Sein Block

Essay Können wir von Jugoslawien lernen? Nationalheld Tito schaffte Erstaunliches und leitete doch auch den Untergang ein
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Als Menschenfischer war Marschall Tito sogar noch erfolgreicher denn als Fischefischer

Foto: Dinosmichail/Alamy, John Philipps/The Life Picture Collection/Getty Images

Würde man, ohne das Geringste über das sozialistische Jugoslawien zu wissen, eines Morgens in den Bergen von Bosnien oder der Herzegowina aufwachen, und sähe man dann die monumentalen Skulpturen von Sutjeska oder Petrova Gora vor sich, könnte man sich kaum des Eindrucks erwehren, Zeuge einer Zivilisation, die nicht von dieser Welt ist, zu werden.

„The second world war memorials that look like alien art“ („Die Weltkriegsdenkmäler, die wie Alien-Kunst aussehen“), titelte der Guardian,als der belgische Fotograf Jan Kempenaers 2013 Fotografien jugoslawischer Weltkriegsdenkmäler in der Breese-Little-Galerie in London ausstellte. Schnell war das Internet voll mit Architektur und Skulpturen aus ganz Ex-Jugoslawien. Auch hier wurden die eigenartigen Gebilde oft als „außerirdisch“ beschrieben.

Im MoMA, dem New Yorker Museum of Modern Arts,eröffnete im Sommer 2018 die Ausstellung Toward a Concrete Utopia: Architecture in Yugoslavia, 1948 – 1980. Hier traten Spuren dieser „Aliens“ erneut vor die Augen der staunenden Weltöffentlichkeit. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese mysteriöse „Alien-Kunst“ gar nicht aus dem Weltraum kam. Die Aliens waren die ganze Zeit unter uns gewesen. Der Name, auf den sie hörten: Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien.

Obwohl das MoMA den merkwürdigen, außerirdischen Objekten einen überzeugenden Namen gegeben hatte: „Concrete Utopia“ – „concrete“ kann auf Deutsch „Beton“ genauso wie „konkret“, also „real existierend“, bedeuten –, ist die Frage nicht so sehr, wer solche Monumente bauen konnte. Die Frage ist, warum sie gebaut wurden. Ist das sozialistische Jugoslawien mit seiner Architektur, aber auch mit seinem politischen, sozialen und wirtschaftlichen System wirklich etwas, das uns heute so fremd ist wie ein Alien?

Tausende zerstörte Denkmäler

Einer Schätzung zufolge sind allein in Kroatien in den ersten Jahren des Krieges, der Anfang der 1990er das Ende Jugoslawiens besiegelte, mehr als 3.000 solcher Denkmäler, Inschriften, Skulpturen und Gebäude zerstört worden. Wie George Orwell schrieb: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, beherrscht auch die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Wer also eine neue – nationalstaatliche – Zukunft schaffen will, muss das Vergangene zerstören. Genau aus diesem Grund ist die imposante Tito-Biografie des slowenischen Historikers Jože Pirjevec (Kunstmann 2018), der Jahrzehnte extensiver Erforschung unzähliger Quellen in amerikanischen, russischen, serbischen und sogar DDR-Archiven vorausgingen, so wichtig.

Bis heute zeigen chinesische Fernsehsender Partisanenfilme; chinesische Kinder und Straßen werden noch immer nach Valter, dem mutigen Helden des ungeheuer populären Films Valter verteidigt Sarajevo von 1972, benannt (der Freitag 41/2018). Es gibt sogar ein chinesisches Bier mit diesem Namen. Houston, We Have a Problem!, die Dokumentation, die Žiga Virc 2016 über Titos heimliches Weltraumprogramm drehte, und auch Mila Turajlićs Cinema Komunisto von 2012 über Aufstieg und Fall des jugoslawischen Kinos tragen ihren Teil zum wiedererwachten Interesse am sozialistischen Jugoslawien bei.

So gibt es seit dem Zerfall der Konföderation in ihre sechs Teilrepubliken Slowenien, Serbien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Mazedonien nicht nur einen erstarkten Nationalismus, sondern auch eine Sehnsucht nach den „guten alten jugoslawischen Zeiten“. Der slowenische Soziologe Mitja Velikonja nennt das in seinem gleichnamigen Buch von 2008 „Titostalgia“.

Es gab freilich weder das Jugoslawien dieser Nostalgie noch ihren Tito. Beide sind eine utopische Simulation, bilden ein Traumland, ohne alle Schwächen und Fehler seines konkreten Gegenparts. Pirjevec’ Biografie ist das genaue Gegenteil eines solchen Traumlandes.

Um Tito und seine Zeit zu begreifen, muss man die Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie verstehen. Josip Broz, der sich später Tito nannte, wurde am 7. Mai 1892 in dem kleinen kroatischen Dorf Kumrovec geboren, das zum Habsburgerreich gehörte. Tito wuchs unter haarsträubenden Bedingungen auf, in einer Familie, die mit 15 Kindern „gesegnet“ war. Acht von ihnen starben noch im Kindesalter. Es war eine Zeit, in der mindestens 80 Prozent der Landbevölkerung in größter Armut lebten. Analphabetismus war die Regel. Obwohl Josip, der schon in jungen Jahren Geschmack an extravaganter Kleidung fand, gerne Schneider werden wollte, zwangen ihn die Umstände bald dazu, als Schmied zu arbeiten.

Vase mit einem Porträt des Kommunistenführers Josip Broz Tito

Foto: Andrej Isakovic/AFP/Getty Images

Im Herbst 1913, mit 21 Jahren, wurde er zur österreichisch-ungarischen Armee eingezogen. Hier fand er zum ersten Mal Gefallen an der Idee eines unabhängigen Jugoslawien, das die Südslawen in einem einzigen politischen Gebilde vereinigen würde. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Tito zunächst an die serbische Front geschickt. Später nahm er an den schweren Kämpfen gegen die russische Armee in Ost-Galizien teil. Wie zwei Millionen anderer österreichisch-ungarischer Soldaten geriet er in Kriegsgefangenschaft.

Als das Chaos losbrach, das auf die Februarrevolution von 1917 folgte, war er in St. Petersburg. Dort hörte er Lenin sprechen – Lenins Foto und Büste bewahrte Tito bis zu seinem Tode in seinem Belgrader Büro auf. In St. Petersburg erreichte Tito auch die Nachricht von der Errichtung eines Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Die Donaumonarchie war zerfallen.

Kein Mann Moskaus

Nach der Rückkehr ins neue Königreich Jugoslawien wurde Josip Broz zu einem der Hauptorganisatoren der verbotenen Kommunistischen Partei. In den frühen 30ern gelangte er unter dem Codenamen „Walter“ nach Moskau, wo er alles in seiner Macht Stehende tat, um so viele jugoslawische Emigranten wie möglich vor dem Großen Terror zu bewahren. Wenig später sollte er Freiwillige anwerben,um gegen die Franco-Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. In keiner anderen kommunistischen Partei Europas gab es so viele „Spanier“. Es waren diese erfahrenen Kämpfer der Internationalen Brigaden, die später im Freiheitskampf der Partisanen die Führung übernahmen.

Als der Zweite Weltkrieg begann, wurde klar, dass ein Angriff der Achsenmächte auf Jugoslawien die ideale Gelegenheit bieten würde, einen Volksaufstand anzuzetteln. Als Deutschland und Italien Jugoslawien besetzten, traf die kroatische Ustascha-Bewegung ein Abkommen mit Hitler und errichtete einen faschistischen Marionettenstaat, das „Unabhängige Kroatien“. Währendessen warteten die serbisch-nationalistischen Tschetniks auf den „richtigen Augenblick“ für den Aufstand. Sie wurden schnell selbst zu Kollaborateuren.

Die Briten wählten sich die Tschetniks zu Verbündeten. Niemand achtete zunächst sonderlich auf die Partisanen, nicht einmal die sowjetische Regierung, die mit der Abwehr der Nazi-Truppen vor den Toren Moskaus beschäftigt war. Im Guerillakrieg befreiten die Partisanen bald größere Gebiete Jugoslawiens. Pirjevec’ Biografie zeichnet diese Zeit des Partisanenkampfes nicht so dramatisch wie etwa Fitzroy Maclean, ein britischer Diplomat und Schriftsteller, der zum James-Bond-Vorbild werden sollte, in seinen Eastern Approaches von 1949.Oder wie William Deakin in The Embattled Mountain von1971. Beide waren persönlich von Winston Churchill ins Land geschickt worden. Ihr Auftrag: „Herausfinden, wer die meisten Deutschen tötet, und Mittel vorschlagen, mit denen wir sie dabei unterstützen könnten, noch mehr zu töten“. Entgegen dem hagiografischen Bild des nationalen Freiheitskampfes, das in Jugoslawien vorherrschte, erwähnt Pirjevec auch die Verhandlungen zu einem Waffenstillstand, die Partisanen 1942 mit den Nazis führten. „Er ist unser Feind, aber ich wünschte, dass wir ein Dutzend solcher Titos in Deutschland hätten … Er steht auf der Seite der Russen, Engländer und Amerikaner, aber er hat den Mut, sie zu verspotten und die Engländer und Amerikaner aufs Peinlichste zu erniedrigen“, soll Reichsführer SS Heinrich Himmler gesagt haben.

Josip Broz war kein Mann Moskaus. Die Sowjets lieferten bis kurz vor Kriegsende keine Waffen an die Partisanen. Nur dank Deakin und Maclean, die in direktem Kontakt mit Churchill standen, hörten die Briten schließlich auf, die Tschetniks zu unterstützen, und machten die jugoslawischen Partisanen zu einem ihrer wichtigsten Verbündeten bei der Befreiung Europas. Das war 1944, und nach einem langen Guerillakrieg mit hohen Verlusten suchte die Partisanenführung Zuflucht auf der entlegenen Adria-Insel Vis, die heute besser bekannt ist als Kulisse für die imaginäre griechische Insel in dem Film Mamma Mia 2.

Die meisten Biografien, die vor Titos Tod in Jugoslawien erschienen, glorifizieren den ruhmreichen Anführer. Seine Extravaganz verschweigen sie. Die war jedoch schon in den Gründungsjahren des sozialistischen Jugoslawien gut sichtbar. Vor dem Krieg hatten Tito und seine Freunde nicht gejagt, aber jetzt wurde die Jagd zur Manie und zum Ritual mit strengen Regeln: Jedes Mitglied der Nomenklatura wusste genau, wann und was es schießen durfte – Tito durfte jagen, wann und was er wollte.

Josip Broz, der von Jugend an Schneider hatte werden wollen, zeigte sich bald so fixiert auf Uniformen, dass er drei- bis viermal am Tag die Kleider wechselte. Er nahm regelmäßig Sonnenbäder. Schon 1947 verlegte Tito seinen Wohnsitz auf die istrische Insel Brijuni, auf der er einen Privatzoo mit exotischen Tieren einrichtete und Gäste wie Orson Welles, Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Elizabeth Taylor oder Richard Burton zu sich einlud. Pirjevec schätzt, dass Tito den jugoslawischen Staat mehr kostete als der ausschweifend lebende Aleksandar, der König Jugoslawiens.

Bleiburg kehrte wieder

Kurz nach dem Kriegsende kam es zu einer Welle von Verbrechen, die von den siegreichen Kommunisten verübt wurden. Im österreichischen Bleiburg wurden Tausende von angeblichen und tatsächlichen Nazi- Kollaborateuren erschossen oder auf Todesmärsche gezwungen. Früh gab es Säuberungsaktionen. Auch das berüchtigte Konzentrationslager Goli Otok, die „Nackte Insel“ in der Adria, wurde in diesen Jahren eingerichtet. Diese Verbrechen waren in Jugoslawien jahrzehntelang tabu. Das war einer der größten Fehler Titos und sollte später als das, was Freud die „Wiederkehr des Verdrängten“ nennt, wieder an die Oberfläche gelangen.

Doch lange vor dieser Wiederkehr, die in Gestalt eines blutigen Auseinanderbrechens des Vielvölkerstaates in den 90er Jahren folgte, wurde Jugoslawien unter Tito schnell von einem armen Agrarstaat zu einer modernen Gesellschaft mit höheren Lebensstandards, Konsumgütern, Bewegungs- und Kunstfreiheit.

Vor allem Titos Außenpolitik war erfolgreich. Ihm gelang das Unvorstellbare: Er schuf ein drittes Lager zwischen den verfeindeten Mächten USA und Sowjetunion. Mit Gründung der Bewegung der Blockfreien Staaten wurde Tito zu einem der führenden Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Er war der erste weiße Führer, der afrikanische und asiatische Staaten als seinesgleichen behandelte, ohne Bevormundung, dafür solidarisch in der Kritik an den Kolonialmächten. Die Hauptprinzipien der Bewegung der Blockfreien, wie friedliches Miteinander und gegenseitiger Respekt für territoriale Integrität und Souveränität sowie die Überzeugung, dass jenseits aller Ideologie die Lücke zwischen dem hoch entwickelten Norden und dem unterentwickelten Süden die größte Gefahr für den Weltfrieden darstellt, bleiben auch in der heutigen Zeit nuklearer Spannungen und im Zusammenhang mit dem, was der polnisch-amerikanische Diplomat Zbigniew Brzeziński kurz vor seinem Tod 2017 die „globale Neuausrichtung“ nannte, relevant.

Zeitgleich mit dem Aufstieg zur geopolitische Macht vollzogen die jugoslawischen Kommunisten eine gründliche innere Revolution. Auch wenn dem Projekt einer Arbeiterselbstverwaltung ursprünglich nur die Absicht zugrunde lag, die jugoslawischen Partisanen, die nach einem langen, verheerenden Krieg an die Macht gelangt waren, vor den Fängen des Stalinismus zu bewahren, und bei all seinen Unzulänglichkeiten, die schnurstracks zu einer neuen Nomenklatur anstelle von selbstverwalteten Arbeiterräten führten, war das ein wirklich eigenständiger Versuch, die Wirtschaft auf Kooperation und Demokratie zu gründen.

Trotzdem wogen die Probleme schwer. Auf der einen Seite führte die frühe Integration Jugoslawiens in den kapitalistischen Weltmarkt, wie Susan Woodward in ihrer einflussreichen Studie Socialist Unemployment. The Political Economy of Yugoslavia, 1945 – 1990 (Princeton 1995) gezeigt hat, zur Entwicklung einer Marktwirtschaft. Auf der anderen Seite führte die ungleichmäßige Entwicklung der Teilrepubliken zu einer Spaltung zwischen dem Zentrum und den Rändern des Staates. Bereits 1953 war Slowenien wirtschaftlich dreimal, 1989 achtmal so weit entwickelt wie das Kosovo.

Er verkannte die Reformer

Und doch machte die jugoslawische Gesellschaft in den Nachkriegsjahrzehnten eine radikale Wandlung durch: 1946 gab es im sozialistischen Jugoslawien 642.000 Arbeiter und Angestellte. Nach ökonomischen Reformen lag Ende der 60er der Anteil derjenigen, die in Industrie und tertiärem Sektor arbeiteten, schon bei vier Millionen. Die Zahl der Bauern war auf 50 Prozent der Bevölkerung geschrumpft. Im selben Zeitraum schnellte die Anzahl der Studierenden von 16.000 auf 200.000 nach oben. Die sozialistische Modernisierung veränderte das Land und seine Gesellschaft radikal.

Wie konnte das alles scheitern? Folgt man Jože Pirjevec, dann waren die späten 60er die entscheidenden Jahre, in denen die Zukunft Jugoslawiens noch einen anderen Weg hätte nehmen können.

Die Belgrader Studentenrevolte 1968 machte Forderungen nach einer größeren Demokratisierung des monolithischen Einparteiensystems von Seiten der sogenannten serbischen Liberalen hörbar. Infolge des „Kroatischen Frühlings“ in den frühen 70ern, als eine junge Generation kroatischer Parteifunktionäre mehr Autonomie Kroatiens innerhalb Jugoslawiens forderte, verstärkten sich nationalistische Tendenzen in allen Teilrepubliken.

Titos Reaktion war, diese neue Generation von Reformern, die Jugoslawiens letzte Chance hätten sein können, politisch kaltzustellen. Schon in den Zeiten also, in denen sich Jugoslawiens Prestige in der Welt und seine Wirtschaft auf dem Höhepunkt befanden, war das Land in tiefer Unordnung. Die Partei war zerstritten, der Wahlspruch „Brüderlichkeit und Einheit“ leer. Anstelle einer Demokratisierung kam es in den 70ern zu einem verstärkten Kult um Tito, kurz vor dessen Tod 1980.

Neuere Studien wie Darko Suvins Splendour, Misery, and Possibilities: An X-Ray of Socialist Yugoslavia (Brill 2016) oder Boris Budens Zone des Übergangs. Vom Ende des Postkommunismus (Suhrkamp 2009) bestreiten aber, dass der Anfang vom Ende Jugoslawiens in den 70ern lag. Folgt man den Autoren, dann begann der Zerfall bereits in den 50er und 60er Jahren.

Die politische Ökonomie und Widersprüche im Selbstverwaltungs-Projekt – so floss der Mehrwert nicht in die Taschen der Arbeiter, sondern in die einer wachsenden Klasse von Führungskräften, gleichzeitig war die Wirtschaft bereits in das globale kapitalistische System integriert, was gar zu Verhandlungen mit dem IWF führte – hätten das Ende viel früher eingeleitet. Das Problem war weniger der Mangel an Kapitalismus als zu viel davon. Der Nationalismus kam nicht aus dem Nichts.

Das wiedererwachte Interesse am Vermächtnis Titos und Jugoslawiens, der Erfolg der MoMA-Ausstellung, die unerwartete Popularität von Jože Pirjevec’ Biografie besonders in Slowenien und Deutschland (die chinesische Übersetzung soll in Kürze folgen) können daher nicht nur damit erklärt werden, dass der jugoslawische Sozialismus dann doch, trotz aller Schwächen und Fehler, ein besseres System als die postsozialistische Wüste war. Das Interesse an Jugoslawien hat mit der Zukunft selbst zu tun. Heute ist nicht mehr nur der Balkan das „dunkle Herz“ Europas. Europa selbst liegt in Dunkelheit. Die mächtigen Finanzinstitute, Banken und Unternehmen, die Europas Politik mitbestimmen, kennen keine Grenzen. Neue Arbeitsgesetze und Marktderegulierung, Privatisierung von Gesundheitsversorgung, Bildung und öffentlichen Räumen sind an der Tagesordnung. Die Peripherie Europas, Griechenland, Spanien oder Kroatien, war das erste Opfer dieser „Schocktherapie“. Doch der Bumerang kehrt ins Zentrum, nach Großbritannien, Frankreich und Deutschland, zurück.

In ganz Europa erleben wir den Aufstieg extremistischer und populistischer Bewegungen. Rechtsradikale und fremdenfeindliche Kräfte übernehmen Regierungsverantwortung , halbautoritäre Staaten mit neuen Gesetzen gegen Einwanderer und neu entworfenen Verfassungen wie Ungarn und Polen etablieren sich in Europa. Täglich werden neue Mauern errichtet. An den Außengrenzen der EU, in Kroatien und Albanien, aber auch in Mittelmeerländern wie Libyen oder der Türkei wird das Flüchtlingsproblem derzeit militärisch „outgesourct“.

Im Juni 2018 haben die Innenminister von Österreich, Deutschland und Italien eine, wie sie der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz nannte, „Achse der Willigen“ zur Bekämpfung illegaler Einwanderung gebildet. Ob die Analogie beabsichtigt war oder nicht: Eine „Achse“ zwischen genau diesen drei Staaten hat Europa im Zweiten Weltkrieg besetzt, mit verheerenden Folgen für den gesamten Kontinent und seine Völker.

Was ist die Lehre, die die Geschichte Jugoslawiens für unseren dystopischen Moment bereithält, in dem wir im „Presentismus“ der Instant Messages und Fake News der sozialen Netzwerke ertrinken? Wo ein historischer Revisionismus floriert, der Faschismus und Nazismus wieder zu legitimen Diskursen werden lässt? War Jugoslawien wirklich ein „Alien“? Sind nicht eher der gegenwärtige Niedergang des Kapitalismus und seine Wiedergänger nicht von dieser Welt?

Srećko Horvat wurde 1983 im jugoslawischen Osijek geboren. Der kroatische Philosoph ist Mitbegründer der Bewegung DiEM25

Übersetzung: Christina Borkenhagen
06:00 09.03.2019
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