Selbst an der offenen Tür ist oft die Schwelle zu hoch

Fachkräfte Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse soll bald einfacher werden. Doch für Migranten bleiben viele Schwierigkeiten

Wenn Marina Friedmann* von ihrem Beruf erzählt, beginnt sie mit Tolstoi. Lehrer sei nur derjenige, der bereit ist, für seine Berufung Opfer zu bringen, zitiert sie und fügt hinzu: „Ich habe so viele Opfer gebracht – also bin ich doch wohl Lehrerin?“ Friedmann stammt aus der Ukraine, sie hat in Bukarest und Moskau Geschichte, Religion und Slawistik studiert und kam 2002 nach Deutschland. Doch obwohl sie Examen und drei Jahre Berufserfahrung hatte, durfte sie hier nicht als Lehrerin arbeiten. Friedmann blieb nichts übrig, als zurück an die Universität zu gehen. Nach 13 Semestern hatte sie auch die deutsche Staatsprüfung mit „sehr gut“ bestanden.

Friedmann ist kein Einzelfall. Wer in Deutschland Lehrer sein will, muss einen anerkannten Berufsabschluss nachweisen. Das gleiche gilt etwa für Ingenieure und Ärzte, für andere Gesundheitsberufe und für das Handwerk mit Meisterzwang. Rund 60 Berufe sind entsprechend reglementiert. Doch war es bislang für Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern kaum möglich nachzuweisen, dass ihre Ausbildung den hiesigen Anforderungen entspricht. Von rund elf Millionen Zuwanderern in Deutschland haben etwa drei Millionen einen ausländischen Bildungsabschluss, doch nur 500.000 eine Anerkennung. Nun soll alles leichter werden: Am 1. April tritt das neue Anerkennungsgesetz in Kraft.

Künftig können auch Migranten aus Nicht-EU-Staaten beantragen, dass ihr Berufsabschluss überprüft und mit den deutschen Standards verglichen wird. Fehlende Kenntnisse sollen nachgeholt werden dürfen. „Der Bescheid muss Unterschiede ausweisen und Hinweise auf Möglichkeiten zur Nachqualifizierung geben“, erklärt Michael Gwosdz, Leiter der „Zentralen Anlaufstelle Anerkennung“ der Diakonie Hamburg, die Migranten bei der beruflichen Anerkennung berät. Gwosdz begrüßt die Neuerung: „Jetzt geht es endlich um die Qualität der Berufsausbildung, statt um die Staatsangehörigkeit.“ Allerdings sei noch unklar, wie das Verfahren im Einzelnen aussehe. „Wir können vielen Betroffenen zur Zeit nicht sagen, wer denn eigentlich entsprechende Nachqualifizierungen vornimmt“, sagt Gwosdz.

Ein weiteres Problem ist die Finanzierung. Das Nachholen von Teilen der Ausbildung in einem Anpassungslehrgang kann bis zu drei Jahre dauern. Wer die Kosten übernimmt und wie die Betroffenen in dieser Zeit ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen, ist offen. Die Bundesregierung lehnt einen Anspruch auf finanzielle Unterstützung ab. Gwosdz drückt es so aus: „Die Tür zum Arbeitsmarkt ist jetzt offen. Aber viele werden es nicht über die Türschwelle schaffen.“

„Ich will endlich arbeiten“

Dabei werden Fachkräfte in vielen Branchen dringend gesucht, zum Beispiel im Gesundheitswesen. Der öffentliche Dienst wirbt mittlerweile mit einer Plakatkampagne um Migranten. Und die Kultusminister der Länder betonen ausdrücklich, dass sie mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund einstellen wollen. Das neue Anerkennungsgesetz des Bundes gilt allerdings für Lehrer nicht, hier sind die Länder zuständig. Sie wollen nun nachziehen und noch dieses Jahr eigene Anerkennungsgesetze auf den Weg bringen. Beim Hamburger Netzwerk „Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte“ hofft man, dass es mit der Neuregelung schnell geht. Denn an den Schulen könnten Migranten im Kollegium auch mehr interkulturelle Kompetenz bringen.

Anna und Dmitri Schönemann, beide Lehrer und ehrenamtlich für das Netzwerk engagiert, wissen das aus eigener Erfahrung: „Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund entspricht überhaupt nicht dem im Kollegium. Natürlich sind wir da wichtige Ansprechpartner und Vorbilder.“ Sie betonen aber auch, dass Zuwanderer nicht nur ihre Migrationserfahrung mitbringen: „Viele sind einfach fachlich und methodisch sehr kompetent. Das sind Leute, die die Schule braucht.“

Ob eine leichtere Anerkennung von Berufsabschlüssen ausreicht, um mehr ausländische Fachkräfte als Lehrer zu gewinnen, bleibt jedoch fraglich. Nicht nur die Zugangsbedingungen sind eine Hürde, sondern auch die Diskriminierung im Berufsalltag. Marina Friedmann etwa weiß noch nicht, ob sie künftig an einer deutschen Schule unterrichten wird.

Dank ihres hervorragenden Examens hat sie zwar sofort einen Referendariatsplatz bekommen. „Aber jetzt soll ich ein Jahr pausieren und meine Sprachkenntnisse verbessern“, erzählt sie. Friedmann hat auf deutsch studiert, der Unterricht bereitet ihr keine Probleme, mit den Schülern kommt sie gut zurecht. „Warum haben die mich überhaupt genommen, wenn mein Deutsch angeblich so schlecht ist?“, fragt sie. Sie darf ihr Referendariat fortsetzen, wenn sie ein weiteres Zertifikat vorlegt. Aber inzwischen kann sich sich auch vorstellen, einen anderen Job anzunehmen. An der Schule sieht sie ihre Kompetenzen verkannt. „Ich habe 15 Jahre studiert, ich habe alles gemacht, was von mir verlangt wurde – jetzt will ich endlich arbeiten.“

* Der Name wurde von der Redaktion geändert

Annelie Kaufmann schreibt zu rechtspolitischen Themen und lebt in Hamburg

10:00 03.03.2012
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