Sei mein Sadist

Kino François Ozons „Der andere Liebhaber“ ist ein raffinierter filmischer Laborversuch über die Abgründe der Leidenschaft
Gerhard Midding | Ausgabe 03/2018

Die Eingangstür leistet keinen Widerstand. „Sonnez et entrez“ steht neben der Pforte der psychoanalytischen Praxis, die Chloé im Verlauf des Films öfter betreten wird: Klingeln und Eintreten sind eins. Die Tür steht der Patientin offen, für Schwellenangst bleibt keine Zeit. Der Arzt aber ist durch das Signal vorbereitet auf die Ankunft eines Besuchers.

Chloé (Marine Vacth) klagt seiner einiger Zeit über Bauchschmerzen. Die Frauenärztin konnte keine körperlichen Ursachen dafür finden und hat ihr empfohlen, einen Psychiater zu konsultieren. Paul Meyer (Jérémie Renier) gewinnt rasch ihr Vertrauen. Schon in der ersten Sitzung erfährt er viel über ihr Leben, ihre Sehnsüchte und ihre Pein. Nach einigen Therapiesitzungen bereits spricht sie von ihrer Sorge, zu eilig geheilt zu werden. Unversehens erwidert ihr Paul, dass er die Behandlung abbrechen müsse, da er Gefühle für sie entwickelt hat, die sich mit seinem Berufsethos nicht vertragen. Ein, zwei Einstellungen später sind sie ein Paar und ziehen zusammen. Einige Zeit später entdeckt sie Paul vor einem anderen Ärztehaus, im Gespräch mit einer anderen Patientin. Als er dies heftig bestreitet – vielleicht hat sie einen Doppelgänger gesehen –, will sie seinem Geheimnis auf die Spur kommen.

In dem Haus findet sie eine Praxis mit demselben Schild neben der Tür und entdeckt, dass Paul einen eineiigen Zwilling hat, der den gleichen Beruf ausübt. Paul und Louis (wiederum Renier, allerdings diesmal ohne die vertrauenerweckende Brille und mit einer merklichen Härte in seiner Stimme) unterscheiden sich wie Tag und Nacht, der eine ist ein Engel, der andere ein Teufel. Oder doch zumindest ein sadistischer Wüstling, was ein ungekanntes, brennendes Begehren in Chloé weckt.

Es dauert kaum eine halbe Stunde, bis François Ozon in Der andere Liebhaber eine bürgerliche Idylle angebahnt und sie umgehend unter einen bedrohlichen Vorbehalt gestellt hat. Natürlich hat er damit noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt. Sein erotischer Thriller dauert von hier an noch mehr als eine Stunde, es müssen falsche Fährten gelegt und Familiengeheimnisse aufgedeckt, es muss Verstörendes über dominante und parasitäre Zwillinge ans Tageslicht gebracht werden, bis es zu einer irritierenden Katharsis kommt. Von Joyce Carol Oates’ Vorlage Lives of the Twins hat Ozon sich nur inspirieren lassen, er geht einer ganz eigenen Faszination für Verführung und Manipulation nach.

Die anfängliche Eile ist bezeichnend für diesen Regisseur, der es nicht abwarten kann, bis alle Voraussetzungen für einen filmischen Laborversuch über die Abgründe der Leidenschaft geschaffen sind. Neugierig verfolgt er sodann den Verlauf des erzählerischen Experiments, ohne dass sein Puls dabei schneller schlagen würde. Er hat ein diebisches Vergnügen daran, die bürgerlichen Masken herunterzureißen, wobei dies hier eher ein Kollateraleffekt des Genres und im Gegensatz zu früheren Filmen keiner nachdrücklich subversiven Anstrengung zu verdanken ist. Ozon, stets ein so gelehriger wie eigenmächtiger Schüler, begibt sich diesmal ins Einflussdelta erotischer Thriller, die in den 80er Jahren in Hollywood kurz Konjunktur hatten und dabei wenig Sinnlichkeit jenseits einer Werbeästhetik erbeuteten.

Gehen Ozon die Tabus aus?

Auch bei Ozon sind makellose Körper beim Sex zu bestaunen. Allerdings hat er weniger einschlägige Filme von Adrian Lyne oder Ridley Scott vor Augen. Das Motiv des Doubles verweist vielmehr auf David Cronenbergs Die Unzertrennlichen, was gynäkologisch grundierten Körperhorror verspricht.

Dem trägt Ozon in der ersten Einstellung nach dem Vorspann Rechnung, die eine Vaginaluntersuchung in Nahaufnahme zeigt, welche sich in die Großaufnahme eines tränenden Auges verwandelt: Körper und Seele sind in Der andere Liebhaber miteinander verbunden.

Das Motiv der offenen Pforten, mit dem sich dieser Auftakt subtil verbindet, ist eine Metapher für das Vorgehen des Regisseurs. Der Zuschauer kann gewiss sein, auf der Leinwand einen Prozess tückisch müheloser Entgrenzung der gesellschaftlichen Identitäten und der Geschlechterrollen mitzuerleben, eine Überschreitung der Trennlinien zwischen Wirklichkeit und Fantasie, manchmal sogar zwischen Leben und Tod. Bei Ozon hat der Zuschauer stets das Gefühl, zu verbotenen Blicken ermutigt zu werden. Zwei Jahrzehnte nach seinem ersten Langfilm könnte man ihn für einen Provokateur halten, dem die Tabus ausgegangen sind. Nun bleibt ihm nichts mehr, als Varianten zu ersinnen.

Damit befände er sich in einer ähnlichen Verlegenheit wie Roman Polański; natürlich ist es kein Zufall, dass Chloés Haarschnitt während des Vorspanns an Rosemary’s Baby erinnert; ihre Kurzhaarfrisur lässt sie gleichsam zum dritten Zwilling werden. Aber wie Polański versteht Ozon es, sich der drohenden Routine immer wieder inspiriert zu entwinden.

Tatsächlich ist die Variation ein erzählerisches und visuelles Grundprinzip des Films. Ozon buchstabiert das Motiv der Dopplung und Spiegelung mit allem gebotenen Einfallsreichtum durch. Der Symmetrie, im Kino üblicherweise Labsal für Pedanten, wohnt bei ihm ein fundamentales Unbehagen inne: Die Entsprechung der Orte, Situationen und Blickwinkel strukturiert den Film, ohne einen Ausweg aus seinem Erzähllabyrinth zu weisen. Gegen die Unwägbarkeiten des Unterbewussten ist die raffinierteste Konstruktion machtlos.

Info

Der andere Liebhaber François Ozon Frankreich/Belgien 2017, 107 Minuten

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