Sehr geehrte Redaktion!

Leserbriefe Rasmus Helt ist Deutschlands emsigster Leserbrief-Schreiber. Er schreibt am Tag an bis zu zehn Zeitungen. Gedruckt wird er nicht immer, dafür hier veröffentlicht

Zu: "Deutsche essen am liebsten billig"; WELT vom 4. Juni 09, S. 9.

Sehr geehrte Redaktion!
Das Ergebnis der Studie klingt erschreckend. Denn Menschen, die freiwillig an der Nahrung sparen, verstehen sehr wenig vom Leben. Sie setzen Prioritäten, als ob andere Dinge in der modernen Konsumwelt wichtiger wären als guter Genuss. Damit gehen sie der Industrie auf den Leim, die vor allem auf eine unkritische Kundschaft hofft. Ein Ausweg aus dieser Misere könnte eine Ampelkennzeichnung sein. Dieses System ist zwar stark vereinfachend, belegt aber endlich Produkte mit einem Makel, die nicht der Gesundheit dienen. Ob sich die Politik zu einer solchen Reform traut, bleibt allerdings abzuwarten. Denn dies würde bedeuten, vielen Lobbyisten die Suppe zu versalzen!

Zu: "Kennzeichnung für Lebensmittel / Erste Ampel im Supermarkt", TAZ vom 4. Juni 09.

Sehr geehrte Redaktion!
Der Vorstoß von Frosta ist ein kleiner Schritt für ein Unternehmen, aber ein Riesenschritt für die Wirtschaft. Denn zum ersten Mal wird den Verbrauchern direkt vor Augen geführt, dass Lebensmittel nicht nur gute Inhaltsstoffe enthalten. Eine Bewusstseinsschärfung, die auch dann funktioniert, wenn sämtliche Lichter zunächst auf grün zeigen. Schließlich assoziiert man eine Ampel immer mit allen drei Farben. Großer Verlierer ist wieder einmal die Politik. Denn dadurch, dass sie sich von Lobbyisten in die Suppe spucken lässt und eigene Maßnahmen verweigert, wird sie von der Wirklichkeit zunehmend überholt!

Zu: "Senat will Hertie-Häuser retten", B.Z. vom 4. Juni 09, S. 11.

Sehr geehrte Redaktion!
Die Pläne des Senates sind richtig. Denn nicht alle Hertie-Häuser arbeiten unprofitabel. Das Problem besteht lediglich darin, dass das Unternehmen zur Spekulationsmasse seiner neuen Eigner geworden ist. Ein Konsortium, das sich mehr für die Immobilien zu interessieren scheint als für eine erfolgreiche Zukunft!

Zu: "Die neuen Studiengänge", Mopo vom 4. Juni 09, S. 18.

Sehr geehrte Redaktion!
Die neuen Studiengänge klingen prinzipiell interessant. Allerdings sind sie sehr spezialisiert und wenig Fächer übergreifend. Dies birgt die Gefahr, am Ende "Fachidioten" auszubilden, die zwar viel wissen, sich aber im Leben verlaufen. Zudem hat die Universität Hamburg weiter den Nachteil gegenüber anderen Hochschulen, dass nicht jeder Student hier seinen Master machen darf. Hier muss die Politik eindeutig nachbessern, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen!

Zu: »Selbst CDU-Wähler wollen Mindestlohn«, jW vom 3. Juni, S. 4.

Sehr geehrte Redaktion!
Die Sympathie vieler CDU-Wähler für einen Mindestlohn kommt nicht überraschend. Schließlich fühlt sich die so genannte bürgerliche Mitte nicht weniger vom sozialen Abstieg bedroht als andere gesellschaftliche Schichten. Denn auch viele qualifizierte Menschen landen mittlerweile in Niedriglohnjobs. Ein Problem, auf das die Politik eine Antwort geben muss, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren. Sagt Angela Merkel weiter Nein zu einer Lohnuntergrenze, dann ist sie nicht nah, sondern fern der Menschen. Eine Lücke, die die Linke füllen sollte!

Zu: "Bundestag für Schuldenbremse im Grundgesetz"; WELT vom 30. Mai 09, S. 1.

Sehr geehrte Redaktion!
Die Bundesregierung sucht auf eine schwierige Frage eine zu einfache Antwort. Selbstverständlich ist ein hoher Schuldenberg ein Problem, da die Zinsen ihren Tribut erfordern. Nur ist ein generelles Verbot, sich Fremdkapital zu beschaffen, auch keine Lösung. Denn dadurch wird künftigen Generationen die Möglichkeit genommen, flexibel mit den negativen Hinterlassenschaften der Vergangenheit umzugehen. Dies kann dann zum Beispiel dazu führen, dass man die Budgets für Bildung deutlich kürzen muss!

Zu: "Millionenloch in Uni-Bauplänen", Landeszeitung vom 3. Juni 09.

Sehr geehrte Redaktion!
Die Empfehlung des Rechnungshofes ist richtig. Die öffentliche Hand kann der Uni-Lüneburg kein neues Geld geben, bevor sich ein Investor zeigt. Alles andere wäre grob fahrlässig und im schlimmsten Fall ein Fass ohne Boden. Zudem sollten die Verantwortlichen dem Sein wieder einen höheren Stellenwert als dem Schein einräumen. Denn der Erfolg einer Hochschule entscheidet sich nicht an schönen Fassaden, sondern an dem, was in den Gebäuden abgeht. Hier gibt es durch die Unterfinanzierung vor allem zu wenig Personal, was auch ein Grund dafür sein dürfte, dass immer weniger Menschen in Lüneburg studieren!

Zu: "Jetzt fließen Steuergelder", Augsburger-Allgemeine vom 3. Juni 09, S. 1.

Sehr geehrte Redaktion!
Die fortgesetzte Diskussion um die Opel-Hilfen ist richtig. Schließlich hat das Unternehmen am Markt künftig nur eine Chance, wenn es sich grundlegend neu erfindet. Dieser Schritt steht bislang aber aus, da die Bundesregierung anders als Barack Obama gegenüber General Motors in ihrem Hilfsprogramm auf einen verbindlichen Rahmen verzichtet. So bleibt es dem Zufall überlassen, ob der Autohersteller den Strukturwandel schafft und damit die Steuergelder rechtfertigt oder auch nicht!

Zu: "Studenten auf der Verliererstraße", Braunschweiger Zeitung vom 3. Juni 09, S. 1.

Sehr geehrte Redaktion!
Das Urteil von Professor Ulrich Menzel ist richtig. Die neuen Studienabschlüsse in ihrer bisherigen Form helfen den Studenten nur wenig weiter. Denn sie setzen vor allem auf verschultes Wissen in kleinen Portionen ohne die Förderung von Attributen wie Eigenverantwortung und Sozialkompetenz. Zudem ist es ein handfester Nachteil, dass sich Deutschland, wohl um Kosten zu sparen, als einer der wenigen Teilnehmer am Bologna-Prozess für den Bachelor als Regelabschluss entschieden hat. In anderen Ländern wie der Schweiz, wo jeder Student seinen Master machen darf, liegt die Qualifikation dadurch viel höher!

Zu: "EU stoppt Vattenfall bei Übernahme von Nuon", Berliner Morgenpost vom 3. Juni 09, S. 1.

Sehr geehrte Redaktion!
Das Veto der EU ist richtig. Wenn Vattenfall Nuon schluckt, wird der ohnehin schon geringe Wettbewerb zusätzlich reduziert. Die Folge wären Tarife, die weiter über denen in anderen europäischen Ländern liegen. Die Kartellwächter tun deshalb gut daran, nicht nur den Deal zu untersagen, sondern auch die gesamte Preisbildung in Deutschland unter die Lupe zu nehmen. Denn die Devise "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" ist nirgendwo wichtiger als auf monopolisierten Märkten!

Zu: "Barroso: Die Europawahl ist 'wichtiger als je zuvor'", HA vom 3. Juni 09, S. 1.

Sehr geehrte Redaktion!
Der Aufruf von Manuel Barroso ist verständlich. Schließlich benötigt die EU eine gute Wahlbeteiligung für ihre politische Legitimation. Allerdings ist das Werben nur halbherzig, da die Menschen in Europa über die wirklich wichtigen Fragen, die ihre Zukunft betreffen, nicht selbst entscheiden dürfen. Solange es keinen Volksentscheid zum Lissabon-Vertrag gibt, in dem die künftige Wirtschaftsordnung beschrieben wird, ist jede Bürgernähe Makulatur!

Zu: "Aus der Fassung geraten", AZ (Online) vom 2. Juni 09.

Sehr geehrte Redaktion!
Der Ärger der Kleinaktionäre der Hypo Real Estate ist verständlich. Schließlich spielt der Staat mit verdeckten Karten, da er die Gläubigerstruktur des Geldinstitutes weiter der Öffentlichkeit verheimlicht. Dadurch muss sich der Verdacht aufdrängen, es würden Betroffene anderen gegenüber bevorzugt. Transparenz ist das Gebot der Stunde auf den Finanzmärkten. Wer eine gegenteilige Philosophie verfolgt wie die Bundesregierung, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Probleme nicht wirklich lösen zu wollen!

Zu: "Google revolutioniert die E-Mail"; WELT-kompakt vom 2. Juni, S. 10f.

Sehr geehrte Redaktion!
Die Idee von Google klingt zwar prinzipiell gut. Allerdings begeht das Unternehmen einen typischen Innovationsfehler. Es fragt sich nicht, ob die Menschen ein derartiges Angebot überhaupt brauchen. Dies darf zumindest in Teilen bezweifelt werden. Denn der normale User sucht nach einfachen Lösungen, die die Inhalte auf das Wesentliche reduzieren, anstatt alles miteinander kompliziert zu vermischen. Das Gegenteil wäre höchstens für Internet-Junkies von Interesse, die zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen!


Zu: "Empörung über Tschechiens Atom-Pläne", PNP vom 30. Mai 09.

Sehr geehrte Redaktion!
Die Empörung über Tschechiens Atom-Pläne ist zwar berechtigt, beinhaltet aber zumindest von politischer Seite auch eine gewisse Doppelmoral. Denn schließlich setzt der Freistaat Bayern auf die selbe Form der Energiegewinnung wie sein östlicher Nachbar. Der einzige Unterschied besteht lediglich darin, dass man für seinen radioaktiven Müll nicht aufkommt, sondern ihn möglichst weit weg transportiert wie etwa nach Gorleben. Glaubwürdigkeit setzt deshalb zunächst einmal voraus, selbst auf Kernenergie zu verzichten!


Zu: "Schulden machen verboten", SHZ vom 30. Mai 09, S. 8.

Sehr geehrte Redaktion!
Die radikale Schuldenbremse ist keine intelligente Lösung. Denn sie nimmt künftigen Generationen die Möglichkeit, flexibel mit den negativen Hinterlassenschaften der Vergangenheit umzugehen. Dieses Korsett kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass auf notwendige Investitionen in Bildung und Infrastruktur dann verzichtet werden müsste. Deshalb muss es zumindest Ausnahmeregelungen geben, die die Aufnahme von Fremdkapital erlauben. Ansonsten würde nicht zu Gunsten, sondern zu Lasten der Zukunft gespart!


Zu: "Die Mühen einer Punktlandung", Süddeutsche Zeitung vom 25. Mai 09, S. 3.

Sehr geehrte Redaktion!
Die Bundespräsidentenwahl darf in der Tat als gelungene Kür betrachtet werden. Denn dadurch, dass es zu keiner knappen Kampfabstimmung in einem späteren Wahlgang gekommen ist, entging die Demokratie der heiklen Situation, dass womöglich die Stimmen der NPD über den Ausgang entschieden hätten. Insofern haben die Abweichler weise entschieden, auch wenn mangelnde Geschlossenheit in der Regel kein Zeichen für Regierungsfähigkeit ist. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass ein Ruck durch die Parteien geht, damit das Volk sich sein Staatsoberhaupt endlich selbst aussuchen darf. Diese ausgestreckte Hand wäre das schönste Geschenk zum 60. Geburtstag der Bundesrepublik und ein gutes Mittel gegen Politikverdrossenheit!

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12:40 04.06.2009

Ausgabe 41/2021

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