Sehnsuchtsort

A–Z New York Keine Stadt ist im Film so oft untergegangen wie New York. Und keine andere lebt so von ihrem urbanen Mythos. Was die Millionenmetropole am Hudson so besonders macht
Sehnsuchtsort
Immer wieder mal bedroht: Gerade hat die Stadt den Wirbelsturm Sandy überlebt

Foto: Christos Pathiakis/Getty Images

A

Anfang New York ist New York und war es schon immer. Selbstbewusst vermittelt die Stadt dieses Bild. Dabei vergisst man: Am Anfang hieß New York anders. Seit 1626 trug die Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Manhattan den Namen Nieuw Amsterdam. Der Geschäftsmann Peter Minuit hatte die Insel, die von den dort ansässigen Indianern „Manna-hatta“ genannt wurde, den Bewohnern für 60 Gulden abgekauft. Die Siedlung wurde zur Hauptstadt der Kolonie „Nieuw Nederland“, naheliegend, deren Hauptstadt Neu Amsterdam zu taufen. Erst nachdem die Briten die Stadt 1664 umstellten und die Bewohner der Stadt sich kampflos ergaben, war es vorbei mit Neu Amsterdam. Die Stadt wurde nach dem Oberbefehlshaber der britischen Flotte, Jakob Herzog von York, in New York umbenannt. Benjamin Knödler

C

Clubs New York ist für sein Nachtleben berühmt. Mit Läden, um deren Namen sich bis heute Legenden ranken. Zwischen 1923 und 1940 traf sich die weiße Upper Class im Cotton Club, um zu den musikalischen Darbietungen der besten afroamerikanischen Jazz-Musiker dieser Zeit wie etwa Ella Fitzgerald und Louis Armstrong zu schwofen. 1977 feierte das legendäre Studio 54 auf dem Höhepunkt der Disco-Welle vor allem sich selbst mit beispiellosen, hedonistischen Drogenpartys. Essentiell war auch das CBGB, Geburtsort des Punkrock, wo sich Musiker wie Blondie, Ramones, Talking Heads und Patti Smith die Klinke in die Hand gaben. Heute angesagt sind The Box und Le Bain. Ersteres ist ein restaurierter Ballroom, der Performances zwischen Freakshow und High-Class-Varieté bietet, letzteres ein wilder Laden mit Swimmingpool, wo Designer, Starlets und Szenenasen sich nackig machen. Sophia Hoffmann

CSD Nicht immer Opfer sein: Als Ausbruch gegen Polizeigewalt nahm der heute oft karnevalesk begangene Christopher Street Day seinen Anfang in New York. Am 28. Juni 1969 ließen sich die homosexuellen Besucher der Stonewall Inn Bar in der Christopher Street eine der üblichen Razzien nicht mehr bieten. Als die Cops die rund 200 Barbesucher in Arrestwagen abtransportieren wollten, weigerten sich diese. Auf der Straße kamen andere zu Hilfe, gemeinsam attackierten sie die Polizei. Die Stonewall Riots zogen sich über die ganze Nacht durch das New Yorker Greenwich Village und hielten auch die nächsten Tage an. Bereits ein Jahr darauf erinnerte die erste Gay-Pride-Parade in New York an diese Ereignisse: der Christopher Street Liberation Day. Zehn Jahre nach der homosexuellen Selbstermächtigung fanden die ersten deutschen CSDs statt. Tobias Prüwer

G

Gefühlte Nähe Nach den Anschlägen vom 11. September 2011 fühlten sich auch viele Deutsche als gerade noch davongekommene Opfer. Schon kurz nachdem die Szenen des schrecklichen Attentats über die Bildschirme flimmerten, begann zwischen Rhein und Oder eine Welle der persönlichen Mitbetroffenheit. War es die Direktheit der Bilder oder die Aura New Yorks? Die meisten, die schon einmal in der Stadt waren, meinten, auch sie hätte der Angriff beinahe getroffen. Ob der New-York-Besuch Jahre oder nur Tage her war, spielte bei der gefühlten Nähe überhaupt keine Rolle. Das war kein Ausdruck verquerer Sensationslust, sondern tatsächliche Betroffenheit. Vielleicht drückt New York für die Deutschen derart tief den positiven US-Mythos von Freiheit und Unabhängigkeit aus, dass jeder, der nur einmal von Liberty Island aus die berühmte Skyline gesehen hat, so zum Schicksalsgenossen wird. TP

I

Immobilien-Soap Reality-Seifenopern haben auch in den USA Hochkonjunktur. Mit Selling New York ging im März ein ganz besonderes quasi-dokumentarisches Format an den Start. Darin schickt der Kabelkanal Home and Garden Television echte Makler ins Rennen, um hochpreisige Immobilien in der Millionenstadt an den Mann oder die Frau zu bringen. Zwar wird die Sendung damit beworben, dass es der härteste Markt der USA sei, auf dem man den Akteuren zusehen darf. Allerdings handelt es sich bei den Verhandlungsobjekten stets um Sahnestücke, und die potenziellen Käufer sind alle Teil der sozio-ökonomischen Elite, sodass Geld keine Rolle spielt. Dabei werden alle Protagonisten hübsch in Szene gesetzt, wenn sie etwa über das „süße Penthouse“ in Harlem parlieren, das extra ein Künstler designt hat. Wie viel wirklich echt ist an dieser Show, ist schwer zu beurteilen. Eins aber ist augenscheinlich: Wo die RTL-Wohnexpertin Glasperlen verklebt, prangen bei Selling New York echte Swarovski-Steine. TP

K

Kakerlaken Kevin zeigte mir erst das Zimmer, dann das Bad und die WG-Küche. Alles sehr sauber, nur in der Spüle krabbelte es. „We have some bugs here“, sagte er und zuckte mit den Schultern. Für einen Mitteleuropäer ist es etwas gewöhnungsbedürftig, mit welcher Selbstverständlichkeit in New York auf tierische Mitbewohner verwiesen wird. Kakerlaken und Mäuse sind in den Apartments der weniger schicken Stadtteile ein vertrauter Anblick. Ich nahm das Zimmer in der Nähe des Bronx Zoo trotzdem und zog im Januar ein. An die kleinen Kakerlaken gewöhnte ich mich. Mit steigender Außentemperatur wurden sie allerdings größer und zahlreicher, so dass ihnen die Küche als Lebensraum nicht mehr genügte. Ende Juni zog ich wieder aus. Jan Pfaff

M

Medien In Manhattan treten viele Berufe in hoher Dichte auf: Straßenkünstler, Taxifahrer, Aktienspekulanten und Journalisten. Dass hier 12.000 Menschen hauptberuflich damit beschäftigt sind, ihre Mitbürger rund um den Globus zu informieren, hat zur Folge, dass die Stadt – trotz ihrer unbestrittenen Bedeutung als UN-Hauptsitz, Handelsmetropole und Showbiz-Zentrum – im weltweiten Nachrichtenfluss gnadenlos überrepräsentiert ist. Während aus Nairobi oder Mumbai vielleicht einmal die Woche eine Meldung über die Nachrichtenticker geht, bekommt man aus New York an schwachen Tagen fünf bis sechs Meldungen – bei Naturkatastrophen und Anschlägen auch gern minütliche Updates. jap

R

Raster New York sollte eine amerikanische Stadt werden – auf dem Reißbrett entworfen, demokratisch und wirtschaftlich. Und damit ein Gegenentwurf zur europäischen, unsystematisch wachsenden Stadt mit ihrer hierarchischen Architektur aus Prachtboulevards und Plätzen. 1811 stellte der damalige Bürgermeister DeWitt Clinton das „Grid“ vor, ein Netz aus zwölf breiten Avenues und 155 schmaleren Querstraßen, das die 40 Quadratkilometer große Insel in 1.500 rechteckige Grundstückblöcke gliederte. Die Straßen bekamen keine Namen mehr, nur Nummern, die das Gleichheitsprinzip betonen sollten. Das Grid hatte aber auch noch andere Hintergründe: Die geometrische Struktur ermöglichte eine bessere Kontrolle der Bürger, einen reibungsloseren Verkehr und war damit ein Eldorado für Immobilienmakler. So gesehen ist also New York die Ur-Version einer unternehmerischen Stadt. Mark Stöhr

S

South Bronx Eine Stadt der Gegensätze – was oft leicht dahin gesagt ist, trifft im Fall New York aber völlig zu. Neben dem Hochfinanzplatz Wall Street sowie der reichen und schönen Park Avenue hat New York mit dem Stadtteil South Bronx den ärmsten Wahlbezirk der USA. Bis in die sechziger Jahre war die Bronx ein Arbeiterviertel, man war nicht reich, aber hatte einen Job. Ökonomischer Druck, der Wegzug der wenigen Wohlhabenden und eine Expressway, die den Stadtteil zerschnitt, führten zum Niedergang des Viertels. „Bronx is burning“, lautete ein Slogan aus den Siebzigern, als Kriminalität und Drogen, Brandstiftung und Vandalismus das Quartier prägten. Danach zogen wieder mehr in die Bronx, aber bis heute lebt die Hälfte unter der Armutsgrenze, sind Prostitution und Schießereien an der Tagesordnung. TP

T

Tour Cupcakes in der Magnolia Bakery, Sextoys im Pleasure Chest, Cosmopolitans in der Scout Bar – nur drei Programmpunkte aus der SATC-Bustour. Je nach Route kann auch „Jimmy Choo’s“ Schuhgeschäft dabei sein, immer aber die berühmte Treppe zu Carries Wohnhaus, die inzwischen durch eine Absperrung geschützt wird. Wohl kaum eine TV-Serie hat unser Bild dieser Stadt in den Neunzigern so geprägt wie Sex and the City, für das prüde Amerika damals ein Schlag ins Gesicht. Die vier befreundeten Single-Karrierefrauen, immer auf der Suche nach Mr. Right, die kein Blatt vor den Mund nahmen, wenn es um Details ihrer diversen Männerbeziehungen ging, waren ihrer Zeit voraus. Was damals gewagt war, ist für uns heute allenfalls amüsant. Die Serie zeigte die Upper Class im Glamour und Luxus der neunziger Jahre, was heute mehr als überholt anmutet. Trotzdem: Danke SATC, für die vielen Tipps, egal auf welchem Gebiet – wer von uns kannte vorher schon Manolo Blahnik? Jutta Zeise

U

Untergangsszenarien Wie oft wurde diese Stadt schon dem Erdboden gleich gemacht? Bereits in den Dreißigern wütete King Kong in den Straßen und ließ keine Scheibe, kein Auto ganz. Viele Jahrzehnte später, 2004, schickte Roland Emmerich in The Day After Tomorrow eine Monsterwelle über Manhattan, die die Bewohner für ihre Umweltsünden bestrafte. New York ist wie keine andere Stadt filmische Arena der Apokalypse. Das liegt daran, dass sie im kollektiven Bewusstsein immer noch als Inbegriff der Moderne gilt, auch wenn das städtebaulich und technologisch längst nicht mehr stimmt. Zudem muss man nicht unbedingt in New York gewesen sein, um seine bekanntesten Gebäude klar vor Augen zu haben (Gefühlte Nähe). Beliebtestes Ziel der Zerstörung war und ist nach wie vor die Freiheitsstatue. In Cloverfield (2008) reißt ihr ein Godzilla-mäßiges Ungeheuer den Kopf ab, in Planet der Affen (1968) ragt ihr Arm aus dem Wüstensand – als letzte Reminiszenz an die in einer Atomkatastrophe untergegangene Menschheit. MS

Z

Zero Toleranz Wer bei Themen wie Ausländer und Kriminalität „Klartext“ spricht, kann sich des Beifalls großer Teile der Bevölkerung sicher sein. Wobei „Klartext“ hier zumeist heißt: klare Kante und Nulltoleranz gegenüber Verstößen gegen das Gesetz. Als Erfolgsmodell dieser Law-and-Order-Strategie gilt vielen New York Mitte der Neunziger. Damals rief Bürgermeister Rudolph Giuliani den Grundsatz der „Zero Tolerance“ aus und verstärkte die Polizeipräsenz. Wissenschaftlicher Kern der Offensive war die Broken-Windows-Theorie zweier US-amerikanischer Sozialforscher: Eine zerbrochene Scheibe in einem leerstehenden Gebäude müsse sofort repariert werden, sonst bestünde die Gefahr von weiterer Verwahrlosung und Verbrechen. In New York ging die Kriminalitätsrate damals tatsächlich zurück. Kritiker wenden jedoch ein, am wenigsten wegen Giulianis „Zero Tolerance“. MS

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

09:00 11.11.2012

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!