistens nicht bewusst wahrgenommen.

Doch der Tinnitus-Patient meint, ein ICE rase mit 240 Stundenkilometern durch seinen Kopf. Verantwortlich für diesen Effekt ist eine Reaktionskette zwischen Wahrnehmung, Emotion und Aufmerksamkeit, die vom Betroffenen praktisch selbst gesteuert wird. Je mehr man sich mit dem Tinnitus beschäftigt, desto schlimmer wird er.

Bei Naturvölkern sind Schwerhörigkeit im Alter und Tinnitus unbekannt, in unserer zivilen "Lärmgesellschaft" gehören sie zum Alltag. Tinnitus ist eine der häufigsten Diagnosen, die in einer HNO-ärztlichen Praxis gestellt wird. Dabei kannten schon die alten Ägypter das Lärmen im Ohr, die ältesten überlieferten Schriften zu Tinnitus stammen aus der Zeit der Pharaonen und sind gut 3.500 Jahre alt. Mehr als 20 Verordnungen sind aus Babylonien bekannt. Umfangreiche medizinische Berichte stammen auch aus Indien, Arabien, Griechenland und Rom. Paracelsus war um 1500 der Erste, der beschrieb, dass Lärm - "das Donnern der Büchsen" - Tinnitus verursachen kann.

Im 21. Jahrhundert liefern neue wissenschaftliche Modelle ein klareres Bild zur Tinnitus-Entstehung. Erstmals konnten organisatorische Veränderungen im Gehirn Betroffener nachgewiesen werden. Vieles deutet darauf hin, dass der Tinnitus eine Art Phantomschmerz des Gehörsinns ist.

Keine absolute Heilung

Die Spezialisten sind sich einig: Aufgrund vielfältiger Ursachen gibt es kein allgemeingültiges Patentrezept gegen Tinnitus. Behandlungsangebote für den "chronisch-komplexen Tinnitus" gibt es viele, doch nur selten ist ihre Wirksamkeit hinreichend wissenschaftlich erwiesen. Die Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass eine intensive Tinnitus-Aufklärung eines der wichtigsten Therapieelemente darstellt, um das komplexe Phänomen Tinnitus zu verstehen und dadurch zu einer deutlichen Reduzierung des Leidensdruckes beizutragen.

Das geschieht in der ganzheitlichen Tinnitus-Retraining-Therapie, wie sie beispielsweise in Tinnitus-Zentren praktiziert wird. In der ambulanten Therapie wird der Patient von einem interdisziplinären Team, bestehend aus HNO-Arzt, Psychologe und Akustiker, behandelt. Das Counceling ist Sache des Mediziners, der dann den Psychologen und den Techniker einbindet. Vom Akustiker wird der Patient in der Retraining-Therapie mit einem Rauschgerät versorgt, das aussieht wie ein Hörgerät und ein Rauschspektrum abgibt, das einer Simulation von Naturgeräuschen ähnelt wie etwa Meeresrauschen. Das Gerät wird sehr leise eingestellt und soll den Tinnitus-Patienten ablenken und entspannen. Die Erfolgsquote liegt bei 80 Prozent.

Durch die Gewöhnung an den Tinnitus fühlt sich der Patient entspannter und weniger belastet, in verstänndisvoller Aufklärungsarbeit und mit Hilfe flankierender Entspannungsübungen wird Angst und Stress abgebaut. Das Wichtigste aber in der Retraining-Therapie ist die aktive Mitarbeit des aufgeklärten und gut informierten Betroffenen, der bei gutem Therapieverlauf eine positive Haltung gegenüber seinem Tinnitus einnimmt.

Nach einer langen Phase der Hilflosigkeit wird er durch die Zusammenarbeit mit einfühlsamen Gesprächspartnern endlich in die Eigenverantwortung geführt und verzichtet auf Medikamente oder Spritzen. Ziel der Therapie ist, dass der Patient sein Problem selbst sucht, findet und löst. Denn dann hört der Leidende nicht mehr nur in sich hinein und lernt langsam wieder, die Ohren nach außen zu klappen und die Umwelt wahrzunehmen.

Weitere Informationen unter:
Deutsche Tinnitus-Liga, gemeinnützige Selbsthilfeorganisation mit zahlreichen Informatinen und den Adressen aller Selbsthilfegruppen in Deutschland, www.tinnitus-liga.de oder dtl@tinnitus-liga.de

00:00 29.11.2002

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