Sein Finger sollte nicht in die Nähe des Roten Knopfes kommen

Dokument der Woche Phillip Butler erinnert sich an seinen Kriegskameraden John McCain

US-Präsidentschaftskandidat John McCain lässt sich gern als Kriegsheld feiern, der in nordvietnamesischer Gefangenschaft mehr als fünf Jahre lang unter Folter zu leiden hatte. Phillip Butler, als Kampf-Pilot 1965 über Nordvietnam abgeschossen und danach acht Jahre im gleichen Gefangenen-Camp wie McCain, verweist einige Darstellungen, mit denen sein einstiger Kriegskamerad im Wahlkampf zu punkten sucht, ins Reich der Legenden.

Am 21. August veröffentlichte Butler seine Erinnerungen auf der Website von AlterNet, einer Organisation, die Veteranen des Vietnam- wie des Irak-Krieges offen steht. Wir dokumentieren seinen Text leicht gekürzt.

Ich kenne John McCain schon seit unserer gemeinsamen Zeit auf der US-Marineakademie, ich traf ihn wieder, als wir beide Kriegsgefangene der Nordvietnamesen waren, Mitte der sechziger Jahre. Ich respektiere und bewundere ihn in mancherlei Hinsicht, aber es gibt für mich eine ganze Reihe von Gründen, ihn nicht zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu wählen.

Der Reihe nach: Ich war 1957/58 als Plebe (Student im ersten Jahr) an der US-Marineakademie, und das Schicksal wollte es, dass John, der sein letztes Ausbildungsjahr absolvierte, nicht nur im gleichen Flur, sondern mir direkt gegenüber wohnte. Glauben Sie mir, damals hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dieser verrückte Marine würde eines Tages Senator und Präsidentschaftskandidat sein!

John war ein wilder Kerl, er war lustig, intelligent, schlagfertig und hatte Humor. Er schien es darauf abgesehen zu haben, jede Dienstvorschrift der Marine zu verletzten, die in unserem zehn Zentimeter dicken Regularienbuch stand. Und ich glaube, er kam seinem Ziel so nahe ist wie kein anderer Fähnrich, der jemals die Akademie besuchte.

John hat sich sicher mutig und korrekt verhalten, aber er war damals ein Held unter vielen

Es ließen sich über John viele Geschichten aus diesem einen Jahr erzählen, in dem wir uns begegneten. Fast unglaublich, dass er seinen Abschluss schaffte, obwohl er den Großteil seiner Zeit damit verbrachte, die Strafen zu verbüßen, die ihm seine Regelverstöße einbrachten. Tatsächlich wäre er beinahe durchgefallen und schloss als der Viertschlechteste seines 800 Mann starken Jahrgangs ab. Wir haben seinerzeit viel darüber spekuliert, ob er sein Diplom nicht der Tatsache zu verdanken hatte, dass sowohl sein Vater als auch sein Großvater Admiräle und gleichfalls Absolventen dieser Marineakademie waren.

Die Leute fragen mich oft, ob ich mit John McCain in Kriegsgefangenschaft gewesen sei. Meine Antwort darauf lautet stets: "Nein - John McCain war mit mir in Kriegsgefangenschaft." Mich nahmen die Nordvietnamesen am 20. April 1965 gefangen - John kam erst über zwei Jahre später zu uns und saß danach fünfeinhalb Jahre im Gefangenencamp.

Wurde er während der ganzen Zeit gefoltert? Nein. Er war nur in den ersten beiden Jahren Misshandlungen ausgesetzt, von September 1967 bis September 1969. Dann änderten die Nordvietnamesen ihr Verhalten, gaben uns mehr zu essen und gewährten uns wenigstens ein Minimum an medizinischer Behandlung. Am 9. September 1969 war ihr Präsident Ho Chi Minh gestorben, seine politischen Erben waren pragmatisch genug zu wissen, dass wir mehr wert waren, wenn wir am Leben blieben und als Pfand eingesetzt werden konnten. Sie hatten recht, denn die Amerikaner zogen schließlich aus Indochina ab und erklärten sich bereit, für die Freiheit der Kriegsgefangenen den Vietnamesen im Gegenzug das Land zu überlassen. In meinen Augen ein verdammt gutes Geschäft!

Worum es mir an dieser Stelle aber geht, ist der Umstand, dass John McCain gerade jetzt als Präsidentschaftskandidat den Medien gestattet, ihn als den Helden der Kriegsgefangenschaft darzustellen, obwohl er weiß - das stimmt absolut nicht.

Sicher, John wurde bei seinem Abschuss schwer verwundet. Er brach sich beide Arme und erlitt weitere Verletzungen, als er aus dem Flugzeug geschleudert wurde. Eine medizinische Versorgung gab es entweder gar nicht oder sie war unzureichend. So gut wie nie wurde etwas getan, um Schmerzen zu stillen. Oft wurden Verletzungen dazu missbraucht, Gefangene zu foltern. Da er einen Vater hatte, der während des II. Weltkrieges als Marinekommandeur im Pazifischen Ozean operierte, wurde John, solange er verwundet war, von den Vietnamesen immer wieder vor laufender Kamera interviewt. Diese Aufnahmen wurden von vielen Leuten gesehen, allerdings ist es vielen Kriegsgefangene kaum anders gegangen. Auch sie wurden auf ähnliche Weise für die Propaganda benutzt.

John erhielt irgendwann das Angebot einer "vorzeitigen" Entlassung angeboten, was er ablehnte. Vielen von uns wurde dieses Angebot gemacht. Man musste sich nur negativ über sein Land äußern und erklären, die USA seien kriminell - wir als Gefangenen seien dagegen "nachsichtig und menschlich" behandelt worden. Ich schlug ein solches Ansinnen wie viele andere aus. Es war klar, dass keiner von uns diese Bedingung akzeptieren konnte. Außerdem waren wir an unsere Dienstvorschriften, die Genfer Konventionen und unser Versprechen gebunden, eine vorzeitige Entlassung abzulehnen, solange nicht alle Kriegsgefangenen in Freiheit kämen - die Kranken und Verletzten zuerst.

John wurde später mit dem Silver Star und der Purple-Heart-Medaille für Tapferkeit und Verletzungen im Kampf ausgezeichnet, die Presse verstand es, dies bei verschiedenen politischen Kampagnen immer wieder hochzuspielen. Man sollte freilich wissen, dass es in Nordvietnam ungefähr 600 Kriegsgefangene gab, von denen acht die Medal of Honour erhielten, die höchste Auszeichnung der US-Streitkräfte für Tapferkeit im Kampf, 42 das Verdienstkreuz für Tapferkeit und 590 den Silver Star für Tapferkeit. John hat sich sicherlich mutig und korrekt verhalten, aber er war ein Held unter vielen. Bei seinen Wahlkampfauftritten entsteht ein anderer Eindruck.

John legte in seiner Zeit als Kriegsgefangener gewiss Mut, Loyalität und Zuverlässigkeit an den Tag - doch die 600 anderen Gefangenen taten dies genauso. Es gab viele Helden in Nordvietnam, wir motivierten uns gegenseitig, nicht aufzugeben, und waren zu Dingen in der Lage, die wir nicht für möglich hielten. Als Kriegsgefangener durchzuhalten, ist ein Mannschaftssport, nichts für Einzelkämpfer. John weiß das, er stand seine Gefangenschaft nicht allein durch, sondern schaffte das - wie wir alle - mit der Hilfe vieler Kameraden.

Ich bin auch der Ansicht, Kriegsgefangener in Viet­nam gewesen und für das Amt des Präsidenten der USA qualifiziert zu sein - das sind zwei Paar Schuhe. Ich persönlich erwarte von keinem Präsidentschaftskandidaten, dass er in Kriegsgefangenschaft war.

Es ärgert mich, wenn ich sehe, dass John in politischer Hinsicht etwas anderes zu sein vorgibt, als er ist

Johns Ruf als Hitzkopf kann ich nur bestätigen. Er hat ein aufbrausendes Temperament, wovon sich viele aus erster Hand überzeugen konnten. Ganz ehrlich, das ist nicht der Finger, den ich in der Nähe dieses roten Knopfes wissen will!

Auch bin ich enttäuscht, dass er Bushs Krieg im Irak unterstützt und sogar davon redet, wir könnten noch 100 Jahre dort bleiben. Für mich repräsentiert John die etablierte und bankrotte Washingtoner Politik-Routine. Die Jahre seit 2001 waren für unser Land ein Desaster, aber soweit ich sehen kann, unterscheiden sich Johns Ansichten zu Krieg, Außenpolitik, Wirtschaft, Umwelt, Gesundheit, Erziehung oder nationale Infrastruktur kaum von denen der Bush-Regierung.

Es ärgert mich, wenn ich sehe, dass John in politischer Hinsicht etwas anderes zu sein vorgibt, als er ist. Er ist eben kein moderater Republikaner. Von Ausnahmen abgesehen, weist die Bilanz seines Abstimmungsverhaltens im Senat weit nach rechts. Ich mache mir Sorgen, dass seine Nominierungen für den Obersten Gerichtshof einen weiteren Verlust an individueller Freiheit, besonders bei Fragen der Moral und Religion, zur Folge haben. John ist kein religiöser Mensch, was ihn nicht daran hindert, in letzter Zeit keine Gelegenheit auszulassen, um mit wirklich widerwärtigen und durchgeknallten religiösen Fanatikern gemeinsam aufzutreten. Ich bin auch enttäuscht darüber, wie er sich bei Bush einschmeichelt, obwohl ich genau weiß, dass er den Typen nicht ausstehen kann. Er legt diesem Kerl in der Öffentlichkeit heuchlerisch den Arm um die Schulter, selbst nachdem Bush ihn mit Lügen und Beleidigungen überzogen hat. In diesem wie in vielen anderen Fällen sehe ich in John nicht den "Mann, der Klartext redet".

Senator John Sidney McCain ist ein bemerkenswerter Mensch, der sich bedeutende persönliche Verdienste erworben hat, und ich bin stolz darauf, ihn meinen POW-Kameraden (POW: Prisoner of War, Kriegsgefangener) nennen zu dürfen, der "in allen Ehren" zurückgekehrt ist. Da ich aber immer wieder danach gefragt werde, was ich von ihm halte, habe ich beschlossen, es aufzuschreiben. Kurz gesagt, ich denke, John McCain ist ein guter Mensch, aber keiner, dem ich bei der bevorstehenden Wahl meine Stimme geben werde.

Zwischentitel von der Redaktion / Übersetzung Holger Hutt

Nach seiner Heimkehr aus Vietnam im Jahr 1973 promovierte Phillip Butler an der University of California in San Diego in Soziologie und wurde Berater für Organisatorische Effektivität bei der Marine. Er beendete seine Karriere inzwischen als Professor für Management an der Postgraduiertenschule der Marine in Monterey, Kalifornien. Heute engagiert er sich bei den Veterans for Peace.

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