Wolfgang Farkas
Ausgabe 2314 | 06.06.2014 | 06:00 3

Sehr gut, Kulturgut

Kulturindustrie Geschäftsmodell Freihandelsabkommen und Digitalisierung bedrohen die Buchpreisbindung. Wir müssen sie verteidigen

Soeben stand ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Surfbrett. Es dauerte nur wenige Sekunden; wer ungeübt ist, bei dem übernimmt sofort die Schwerkraft. Nicht aufgeben, weitermachen, nicht nachgeben, auf den Wind warten – und schon ein bisschen davon genügt, um über das Wasser zu gleiten und alles andere zu vergessen.

Den Feind, den Freund, das Tagesgeschäft.

Wer ist der Feind nochmal? Amazon.

Der Freund: das gute Buch.

Das Tagesgeschäft: Wir sind gespannt.

Gespannt auf die aktuelle Dynamik der Buchbranche im Allgemeinen und jener transatlantischen Wellen im Besonderen, die derzeit im Zuge des Freihandelsabkommens (TTIP) den europäischen Kontinent samt zugehöriger Kulturszene umspülen.

Schon in der alten Ordnung, die noch bis tief in die nuller Jahre herrschte, waren die Fronten keineswegs eindeutig. Es gab auf der einen Seite große Player wie Random House unter den Machern und Hugendubel unter den Verkäufern, ein breites Mittelfeld mit Oldschool-Verlagen wie Hanser und Traditionsläden à la Bittner und auf der anderen Seite so etwas wie einen Aufbruch, der von einer Welle enthusiastischer Independent-Verlage verkörpert wurde.

Doch Indies und Konzerne konnten bisweilen gar nicht so schlecht miteinander. Die Indies brauchten Geld, die Großen brauchten Credibility. Am Rande der öffentlichen Wahrnehmung entstand zugleich ein kleiner Markt mit elektronischen Büchern, und das Prinzip Amazon begann an Fahrt aufzunehmen.

Dieses Prinzip besagt: Wir nehmen den Markt, so wie er ist, und rollen ihn als Ganzes auf. Kein Buch wird auf dem anderen bleiben. Auf Bücher kommt es gar nicht an. Nicht einmal auf Gewinne. Wir nehmen Verluste in Kauf, wenn wir sie in Marktmacht verwandeln können.

Was wirklich zählt, sind die Leser, die Daten der Leser, die Metadaten der Bücher und Leser. Wir wollen all diese Daten, und deshalb ist der Kunde King, und wir setzen alles daran, dass er sie uns gibt. Wir lassen dem Kunden von Leiharbeitern die Füße lecken, wenn es sein muss, und wir bieten ihm, koste es, was es wolle, den bestmöglichen Preis. Jeder Klick lässt die Macht wachsen, die unumkehrbar und uneinholbar sein wird. Amazon ist nicht Krake, sondern eine Metakrake. Und kann längst nicht mehr bekämpft werden, sondern bestenfalls an sich selbst zugrunde gehen.

Das ist die Gegenwart. Ist der Anfang der neuen Ordnung, in die so etwas wie die Buchpreisbindung wie ein Relikt aus alten Zeiten hineinragt. Zur Erinnerung: Anders als etwa in den Vereinigten Staaten (oder auch in China oder seit zwei Jahren in der Schweiz) wird das gute alte Buch in Deutschland als Ware, aber eben auch als Kulturgut betrachtet. Um es zu schützen und seine Verbreitung möglichst großflächig zu befördern, muss das gute, alte Buch überall gleich viel kosten – Discounter, nein danke. Und dies gilt aus Sicht der Branche auch für das nicht ganz so gute, aber immer noch irgendwie nicht ganz so schlechte neue Medium namens E-Book.

Nicht wenige Buchhändler gehen deshalb vermutlich zu Recht davon aus, dass sie ihrer Existenzgrundlage beraubt wären, würde diese Preisbindung fallen. Denn auch Menschen mit kulturellem Anspruch haben bisweilen die Mentalität von Schnäppchenjägern.

Für Amazon dagegen muss sich die Buchpreisbindung wie eine Allergie anfühlen: Jedes Mal, wenn wir einen Preis sehen, der fix ist, juckt es uns. Es juckt, wir müssen niesen. Wir müssen, um die Wucht der eigenen Aktivitäten auf dem aufzurollenden Markt voll entfalten zu können, Preise dumpen, wo immer es geht. Wir sind kein dahinschlürfender Buchmensch. Wir sind Rebellen. Wir brechen eure Macht.

Insofern verheißen die seit Juli 2013 laufenden und auf die Beseitigung staatlicher Regulierungen abzielenden Verhandlungen zwischen der EU und den USA über eine Transatlantic Trade and Investment Partnership nichts wirklich Gutes; selbst dann nicht, wenn diese für manche ein Anlass sind, den Errungenschaften der amerikanischen Populärkultur zuzuprosten (wie kürzlich in der FAS) oder einen Abgesang auf die deutsche Subventionskultur anzustimmen. Ob die Buchpreisbindung ernsthaft zur Disposition steht, vermag im Moment niemand zu sagen. Bis Ende 2015 soll die Handelspartnerschaft stehen.

Wer also ist Freund, wer ist Feind – oder sind alle inzwischen Freinde beziehungsweise frenemies? Das Buch ist immer noch ein Kulturgut; wenn auch vermutlich nur jedes tausendste. Ein fester Buchpreis muss verteidigt werden; wenn der auch in der digitalen Welt immer weniger eine Rolle spielen wird. Amazon schließlich ist so etwas wie die neue Schwerkraft der Buchindustrie; wenn auch nicht als Naturgesetz, sondern nur als Geschäftsmodell.

Wolfgang Farkas ist Journalist und Lektor, war zehn Jahre Creative Director beim Verlag Blumenbar und gehört seit dem Frühjahr 2013 zum Gründungsteam des Digitalverlags Shelff

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 23/14.

Kommentare (3)

Hunter S.T. 06.06.2014 | 10:43

Natürlich kann man Amazon bekämpfen, man kann praktisch alles bekämpfen. Tragisch ist allerdings, dass man sich dafür mehr mit PR und Mechanismen der Meinungsbildung auskennen muss, als mit der jeweiligen Thematik. Eine ganz einfache Faustformel ist z.B. Konzerne sind Verbrecher. Dementsprechend kann man versuchen Produkte von Konzernen zu meiden und vor allem Leuten den Kopf zu waschen (nicht das Gehirn:), die meinen es wäre gut für Konzerne zu arbeiten oder deren Marken anzuhimmeln. Es geht um so unendlich viel mehr, als die Buchpreisbindung (die wir natürlich trotzdem beibehalten sollten)...

otto8 06.06.2014 | 22:29

Der Artikel geht davon aus, dass es sich bei dem Zusammenhang "Buchpreisbindung bedeutet mehr Vielfalt" um ein Naturgesetz handelt, das nicht weiter zu belegen wäre. Wir wissen jedoch, dass schon mit, evtl. sogar wegen der Buchpreisbindung ein Konzentrationsprozess bei Verlagen und Buchhändlern stattgefunden hatte. Insofern fehlen mir ein paar Argumente.

Des Weiteren kann man Amazon als das Böse schlechthin verteufeln, sollte aber nicht von den Leistungen des Unternehmens und dem gleichzeitigen Versagen der angestammten Buchbranche schweigen. Wer hat die teilweise unverschämten Preise für fremdsprachige Literatur gesenkt, wer hat die E-Book-Technik entscheidend vorangebracht, wer fördert den Gebrauchthandel von Büchern? Für Menschen, die nicht in einer Metropole mit ausdifferenziertem Buchhandel leben, ist das ein Segen. Das Bremsen bei E-Books, Onleihe etc., das sich das deutsche Verlagswesen leistet und nun auch noch mit der Preisvergabe an einen Westentaschenintellektuellen wie Jaron Lanier ideologisch zu unterfüttern versucht, wird Amazons Geschäftsmodell eher Auftrieb verleihen. Wie man die Kunden nachhaltig verärgert, hat man sich anscheinend bei der Musikindustrie abgeschaut.

Zuguterletzt finde ich es ein wenig fragwürdig, wenn selbst im Feuilleton TTIP immer nur auf Kulturgüter beschränkt behandelt wird. Es sind andere Branchen in einem viel krasseren Ausmaß davon betroffen. Das sollte zumindest Erwähnung finden. Oder ist es etwa so, dass der feingeistige Leser sich allein an einem Konzentrations- & Monopoliserungsprozess im Buchbereich stört, während er mit Freude bei Ikea, H&M, Apple, Starbucks etc. einkaufen geht?