Sein viertes Leben

Literatur Mindestens dreimal totgesagt und immer noch aktuell: Karl Marx´ Schriften erfreuen sich in der Krise großer Beliebtheit – nicht zuletzt auf dem Buchmarkt

Im Jahre 1844, eben 26-jährig, schreibt der aufklärerische, junge Marx: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendet, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“ Es kann also losgehen. Die Träume der Menschheit drängen zur Realität: „Alle Mysterien … finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis“, heißt es ein Jahr später.

Das war einmal. Wer sich heute in der Welt umschaut, ahnt, dass Aufklärung eine Sisyphusarbeit ist. Überall triumphiert die Religion, im besten Fall als Eingeständnis der Undurchschaubarkeit und Unzulänglichkeit menschlicher Praxis, als Bedürfnis nach Orientierung, im schlimmsten Fall als ökonomischer Aberglaube und fundamentalistische Verkleidung von Kriegen. Muss die Kritik der Religion also ganz von Neuem beginnen?

In der von Marc Jongen herausgegebenen Broschüre Der göttliche Kapitalismus verneigen sich vor diesem Deutschlands prominenteste Köpfe. Der Leser denkt bei der Zeremonie unwillkürlich an Brechts Gedicht 700 Intellektuelle beten einen Öltank an. Die kleine Schrift erschien, noch bevor die Finanzkrise sich selbst zum Thema „religiöser Schwindel“ zu Wort gemeldet hat. Aber sie enthüllt nicht mehr, als das, was man ohnehin schon immer wusste: Geld, und selbst fingiertes, macht sinnlich. Ein Schwindel im Kopf und einen Pferdefuß stören dabei niemand.

Krise als Hilflosigkeit gegenüber dem Überfluss

In der Diskussion über den göttlichen Kapitalismus ist Jochen Hörisch, Literatur- und Medienwissenschaftler an der Universität Mannheim, zum Pakt mit dem Teufel bereit: „Ohne Sich-einrichten in der schlechten Welt, ohne diese schlechte Welt kultisch zu verehren und hedonistisch zu genießen ... kann ich mir friedfertiges, lustvolles Leben gar nicht vorstellen“. Um dieses erstaunliche Bekenntnis, das ehrlichste und bemerkenswerteste der Veranstaltung, kommt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus heute nicht herum.

Es entspringt der Erkenntnis, dass Krise nicht mehr als Gütermangel begreifbar ist, sondern als Hilflosigkeit gegenüber dem Überfluss, den wir heute produzieren. Dass nicht alle Menschen an ihm partizipieren, ist dabei das kleinere Problem. Das größere besteht in der materiellen und geistigen Zerstörung, den der Überfluss anrichtet und in der religiösen Faszination, die er dabei ausübt, die in dem angezeigten Bändchen bestens, aber unkritisch, beschrieben wird

Es mag überraschen, aber Marx hat dem Thema, ziemlich unbeachtet von der Arbeiterbewegung, die nie im Überfluss geschwommen ist und daher die Krise immer als Mangel sah, zentrale Bedeutung beigemessen. Krise ist bei ihm immer Überproduktion und Unterkonsumtion zugleich. Machtlosigkeit vor den entfesselten Produktivkräften wird 1844 in den Pariser Manuskripten als eine besondere Verelendung diagnostiziert: „Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu“. Ein Satz, der, als er geschrieben wurde, äußerst kühn und schwer verständlich war, heute aber jedermann einsichtig ist.

Die große, historische Leistung des Kapitals, die Produktion um der Produktion willen, entwickelt die „menschliche Natur“ um den Preis wachsender Entfremdung und fetischistischer Gebanntheit. Beide Begriffe entspringen der Religionskritik und das ganze Marx‘sche Werk, nicht nur die wunderbaren Frühschriften, kreisen um die Frage, wie der Mensch, von diesen Pathologien befreit, zu einem selbstbestimmten Wesen werden könne.

Unterkonsumtion

Das wird möglich dadurch, dass der vom Kapitalismus geschaffene Überfluss die Emanzipation des Menschen von der Nationalökonomie und der ihr eigentümlichen Not (berechnete Knappheit) ermöglichen kann, sodass mit der Entwicklung der Sinne und der Genussfähigkeit jenes Bedürfnis wächst, das die Menschen dazu bringt, einander als Notwendigkeit und höchsten Reichtum zu empfinden. Aber erst durch die Aufhebung der Entfremdung werden die Sinne, das Produkt „der ganzen bisherigen Weltgeschichte“, zu menschlichen Sinnen, wird das Auge des Menschen zum menschlichen Auge.

Ein nüchterner Mann wie John Maynard Keynes kommt im Grunde zum gleichen Ergebnis, wenn er im Interesse der „Lebenskunst“ seinen Enkeln für das Jahr 2030 eine entzauberte Nationalökonomie verspricht, notwendig und bescheiden wie Zahnheilkunde. Realistischer als Marx warnt er aber: „Doch, glaube ich, gibt es kein Land und kein Volk, das dem Zeitalter der Muße und der Fülle ohne Furcht entgegenblicken könnte“. Die göttliche Kraft des Kapitalismus, scheint mir, entspringt wie die jeder Religion, vor allem der Furcht. Im entwickelten Kapitalismus der Furcht vor der Fülle und der Unfähigkeit, mit ihr etwas „Menschliches“ anzufangen.

Vor diesem Hintergrund wirkt es kurzatmig, nur wegen der Finanzkrise Marx wieder zu bemühen. Marx ist der große Philosoph, Ökonom und Historiker, der als erster und bisher unübertroffen die Schlüsselfragen der Moderne in ihrem Zusammenhang gesehen hat. Ihn zu lesen, erfordert eine gewisse Anstrengung, die vergnüglich werden kann, wenn man lernt, Seiten zu überspringen (ohne den Faden zu verlieren) und surreale Formulierungen nicht tierisch ernst zu nehmen.

Eine zusätzliche Schwierigkeit besteht darin, dass zwischen dem heutigen Leser und den Marx‘schen Schriften mehr als hundert Jahre „Marxismus“ stehen. Wolfgang Wippermann, Berliner Geschichtsprofessor, hat es unternommen, das Weiterleben und die Metamorphosen der Marxschen Ideen kritisch darzustellen. Nach seiner Auffassung ist Marx drei mal totgesagt worden und schickt sich an, heute in sein viertes Leben zu treten.

Dem ersten Leben (1818-1883) widmet Wippermann 50 spannend zu lesende Seiten, die ein Gefühl für die Großartigkeit dieser Biographie vermitteln: eine außergewöhnliche Liebesgeschichte, Agitation und Exil, ein Gelehrtendasein zwischen Pfandhaus und Bibliothek, ein Familienleben voller Chaos und Tragödien, die rettende Freundschaft mit Engels.

Das zweite Leben beginnt mit der Rezeption der Marx‘schen Gedanken durch die deutsche Sozialdemokratie und endet mit der Präparation und Exposition der Leiche durch den Marxismus-Leninismus-Stalinismus. Das dritte Leben beginnt mit der Kritik dieser Entwicklung durch Trotzki, Rühle, Korsch, Lukacs, Bloch, Gramsci und andere (die Kritische Theorie) und endet in der Gewaltexplosion der Dritten Welt (Mao und Che).

Übergang

Diese kleine Geschichte der im Marxismus verkleideten, entwickelten und deformierten Marx‘schen Ideen hat zwei Vorzüge. Sie gewährt einen Überblick über die reiche, widersprüchliche und auch perverse Rezeption des ebenso fragmentarischen wie gigantischen Werkes von Marx und gibt den Blick frei auf die ursprünglichen Texte. Bei zwei zentralen Themen wird man trotzdem weiter im Dunkeln tappen: bei dem der Gewalt und dem des Staates. Wird Karl Marx in seinem von unserem neuen Interesse getragenen vierten Leben bei diesen Fragen zu befriedigenden Ergebnissen kommen?

Stefan Kraft und Karl Reitter heben – in dem von ihnen herausgegebenen Band Der junge Marx - Philosophische Schriften – mit Recht die Radikalität der Marx‘schen Staatskritik in den Frühschriften hervor, namentlich in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (von 1843, nicht die berühmtere Einleitung). Allen linken Parteien ins Stammbuch geschrieben findet sich hier der Satz: „Wo es politische Parteien gibt, findet jede den Grund eines jeden Übels darin, dass statt ihrer ihr Widerpart sich am Staatsruder befindet. Selbst die radikalen und revolutionären Politiker suchen den Grund des Übels nicht im Wesen des Staats, sondern in einer bestimmten Staatsform, an deren Stelle sie eine andere Staatsform setzen wollen“ . Aber wen interessiert noch „das Wesen des Staats“?

Es ist intellektuell wohltuend, sich von diesen Schriften, die erst im 20. Jahrhundert bekannt wurden, im 21. Jahrhundert verstören zu lassen. Gerade bei der Frage der Gewalt. Marx hatte keine „gewaltfreie Strategie“ für den von ihm ins Auge gefassten Übergang zu einer gewaltfreien Gesellschaft. In seinem Leben hat er zwei Revolutionen erlebt, die von 1848/49 und die Pariser Kommune von 1871. Beide waren frei von Exzessen und jenem systematischen Vernichtungswillen, mit denen das französische Bürgertum unter dem Applaus Europas diese Erhebungen massakriert hat.

Die Kommune hat etwa 500 Menschen umgebracht, der Rache dafür fielen in wenigen Wochen zwischen 18.000 und 40.000 Menschen zum Opfer. Die Kommune war die letzte, wenn auch nur für kurze Zeit erfolgreiche Revolution in einer wirtschaftlich und gesellschaftlich hoch entwickelten Situation. In den Jahren nach der Oktoberrevolution und später in der Dritten Welt wird die Gewaltfrage unter ganz anderen historischen Bedingungen zu analysieren sein. Es waren Revolutionen nicht so sehr gegen das Kapital, sondern, wie Gramsci schon bemerkte, gegen Das Kapital von Marx, worauf auch Wippermann hinweist.

Im 20. Jahrhundert lief die Geschichte nicht nach dem dort umrissenen Schema ab. Die Revolutionen der Dritten Welt sind aber nicht deshalb „antimarxistisch“, wie Wippermann meint, der sich wie Luther in seinem Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern über die den Bauernkriegen innewohnenden Gewaltausbrüche entrüstet. Dass das maoistische China an Terror noch „die stalinistische Sowjetunion in den Schatten stellt“, offenbart ein Schielen nach Guinness-Rekorden und ist eines Historikers, der bei Marx in die Schule gegangen sein will, ebenso unwürdig wie die Spekulation: „Che Guevara war kein Faschist, hätte aber ohne Weiteres zu einem solchen werden können, wenn er nicht von Repräsentanten der Gegenrevolution ermordet worden wäre.“

Ziemlich primitiv

Zur Marxismusrezeption und den durchaus fragwürdigen Heroen der Studentenbewegung hat der engagierte Wippermann vielleicht aus biografischen Gründen zu wenig Distanz. Er greift zu Superlativen, die Unterschiede einebnen („Der Kult um Che-Guevara übertraf den um Lenin und Stalin betriebenen bei Weitem“) und erteilt Herbert Marcuse und Rudolf Bahro Zensuren („insgesamt ziemlich primitiv“ beziehungsweise: „ziemlich platt“). Hält man das aus, liest man das Buch mit Gewinn.

Die derzeit vielleicht sanfteste Einführung in das Marx‘sche Leben und Denken bieten zwei sich ergänzende Taschenbücher, eine Biographie und ein Lesebuch, beide von Klaus Körner. Die Lektüre der Bände ist informativ, gerade weil sie berichten, ohne ideologische Kästchen bereit zu halten, um Marx als überholten Ökonom zu entsorgen, von dem nichts übrig bleibt als die Moral. Es ist erstaunlich, wie ängstlich bemüht die Intellektuellen sind, wenn es um Marx geht.

Nur keine Bewunderung für dieses außerordentliche Leben, nur keine Freude an den großen journalistischen Beiträgen, nur keinen Spaß an den polemischen Schriften, nur keine Neugier für die rasch ad acta gelegten ökonomischen und politischen Thesen. Wer von Marx noch nichts oder wenig weiß und wer noch nicht so abgebrüht ist, dass er sich aufrührerischen Gedanken nicht mehr aussetzen kann, ist mit diesen beiden Bänden auf dem besten Weg, Marx neu zu entdecken.

Der göttliche Kapitalismus. Ein Gespräch über Geld, Konsum, Kunst und Zerstörung mit B. Groys, J. Hörisch, T. Macho, P. Sloterdijk und P. WeibelMarc Jongen (Hrsg.) Schriftenreihe der HfG Karlsruhe Neue Folge Band 1. Fink, München 2007, 62 S., 9,90

Karl Marx Lesebuch Klaus Körner (Hrsg.). DTV, München 2008, 302 S., 8,90

Karl Marx Klaus Körner. DTV, München 2008, 189 Seiten, 10

Der junge Marx. Philosophische Schriften.Stefan Kraft/Karl Reitter (Hg.). Promedia, Wien 2007, 174 S., 12,90

Der Wiedergänger. Die vier Leben des Karl Marx Wolfgang Wippermann. Kremayr Scheriau KG, Wien 2008, 220 S., 19,90

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05:00 10.06.2009

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