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Theorie und Praxis Der Name Antonio Negri steht für eine unorthodoxe Linke. Dieses Wochenende sprach Negri in der Berliner Volksbühne. Wofür steht die eigentlich? fragte sich unser Autor

Einen Vortrag über undogmatisches linkes Denken kündigt die Berliner Volksbühne an. In ihrer Außenstelle Prater wird Antonio Negri sprechen. Er soll die Abkehr vom Traditionsmarxismus beleuchten, die Entstehung der Neuen Linken in Italien und Frankreich. Wer wäre dafür besser geeignet?

Negri war um 1968 einer der theoretischen Köpfe der außerparlamentarischen Bewegung in Italien. Schon damals hielt der früh zum Professor berufene Arbeitersohn Gastvorlesungen an der Sorbonne.  Später wurde Paris für ihn zum Exil, als Italiens Justiz ihn für 30 Jahre einsperren wollte. Französische Intellektuelle um Michel Foucault und Gilles Deleuze bezweifelten sofort, dass Negri der Kopf hinter den Roten Brigaden sei. Vielmehr handele es sich beim Verfahren gegen den italienischen Kollegen und seine Genossen um einen politischen Prozess, argumentierten sie. Zahlreiche italienische Linke flohen nach Frankreich, dessen Präsident François Mitterand ihnen Schutz vor Abschiebung und Haft gewährte. Auch Negri traf 1983 in Paris ein, wo Félix Guattari ihm eine Wohnung mietete. Bei seiner Rückkehr nach Italien 1997 gehörte Negri längst zum französischen Intellektuellenmilieu.

Heute pendelt er zwischen Paris und Venedig. Frankreich liebt er für die intensiven politischen Debatten, für das rege intellektuelle Leben. Seine venezianische Stadtwohnung nennt er scherzhaft sein Landhaus, von wo aus er zu Spaziergängen aufbricht. 

Eine anregende Veranstaltung könnte das werden, denke  ich mir. Geladen haben neben der Rosa-Luxemburg-Stiftung auch die Antifa-Gruppen des Ums-Ganze!-Bündnis. Zur Theoriegeschichte könnten sich bald aktuelle Debatten gesellen.

Zudem ist soeben das englische Original von Commonwealth erschienen. Der dritte Band von Michael Hardt und Antonio Negri nach Empire und Multitude. Entsetzt hat John Gray im Independent bemerkt, dass es die Verfasser mit dem Kommunismus halten. Das sei typisch für die geschichtsvergessene Kultur des "Hyper-Kapitalismus", meint Gray. Da niemand mehr etwas über die Verbrechen der kommunistischen Staaten wisse, laufe ein solches Buch einfach unter radical chic.

Fernab von Parteilehrgängen

Das scheint ein Missverständnis zu sein: Hardt und Negri sind weder Sowjetnostalgiker noch unbeirrbare Maoisten. Hardt entstammt der libertären Kultur der amerikanischen New Left. Und Negri war selbst dann nicht in der KP, als das in Italien beinahe zum guten Ton gehörte. Er vertrat schon in den Sechzigern jenen anderen Marxismus, um den es an diesem Abend im Prater gehen soll. Eine Theorie, die nicht aus Parteilehrgängen oder Roten Büchern stammte, sondern sich im Gespräch bildete. Die unabhängigen Marxisten suchten den Austausch mit Arbeitern und revoltierenden Jugendlichen. Deren Kritik an den Produktionsverhältnissen, ihre Bedürfnisse und Wünsche, wollten die Intellektuellen theoretisch nachvollziehen. Als Avantgarde sahen sie sich nicht.

Viele Fragen also, die mich an diesem Abend umtreiben.  Die Presseinformation klingt entspannt. Kein Wunder: In der Volksbühne geht es nicht förmlich zu, man ist professionell, aber unkompliziert, weiß ich und lese "Journalisten akkreditieren sich vor Ort, an der Kasse der Volksbühne. Der Eintritt ist in diesem Fall frei."

Zwanzig Minuten vor Beginn zweifele ich erstmals an der Professionalität. Es gibt nur eine Kasse, die Schlange windet sich um zwei Ecken, und noch strömen Leute herein. Gut, das hätte man wissen können. Wenn Negri kommt, ist der Andrang immer groß. Erster Unmut in der Schlange. Der Journalist seit langem mittendrin. Eine gesonderte Anlaufstelle für die Presse gibt es nicht. Warum auch? Anstellen kann man sich ja ruhig. Freier Eintritt ist doch Privileg genug.
Dann der Ruf von der Kasse: Sind noch Reservierungen abzuholen? Sollen die Leute getrost erst ihre bestellten Karten bekommen, denke ich, da muss ich mich nicht zwischen drängeln.

Verdienstausfall kein Thema

Die Reservierungen sind abgeholt. Die Schlange zerfranst vorne. Hinten stehen noch ein paar, zu denen die schlechte Nachricht nicht vorgedrungen ist. Der Saal ist voll. Auftritt der Journalist. Jetzt hat er Platz, jetzt stört er keinen, da kann er sich fix akkreditieren. Denkste.

Nein, heißt es lapidar, es gebe keine Karten mehr. Weiß ich, sagt der Journalist, ich will mich bloß akkreditieren. Das geht nicht, kommt zurück, wir sind ausverkauft und hätten vor zehn Minuten anfangen müssen. Ja, sagt der Journalist, und ich muss berichten, mir entgeht sonst ein Auftrag. Allein: Der Diskurs um Prekarität, der im Haus geführt wird, scheint nicht überall Spuren hinterlassen zu haben. Nonchalant übergeht man den Hinweis auf drohenden Verdienstausfall.

Stattdessen gibt es eine Runde Sekundärtugenden gratis. Auf unpünktliche Journalisten könne man keine Rücksicht nehmen, heißt es. Der so Gescholtene zitiert die Presseeinladung. Erfolglos. Allmählich beschleicht es mich: Hätte wohl nicht höflich sein sollen, sondern gleich mein Privileg geltend machen. Hätte laut Ich sagen sollen, statt sich anzustellen, wie es die Blöden tun.

Deklassierung der intellektuellen Arbeitskraft

Die Kasse mauert, längst hat sich ein weiterer Mitarbeiter eingemischt: Linksalternative Optik, gepaart mit der bereits legendären Berliner Freundlichkeit. Schuld ist natürlich der Journalist. Hätte halt früher kommen sollen, hätte wissen müssen, wie es läuft im Theater. Wem es nicht passt, hat Pech gehabt.

Mit unkonventionellem Denken aus Italien und Frankreich hat nichts zu tun. Dafür umso mehr mit deutschem Reglement. Die einen warten brav in der Schlange, bis sie leer ausgehen. Die anderen beharren auf den Regeln und klammern sich an ihr bisschen Macht. So wird das nichts mit der freien Kooperation in der Multitude, denkt sich der Journalist und geht. Beim nächsten Mal werde ich telefonisch um die Reservierung einer Bahnsteigkarte zwecks Besetzung der Gleisanlagen ersuchen.

Bleibt der Gang zu YouTube. Am Vortag hat Antonio Negri vor streikenden Berliner Studierenden gesprochen. Ganz ohne schützendes Dach und Eintrittskarten. Seine kurze Rede über die "allgemeine Deklassierung der intellektuellen Arbeitskraft" in Zeiten der Krise schließt optimistisch: "Wir sind heute viel weiter als 1968. Es geht nicht mehr nur darum, ein System zu zerstören, das schon krank ist, es geht darum, ein neues zu erfinden." Wenn da mal nicht die Abendkasse vor ist.
 

13:09 23.11.2009

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