Selbst geflickt

Reparatur Warum soll man ein Gerät wegwerfen, wenn es nur einen Knacks hat? Es gibt doch jetzt Repair Cafés - und ein altes Hobby wird weltweit neu entdeckt

Wenn er von Klos erzählt, gerät Wolfgang Heckl ins Schwärmen. „Das Teil hat uns aus dem Schlamm des Mittelalters befreit.“ Früher haben die Bewohner der Städte den Inhalt ihrer Nachttöpfe einfach auf die Straße gekippt. Heute drückt man einmal auf die Taste. Und was, wenn es kaputtgeht? Dann kann man es ganz einfach reparieren, meint Heckl. Im Internet gebe es dafür etwa zahlreiche Anleitungen.

Wolfgang Heckl möchte ein altes Hobby neu beleben: In seinem neuen Buch Die Kultur der Reparatur will der Direktor des Deutschen Museums in München die Lust aufs Reparieren neu entfachen. Es ist ein Plädoyer gegen die Wegwerfgesellschaft, und damit trifft er einen Nerv. Repair Cafés haben Zulauf, also Orte, an denen man mit Hilfe von Elektrikern, Schneiderinnen, Tischlern und Fahrradmechanikern etwas ganz machen kann. Werkzeug und Material ist vorhanden. Und die Reparatur kostet nichts. Sogar Kaffee gibt es umsonst. Jeder, der mal einen Reifen geflickt hat, weiß: Reparatur kann Spaß machen.

Die Idee stammt aus den Niederlanden: Im Oktober 2009 eröffnete die Journalistin Martine Postma das erste Repair Café in Amsterdam. Postma fordert ein neues Nachdenken über den Umgang mit natürlichen Ressourcen. Das Konzept hat sich schnell verbreitet. Repair Cafés gibt es heute in Belgien, Frankreich, Kanada und in den Vereinigten Staaten. Oder in der Fehrbelliner Straße in Berlin-Prenzlauer Berg.

Nicht nur Öko-Freaks

Altbau. Große Fenster. Um die 20 Leute, Akademiker bis Senioren werkeln in einem Hinterzimmer an großen Tischen herum. Vor ihnen liegen Staubsauger, Videorekorder, Küchenmixer. Wer eintritt, bekommt Kaffee angeboten. „Counter“ nennt Peter Sommer seinen Empfangstresen, es klingt professionell. Es wirkt überhaupt vieles durchdacht und nicht improvisiert, als würden ein paar Öko-Freaks in der Werkstatt herumbauen. Reparieren wird hier institutionalisiert.

Er trägt ein schwarzes Hemd, schwarze Hose und dazu feine Lederschuhe. Sommer ist Systemadministrator – und Reparaturprofi. Als solcher will er den Menschen die Angst nehmen. „Niemand ist zu blöd zum Reparieren“ sagt er. Für ihn sind es noch immer zu wenig, die sich das zutrauen. Oder es lernen wollen. Für ihn ist das Café nicht nur Werkstatt, sondern auch ein sozialer Ort. Ein Café, wenn auch ein ungewöhnliches. Er kann hier beobachten, wie viele Menschen das Reparieren verlernt haben, zu wenig Zeit. Zu aufwendig. Es gab Zeiten, da war es selbstverständlich. So beschreibt es auch Wolfgang Heckl:In jedem Quelle-Katalog gab es eine Liste mit Adressen und Telefonnummern, die man anrufen konnte, wenn eine Näh- oder Waschmaschine defekt war. So konnte man erfahren, wohin man die Geräte zum Reparieren schickt. Damals wurden Produkte noch so konzipiert, dass man sie einfach reparieren konnte. Schrauben an Schreibtischlampen wurden so angebracht, dass jeder gleich wusste, welche Funktion sie hatten.

Heute sei das anders: „Betrachten Sie einmal die Lampe auf Ihrem Schreibtisch. Können Sie da noch eine einzige Schraube erkennen?“ Was den Geräten heute ebenfalls nur noch selten beiliege – ein weiteres Zeichen für mangelnden Reparaturwillen der Industrie –, seien „Explosionszeichnungen“, Grafiken, die ein Gerät perspektivisch und in seine Einzelteile zerlegt zeigen. Grafiken, die verständlich machen, wie ein Gerät im Detail aufgebaut ist und funktioniert.

Ein geniales Klo

Deswegen nennt Heckl auch immer das Beispiel mit dem Klo. Denn dort zeigt sich beispielhaft, wie genial manches ist, das wir täglich nutzen, aber kaum verstehen. Wer repariert, begreift das System hinter dem Gerät. Und dieses Aha-Erlebnis mache glücklich. Gerade das Klo ist eine geniale Erfindung. Schon der Spülkasten: Wenn man spült, füllt sich der Kasten automatisch auf den vorherigen Wasserstand auf. Das liegt an einem Schwimmer, einer Kugel, die im Spülkasten auf dem Wasser herumschwimmt, die geht rauf und runter und ist mit einem Hebel verbunden, der das Ventil öffnet. Wenn das Wasser im Kasten sinkt, sinkt auch der Schwimmer. Er zieht einen Hebel nach unten, der wiederum ein Ventil öffnet. Dadurch fließt immer genau so viel Wasser nach, wie ins Klo abfließt. Doch nicht nur der Verbraucher sollte wieder mehr hinter die Kulissen blicken, findet der Autor Heckl. Auch die Industrie müsse ihre Produkte wieder so konzipieren, dass man sie selbst reparieren kann. Doch wenn der Akku in der elektrischen Zahnbürste fest verklebt ist, kann auch der begnadetste Reparateur nichts mehr tun.

Stefan Schridde, Verbraucherschützer und Initiator der Internetplattform „Murks, Nein Danke“, kann allerdings nicht erkennen, dass die Industrie reparaturfreundlicher wird. Schridde wirft ihr sogar vor, Geräte absichtlich so zu konstruieren, dass sie schneller kaputtgehen, als sie es eigentlich müssten. In der Fachsprache heißt das: geplante Obsoleszenz. Schridde will langlebige und reparaturfreundliche Produkte kennzeichnen lassen. Eins gibt es schon: 2006 wurden in Österreich erstmals Kriterien für die Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit von Elektro- und Elektronikgeräten festgelegt. Produkte mit diesem Label sind zerlegbar, haben keine Klebe- und Schweißverbindungen und eine Lebensdauer von mindestens zehn Jahren. Gerätepläne sind beim Hersteller erhältlich, die Lieferung von Ersatzteilen wird garantiert. Ende Juni 2007 wurden die ersten Geräte – fünf Waschmaschinen der Marke Eudora – zertifiziert. Das sei nur der Anfang, meint Schridde. Die Industrie müsse jetzt diesem Nutzerverhalten folgen. Das könnte schnell gehen: Als Schridde neulich zu einer internen Diskussionsrunde vom BDI eingeladen wurde, hat man ihm vorab mitgeteilt, dass auch jemand eingeladen worden sei, der eine Gegenposition vertreten würde. Dann hieß es plötzlich: Man habe niemanden gefunden, der an dem Tag Zeit habe. Vielleicht sind ihnen ja auch die Argumente ausgegangen.

06:00 19.09.2013
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