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Missverhältnis Auch wenn Geschlechterkriterien selbstverständlicher werden. In der Kanon-Debatte zeigt sich immer noch die Prägekraft männlicher Sichtweisen in Literatur, Literaturkritik und Literaturwissenschaft

Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König. Dieser Kinderreim, zeitversetzt hintereinander gesungen oder gesprochen, ist ein beliebtes Muster für einen Kanon. Ist die Beschränkung, die der Reim auch inhaltlich predigt, das richtige Leitmotiv für den "Kanon", der seit ein paar Jahren, verstärkt jedoch nach der PISA-Studie, in der bildungspolitischen Debatte gefordert wird? Oder müsste ein verbindlicher Kanon kultureller Bildung nicht doch eine größere Variationsbreite aufweisen und die nationale Perspektive überschreiten? In zwei Beiträgen zur Geschichte des Kanons und zur Kanon-Diskussion aus feministischer Perspektive sollen zwei zu kurz gekommene Aspekte einer kontroversen Debatte ausgeleuchtet werden.

Autorinnen in den Kanon! Die oft gehörte Forderung in der Kanon-Debatte, die alle Jahre wieder aufbricht, ist auch im Jahre 2002 noch aktuell. Wer das nicht glaubt, den könnte eine kurze Recherche im Internet eines Besseren belehren. Denn was beispielsweise im Sommersemester 2002 an Universitäten als "Literatur der Moderne" gelehrt wurde, zeugt von einer langlebigen Ignoranz gegenüber den Ergebnissen von 30 Jahren Forschung feministisch orientierter Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler. Man kann sich die nur allzu bekannte Auszählung von Namen ersparen. Das quantitative Miss-Verhältnis zwischen der Anerkennung und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Texten von Autoren und Autorinnen der Moderne wurde schon vor zehn Jahren vehement von einer Gruppe von Literaturwissenschaftlerinnen der Freien Universität kritisiert. Inzwischen existiert ein dickes Metzler Autorinnen Lexikon mit 400 Einträgen zu internationalen Autorinnen, in dem die Kollegen nachlesen könnten. Aber literaturgeschichtliche Modelle sind langlebig wie alle Modelle, und ehe die Nachträge zum Kanon auch in durchschnittlichen Literaturgeschichten und Lehrbüchern ankommen, müssen wir eben mit polemischen Gegenmodellen arbeiten, Seminare und Vorlesungen zur "weiblichen Moderne" veranstalten.

Dem Kanon wohnt schon vom wortgeschichtlichen Ursprung (bei den Heiligen Schriften) her eine Tendenz zur Universalisierung inne. Kanon - das meint ein Korpus von Überlieferungen (von Werken, AutorInnen und Deutungen), den eine Gemeinschaft als besonders wertvoll und deshalb tradierenswert anerkennt. Die Funktion des Kanons besteht darin, einer konkreten Gesellschaft Legitimation zu verschaffen. Das geschieht durch Verankerung in der Vergangenheit, also Traditionsbildung, durch Identitätsstiftung, also meist durch Abgrenzung und schließlich durch Handlungsorientierung - im Kanon sind Normen und Werte formuliert und festgeschrieben.

Unser Moderne-Verständnis ist geprägt von einer Autonomie-Ästhetik, die an Texten ausschließlich männlicher Autoren entwickelt wurde. Daher wird nur zu verständlich, wie schwer es ist, einen solchen Kanon aufzubrechen und zu erweitern. Man muss auf unser Verständnis der Moderne deshalb besonders eingehen, weil eine Vielzahl aktueller Wertungen von Literatur dort ihre Wurzel hat. An dem erwähnten Missverhältnis ändert es nur wenig, dass sich inzwischen nur noch ein Reich-Ranicki leisten kann, in seinen Kanon des 20. Jahrhunderts gerade mal zwei oder drei Autorinnen aufzunehmen. Strukturell problematisch ist es, dass nach wie vor Leute mit solch zurückgebliebenen patriarchalisch-verkümmerten Kanonkriterien die Autorität haben, ihre Wertungen an wirkungsmächtigen Orten öffentlich zu machen. Über Massenmedien oder über breitenwirksame Textsammlungen wie Reich-Ranickis Frankfurter Anthologie werden so längst überholte Kanones, Deutungen und Maßstäbe erneut etabliert und befestigt.

Es gibt, so weit ich sehe, keine Gegeninstanz, keine einflussreiche Gegenöffentlichkeit, welche dem etwas entgegensetzen könnte. Frauen sind in ihren Versuchen fast zwangsläufig immer in der Defensive, müssen sie doch das Argument des Geschlechts benutzen, um auf Ausgrenzungen, Blindheiten, Marginalisierungen hinzuweisen, wo der Herausgeber einer Anthologie, der Verfasser einer Literaturgeschichte, der Redakteur eines Kulturmagazins scheinneutrale Maßstäbe literarischer Qualität in Anschlag bringt. Dass nach wie vor eben diese Maßstäbe weitgehend auf der Grundlage männlicher Textproduktion, von überwiegend männlichen Verlegern, Herausgebern, Redakteuren entsprechend ihrer Interessen, ihrer Weltsicht, ihrer Wahrnehmungsweisen entstehen, also eben nicht geschlechtsneutral sind, das ist der wunde Punkt, auf den Autorinnen und Wissenschaftlerinnen den Finger legen müssen.

Gleichzeitig gibt es einen Unterschied zwischen dem Umgang mit aktueller Literatur und dem Kanonstreit um "die Literatur des 20. Jahrhunderts": Debüts werden auf dem innovationsgierigen literarischen Markt (und auch innerhalb der Universität) überaus wohlmeinend aufgenommen, unabhängig vom Geschlecht ihrer Autorin oder des Autors oder genauer gesagt eigentlich unter Betonung ihres Geschlechts. Frischfleisch verkauft sich gut, je jünger desto besser. Auch Themen, Schreibweisen und literarische Gegenstände, die noch vor 20 Jahren tabuisiert waren, werden heute vom Literaturbetrieb umstandslos "geschluckt". Insofern haben sich jahrzehntelange Kämpfe der Frauenbewegung normalisierend ausgewirkt: Literatur, die weibliche Perspektiven und Erfahrungen zur Geltung bringt, das weiß inzwischen jeder Lektor, muss in jedem Verlagsprogramm vertreten sein. Ja, seitdem die Leseforschung darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Mehrheit der "Leser" (und Käufer) schöngeistiger Literatur weiblichen Geschlechts ist, wurde auch darauf marktwirtschaftlich reagiert. Die Hoch-Zeit der "Frauenreihen" in den Verlagen ist allerdings vorbei. Heute wird kaum noch ein Mann versuchen, sich unter weiblichem Pseudonym in die Frauenkrimireihe eines Verlags zu schummeln wie in den achtziger Jahren. Eine Frauenzeitschrift auf dem intellektuellen Niveau der großen Zahl hochgebildeter Frauen in Deutschland fehlt allerdings.

Zwar kann man kaum darüber hinwegsehen, wie gerade Autorinnen über ihr Äußeres vermarktet werden, aber diese Art von Typisierung trifft auf männliche Debütanten zumindest teilweise auch zu. Das Autorenfoto wird wichtiger als die Textprobe - das hat mit der Visualisierung unserer Alltagskultur zu tun. Natürlich tragen Etikettierungen wie "Fräuleinwunder" im Unterschied zur männlich besetzten Fraktion der sogenannten "Popliteraten" noch Spuren tradierter Geschlechterzuschreibungen. Trotzdem findet das Debüt einer Autorin eine ebenso faire (oder auch unfaire) Aufnahme wie ein Autor. Auch in der Vergabe von Literaturpreisen und Stipendien lassen sich kaum noch offensichtliche Diskriminierungspraxen erkennen. Zu fragen ist, inwieweit solche Praxen im Vorfeld des Debütierens existieren. Dort greifen sicher Moden genauso wie verinnerlichte Maßstäbe der LektorInnen und VerlegerInnen (da sind wir wieder am Ausgangspunkt). Zugespitzt ergibt sich folgendes Bild: wie gerade auch im Wahlkampf zu verfolgen war, stehen Frauen und Männer sozusagen in der ersten Runde noch Seite an Seite. Bis es an die Verteilung der strategischen Posten geht. Zwar funktionieren patriarchale Mechanismen an der Oberfläche und öffentlich nicht mehr ungehindert, hinter den Kulissen allerdings um so mehr. Da, wo es um "harte" Entscheidungen geht, um die Aufnahme in den Kanon des längerfristig Anerkannten, da greifen die alten Strukturen.

Das lässt sich an den zahlreichen Inventuren zum Kanon des 20. Jahrhunderts ablesen. Die "Liste der Jahrhundertlyriker", die in der wahrlich nicht konservativen Literaturzeitschrift Das Gedicht im Jahre 1999 zustande kam (und nun bin ich doch am Erbsenzählen), enthielt für die deutschsprachige Lyrik unter 100 Namen gerade 13 von Autorinnen. In der Rangfolge der ersten zehn waren es zwei (Bachmann und Mayröcker). Natürlich wirken sich hier verinnerlichte Maßstäbe aus, noch immer sind ja nicht nur Männer der Meinung, Frauen könnten nun mal keine Gedichte schreiben. Nun wird niemand behaupten wollen, Frauen hätten das "richtigere" Urteil. Wenn allerdings nur vier Frauen in die 56köpfige Jury der Umfrage gebeten wurden, zeigt sich hier ein strukturelles Problem. Wem wird Autorität zugesprochen? Wessen ästhetisches Urteil gilt wie viel? Nehmen wir den öffentlichen Umgang mit Urteilen von Sigrid Löffler oder Iris Radisch. Halten wir die Wertschätzung, mit der fast jeder neue Text von Durs Grünbein (auch ein gänzlich durchschnittlicher wie das Tagebuch Das erste Jahr) rechnen kann, dagegen. Könnte eine Undine Grünbein in gleichem Maße darauf setzen? Natürlich ist das Spekulation.

Eine ganz andere Dimension betrifft die Frage, inwiefern Frauen heute noch am Schreiben gehindert werden. Was unterscheidet den sozialen Status einer "freien Autorin" von demjenigen ihres männlichen Kollegen? Dass sie auch in unserer gegenwärtigen Gesellschaft als Frau die Verantwortung für alles Soziale, also Familienzusammenhalt, Kindererziehung, Krankenpflege und so weiter in weit höherem Maße trägt als ein Mann. Sie sind nach wie vor qua Geschlecht ökonomisch und sozial benachteiligt wie alle statistischen Jahrbücher, Arbeitslosenstatistiken, und Armutsberichte zeigen. Zur Sicherung gleicher Ausgangspositionen ist eine spezielle Interessenvertretung gewerkschaftlicher Art nötig.

Soll man nun für oder gegen einen Kanon sein? Natürlich ist ein Kanon heute nicht mehr so verbindlich und statisch wie im 19. Jahrhundert. Und das ist auch gut so. Unsere Öffentlichkeit ist pluraler, heterogener. Ja eigentlich muss man von Öffentlichkeiten sprechen. Doch auch wenn man dies weiß, sollte jedoch zugleich daran gearbeitet werden, den Kanon des Anerkannten, Geförderten, für tradierenswert Gehaltenen zu erweitern. Dabei sind immer auch die Maßstäbe der literarischen Wertungen in Frage zu stellen. Und zwar nicht nur in Bezug auf geschlechtsbezogene Dimensionen und Blindheiten, sondern auch in bezug auf soziale und nationale. Alle Positionen zur Abschaffung eines Kanons oder seiner Pluralisierung ignorieren aber ein Problem: je mehr geschrieben, gedruckt, verlegt und verkauft wird und je mehr zugänglich wird, um so mehr sind die LeserInnen auf Orientierungen zur Auswahl angewiesen.

Birgit Dahlke lehrt Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Artikel basiert auf einem Vortrag auf der Tagung "Autorinnen in den Kanon!" auf dem 4. Autorinnen-Forum Ende August in Rheinsberg.

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00:00 22.11.2002

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