Selbst heizt der Mann

Trend Die Temperaturen sinken, die Energiepreise steigen, der Kachelofen kehrt zurück - Von neuer Beliebtheit alter Heizungen

"Wir haben wieder zwei schöne Öfen", sagt Tom erleichtert und schmiegt sich an die wohlige Wärme spendenden Kacheln. Die Sanierung ihres jetzt mitten in Dresden gelegenen, alten Bauernhofes verlangte, dass Tom und Sophia mit den beiden Kleinkindern vom 18. zumindest ins 20. Jahrhundert umzögen. Denn eine vollsanierte, ferngeheizte Wohnung können und wollen sich die beiden jungen Arbeitslosen nicht leisten. Aber vielleicht sind sie gerade mit der gewohnten Ofenheizung mitten im 21. Jahrhundert angekommen? "Man hat irgendwie ein sicheres Gefühl", grinst Tom.

Das erklärt sich beim Blick auf die hiesigen Öl- und Gaspreise. Der mit Kohle beziehungsweise Holz geheizte Ofen liegt als Ergänzung oder Alternative wieder voll im Trend. Nicht nur bei zu äußerster Sparsamkeit verpflichteten ALG-II-Empfängern. Auch Schulleiter Wulf-Otto Ehrhardt in Bautzen entschied sich beim Bezug der neuen Mietwohnung dafür, den noch vorhandenen Kachelofen beizubehalten. "Man kann ja nie wissen", lächelt auch er vielsagend und schweigt über die ganz eigene Form von Behaglichkeit, die der anachronistische Wärmespender in der Wohnung verbreitet.

Der Bautzener Innenarchitekt Gregor Illguth arbeitet derzeit an einem Auftrag, bei dem weniger der Kuscheleffekt als ganz nüchterne Überlegungen in eine ähnliche Richtung führen. Ein früheres Schullandheim in Neusalza-Spremberg, Oberlausitz, wird zu einem Wohn- und Geschäftshaus umgebaut. In das Gebäude kommen klassische Kamine genauso hinein wie moderne Erdwärmepumpen. Man verlässt sich nicht mehr gern auf eine einzige Heizungsart. "Die Investitionen haben sich in fünf bis acht Jahren amortisiert."

Bei der Ofenbauer Fliesenleger Dresden-Ost GmbH liegt der Schreibtisch voller Auftragszettel. "Die Wartezeiten haben sich auf fast vier Monate verlängert", sagt Meister und Geschäftsführer Rolf Pinkert. Beispielhaft greift er ein ideenvoll umgebautes Haus im Dresdner Süden heraus. Nicht nur einen Kachelofen, sondern auch einen gesetzten Küchenherd und einen Beistellherd soll er hier installieren.

"Der Ofen ist nicht mehr tabu", pflichtet Peter Hohenberg bei, Sprecher der Dresdner städtischen Wohnungsgesellschaft Woba. Während des mit hohen Abschreibungserleichterungen verbundenen Sanierungsbooms in den neunziger Jahren sind die meisten Schornsteine stillgelegt worden. "Der Ofen war kein Vermietungsargument mehr und bestenfalls ein Privileg für die Schickeria." Das hat sich gründlich geändert. Bei den neueren Sanierungsobjekten der Woba bleiben die Schornsteine funktionsfähig. Anschlüsse in den Wohnungen sind vorbereitet.

Der Trend zum Ofen, so sagen Ofensetzer, Schornsteinfeger, Innenarchitekten und Baumärkte übereinstimmend, macht sich schon seit ein, zwei Jahren bemerkbar. Ein regelrechter Boom aber setzte erst nach dem starken Preisanstieg von Öl und Gas im letzten Herbst ein. Das Umsatzplus, das vorerst nur zu schätzen ist, wagt man bei Hagos, dem größten deutschen Ofenbauer, schon zu beziffern. Etwa 20 Prozent mehr transportable Feuerstätten sind deutschlandweit im letzten Vierteljahr abgesetzt worden, teilte Vorstandssprecher Ralf Tigges in Stuttgart mit.

Zu diesen transportablen Öfen gehört der legendäre Glutos-Küchenbeistellherd, der in fast keinem DDR-Haushalt fehlte. Tom und Sophia hätten ihn gern in ihrem neuen Domizil in Dresden. Es mag verwundern, aber der Betrieb, der den Herd im sächsischen Crimmitschau produzierte, existiert noch immer. Nach der Wende ging der Absatz drastisch zurück, 1999 kam die Insolvenz und ein Teilaufkauf durch die Firma Omeras, die sich auf emaillierte Oberflächen spezialisiert hat. Neben dem Herdbau hält sich Glutos mit allen möglichen Metallarbeiten in einem Teil des früheren Betriebsgeländes über Wasser. Im Büro der Betriebsleitung findet man noch den gusseisernen Großvater aller Beistellherde. Und in der Werkhalle stehen alte Großpressen, die aus dem VEB Pressen- und Scherenwerk Erfurt stammen. Was hier geformt und montiert wird, sei mit den alles fressenden Herden von einst nicht mehr zu vergleichen, betont Produktionsleiter Stefan Rau. Luftführung und Wirkungsgrad sind optimiert, das Kohlenmonoxid im Abgas minimiert worden. Äußerlich hat sich das Design in Richtung Kaminofen gewandelt.

Mittlerweile ist Glutos der einzige noch in Deutschland produzierende Hersteller von Küchenherden. Auch hier blickt man nun optimistischer auf den Absatz, der zuletzt nur bei 2.500 Herden pro Jahr lag. Die steigende Nachfrage führt Produktionschef Rau auf den Bedarf von ALG-II-Empfängern zurück, die wie Tom und Sophia in unsanierte Wohnungen ohne Zentralheizung ausweichen müssen. Dem Trend folgend überlegt man bei Glutos sogar die Aufnahme von transportablen Kaminöfen ins Produktionsprogramm. Eine hochmoderne Laseranlage für Teilezuschnitte ist dafür bereits angeschafft worden.

Die Klientel von Ofensetzermeister Pinkert in Dresden kommt hingegen aus deutlich wohlhabenderen Kreisen. Mindestens Eigenheimklasse, denn ein Mieter würde wohl kaum die Einrichtung eines Kamins erwägen. Bei Pinkerts Kunden geht es mehr um Wohnkultur und knisterndes Holz als um Sparsamkeit. Um die 6.500 Euro kann ein individuell gestalteter Kamin kosten, die Standardausführung ist etwas günstiger. Eine einzelne Kachel, die bei Sanierungen vor zwölf Jahren noch auf den Bauschutt flog, kostet heute schon 20 Euro. "Wer sparen will, muss investieren", sagt Meister Pinkert. Deshalb melden sich zunehmend Vermieter bei ihm, die ihre Mietwohnungen mit Öfen aufwerten wollen. Dabei läuft dem komfortablen Kamin der transportable Kaminofen den Rang ab; die Ofensetzer verzeichnen gestiegene Verkaufszahlen, obwohl ihre Qualitätsangebote etwa das Fünffache der 300-Euro-Billigprodukte im Baumarkt kosten.

Vor das Mysterium der Ofensetzerei haben die Götter der Bauvorschriften den Schornsteinfeger gesetzt. Er prüft alles, was über die vom Ofensetzer zu begutachtende Standfestigkeit hinausgeht. "Das ist schon seit dem 14. Jahrhundert so üblich", bemerkt Bezirksschornsteinfegermeister Matthias Kirsten aus Riesa nicht ohne Stolz. "Einfach ein Loch in den Schornstein - das genügt nicht." Die klassische Zugprüfung im Schornstein reicht auch nicht mehr. Bei den heute gut abgedichteten Fenstern und Türen ist die Zuluft sogar das Hauptproblem. Matthias Kirsten weiß von tödlichen Kohlenmonoxidvergiftungen während des Schlafes zu berichten. Am neuen Glutos-Beistellherd entdeckt man deshalb jetzt einen zweiten Stutzen für ein Zuluft-Rohr.

Kirsten hat in der Zeit, da alles raus musste, was nach DDR roch, vor dem Massenabriss von Schornsteinen gewarnt. Sogar Eigenheimbauer hätten gern am Schornstein gespart, obwohl der erfahrungsgemäß kaum mehr als ein Prozent der Baukosten ausmacht. Das hat sich gründlich geändert. "Ich habe noch nie solch einen Ofenboom wie jetzt erlebt." Nach Kirstens Schätzungen verfügt bereits jeder zehnte Haushalt wieder über eine traditionell-alternative Feuerstätte.

Bleibt die Frage, womit geheizt wird. Schornsteinfeger und Umweltexperten warnen davor, den Ofen als private Müllverbrennungsanlage zu betrachten. Tom und Sophia haben das auf ihrem alten Bauernhof bislang munter so praktiziert. Alles, was einen Papieranteil enthielt oder entfernt an Holz erinnerte wie Sträucher aus dem Garten, flog durch die Offenklappe; das Badewasser wurde mit Zeitungen warm. Moderne Holzkessel versotten dadurch schnell. Gerade vor der Verbrennung von buntbedruckten Hochglanzmagazinen warnt Matthias Böttger, Abteilungsleiter im Sächsischen Landesamt für Umwelt und Naturschutz. "Feinstäube und Schadgase sind schon ein Problem." Verantwortungsloses Verbrennen kann nämlich nicht geahndet werden, weil das Haus als Privatsphäre geschützt ist.

In jedem Fall sind die Zeiten vorbei, da ein Lastwagen die Kohlenladung auf den Bürgersteig kippte und die ganze Familie sie dann durchs Kellerfenster schippen musste. Das Brikett ist auf dem Rückzug und mit Preisen um elf Euro pro Zentner auch relativ teuer. Der alljährlich im Herbst fällige Winterzuschlag würde im Frühjahr einfach nicht zurückgenommen, heißt es beim Brennstoffhandel Caspar in Dresden. Die Holzpreise klettern zwar auch, aber bei weitem nicht so schnell wie die von Öl und Gas. Bei Caspar kostete der Kubikmeter Holz im Vorjahr 75 Euro, jetzt steht er bei 80 Euro. Die Firma bezieht das Holz direkt vom Forstamt, wobei man sich mit dem Abtransport stets beeilen muss, weil eifrig geklaut wird. Darüber hat zu Jahresbeginn erstmals öffentlich der nordrhein-westfälische Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU) geklagt: illegal würden ganze Wälder leer geräumt, ja sogar Bäume gefällt. Alles eine Folge der steigenden Energiepreise.

Dabei lässt sich die Lizenz zum Selbersammeln beim Förster ganz legal und preiswert erwerben und somit so mancher Bauer als Zwischenhändler umgehen, der im Nebenerwerb das Holzgeschäft betreibt. Aus ökologischen Gründen, wendet Matthias Böttger vom Sächsischen Landesamt ein, wäre aber ein "besenreiner Wald" nicht anzustreben, weil Kleinstlebewesen das Bruchholz brauchen. Über die ökologische Bilanz der Holzverbrennung gibt es ohnehin geteilte Meinungen. Richtig ist, dass Holz bei der Verbrennung nicht mehr Kohlendioxid freisetzt, als es durch die Photosynthese während des Wachstums verbraucht hat. Problematisch sind die Althölzer mit hohen Schadstoffanteilen und der Wirkungsgrad bei der Verbrennung von Kaminholz, der bei gepressten Holzpellets wesentlich günstiger liegt. Wichtigster Grundsatz: Das Holz muss möglichst zwei Jahre lang getrocknet worden sein.

Öffentlich gefördert werden private Kleinfeueranlagen nicht. Zuschüsse nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gibt es nur bei einer zusätzlichen Solaranlage, bei Kraft-Wärme-Kopplungen und nur bei gewerblichen Anlagen mit mehr als 30 kW Leistung. An der Renaissance der Ofenheizungen wird das nicht viel ändern. Die Beweggründe liegen auf der Hand. "Design, Gemütlichkeit und die schlaue Alternative", resümiert Peter Hohenburg von der Dresdner Woba. Die Kölner Unternehmensberatung BBE arbeite derzeit an einer Marktanalyse des Trends, bei dem der Osten nachholt, worin er einmal führend war. Glutos etwa verkauft heute mehr Herde im Westen als in deren ursprünglichem Verbreitungsgebiet. "Besonders in den süddeutschen Gebirgsregionen war die Holzheizung nie ganz weg", sagt Produktionsleiter Stefan Rau.

Tom und Sophia freuen sich jedenfalls auf die wärmenden Kacheln in der neuen Wohnung. Und geloben, mit ordentlichem Holz zu heizen. Mit dem vom vorletzten Schneebruch.


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00:00 27.01.2006

Ausgabe 39/2020

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